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Mord an Olof Palme: „Am besten wäre, ein verrückter Schwede ist der Mörder“

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Von: Thomas Borchert

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Eine starke Stimme für Abrüstung und Verständigung: Olof Palme, 1982.
Eine starke Stimme für Abrüstung und Verständigung: Olof Palme, 1982. © AFP

Wer erschoss Schwedens Ministerpräsidenten Olof Palme im Februar 1986? Angeblich ist ein Täter gefunden, doch daran gibt es Zweifel. Nun werden bislang unter Verschluss gehaltene Bekenntnisse des Fahndungschefs Hans Holmér öffentlich. Die Geschichte eines verheerenden Staatsversagens

Hat Lisbeth Palme dem Mörder ihres Mannes wirklich in die Augen gesehen? Oder ging die Erinnerung hinterher eigene Wege und speicherte einen Passanten als Täter ab, nachdem Olof Palme direkt neben ihr auf die Knie gesunken und umgefallen war? Schwedens berühmtester Politiker war auf der Stelle tot, als ihn an der Ecke Sveavägen/Tunnelgatan der Revolverschuss von hinten am Schulterblatt traf, abgefeuert aus zehn bis 30 Zentimeter Entfernung mitten in der belebten Stockholmer Innenstadt. Die Kugel durchschlug das Rückgrat, zerriss Hauptschlagader samt Luftröhre und trat aus der Brust aus. Die zweite Kugel verletzte Lisbeth Palme leicht am Rücken. Kurz vor Mitternacht an diesem skandinavisch kalten 28. Februar 1986 konnte der Täter unerkannt durch einen Fußgängertunnel am Ende der kleinen Tunnelgatan verschwinden.

Dreieinhalb Jahrzehnte nach dem Verbrechen erinnern neue Schlagzeilen die zehn Millionen Menschen in Schweden daran, dass der Mord an Ministerpräsident Olof Palme wohl niemals aufgeklärt wird. Die stümperhafte Bearbeitung von Lisbeth Palmes Erinnerungen an den Tathergang mit einem Freispruch als Folge ist zum Symbol für dieses Staatsversagen geworden. Gerade erst hat Sveriges Radio bisher unter Verschluss gehaltene Bekenntnisse des ersten Fahndungschefs Hans Holmér 20 Jahre nach dessen Tod veröffentlicht. Da ist zu hören, wie er wenige Tage nach dem Mord einer Reporterin einen dringenden Wunsch offenbart: „Am besten wäre, ein verrückter Schwede ist der Mörder.“

Olof Palme: Wird der Mord je wirklich aufgeklärt?

In dem neu erschienenen Buch „Statsministermordet“ („Ministerpräsidenten-Mord“) breitet Ex-Ombudsmann Hans-Gunnar Axberger, als angesehener Jurist vor Jahren auch Mitglied einer staatlichen Untersuchungskommission zu dem Fahndungsfiasko, seelenruhig und – das Klischee passt nun mal – spannend wie in einem hochklassigen Schweden-Krimi sein Wissen aus. Über den ersten Fahndungschef schreibt er: „Ich habe Hans Holmér in vielerlei Hinsicht respektiert und hätte gern positiver über ihn geschrieben als es möglich war.“ An die Bucharbeit hat sich Axberger gemacht, als der letzte in einer langen Reihe von Holmér-Nachfolgern 2020 die Fahndung für beendet erklärt hatte: Es gebe keine Hoffnung mehr, den Mörder zur Verantwortung zu ziehen.

Gewaltige Schlagzeilen hatte dieser Palme-Fahnder namens Krister Petersson produziert, als er Monate vorher kundtat, er werde die „Lösung“ des Mordfalles verkünden. Sie bestand dann darin, einen im Jahr 2000 verstorbenen Mann aus der Kategorie „verrückter Schwede“ mit Namensnennung, aber ohne einen einzigen handfesten Beweis öffentlich anzuprangern.

Zur Person

Olof Palme , geboren am 30. Januar 1927, zählt zu den charismatischen Politikern seiner Generation. Er ist insgesamt mehr als zehn Jahre Schwedens Regierungschef, erst von 1969 bis 1976, dann von 1982 bis zur Mordnacht 1986. Für Sozialdemokrat:innen gilt er als international geschätzte und weltoffene Ikone, er ist zudem ein enger Verbündeter des deutschen Ex-Bundeskanzlers Willy Brandt. Palme wird am Abend des 28. Februar 1986 auf offener Straße mitten in der Stockholmer Innenstadt erschossen, als er mit seiner Frau aus dem Kino kommt.

Für Schweden ist es der größte Kriminalfall seiner Geschichte, die Tat kommt für viele dem Mord an US-Präsident John F. Kennedy 1963 in Dallas gleich. Die jahrzehntelangen Ermittlungen werden im Juni 2020 mit der Benennung eines mutmaßlichen Täters offiziell eingestellt. Weil dieser Mann bereits im Jahr 2000 gestorben ist, kann jedoch keine Anklage gegen ihn erhoben werden. dpa

An ihm führe „kein Weg als Täter vorbei“, sagte der Repräsentant von Schwedens Justiz – ohne Gerichtsverfahren oder irgendeine andere Möglichkeit zur Verteidigung für den Betroffenen. Axberger schreibt, man habe nach all den Jahren mit „den kleinen und großen Katastrophen nicht glauben können, dass es noch schlimmer kommt“. Ein Irrtum: „Dies wurde die endgültige Kapitulation des schwedischen Rechtsstaates.“

Als sich am ersten März-Wochenende 1986 die Nachricht von dem Anschlag auf Palme ausbreitete, war bei aller Fassungslosigkeit sofort klar: Dieses Verbrechen musste um jeden Preis aufgeklärt und der Täter zur Rechenschaft gezogen werden. Koste es, was es wolle. Tief ins Mark traf der Anschlag dieses Land ohne die geringste Erfahrung mit politisch motivierten Anschlägen auf Regierende, beneidenswert durchdrungen von einem durch und durch friedlichen, auch zur idyllischen Verklärung neigenden Selbstbild.

Fahndungschef Holmér zeigt im März 1986 Revolver, deren Typ beim Mord verwendet wurde. Die Tatwaffe wurde nie gefunden .
Fahndungschef Holmér zeigt im März 1986 Revolver, deren Typ beim Mord verwendet wurde. Die Tatwaffe wurde nie gefunden . © AFP

Dazu passte auch die Vorgeschichte: Olof und Lisbeth Palme waren am Freitagabend gemeinsam mit Sohn Mårten und dessen Freundin nach einem Kinobesuch zu Fuß auf dem Heimweg Richtung Altstadt. Ohne Bewachung, einfach noch ein bisschen Bewegung und frische Luft schnappen. So etwas ging auch für den Regierungschef und seine Frau. Dachten alle. Als zwei Revolverschüsse diese Annahme widerlegten, galt plötzlich alles als möglich: Steckten feindselige Geheimdienste, der CIA, der Iran, Südafrika, chilenische Pinochet-Schergen oder rechtsradikale „Palme-Hasser“ aus dem eigenen Land dahinter, von denen es auch in der Polizei etliche gab? Handelte es sich gar um den Auftakt zu einem Staatsstreich von rechts, mit Überwachung Palmes von langer Hand vorbereitet? Oder war es doch ein „einsamer Wolf“, psychisch gestört und gewaltbereit, der das berühmte Paar beim Gang ins Kino erspäht, schnell eine Waffe besorgte und nach der Vorstellung zu Tat geschritten war?

In „Statsministermordet“ führt Hans-Gunnar Axberger auch die kleinen Katastrophen auf dem Weg zur großen Havarie auf: Am Tatort fand der Polizeibeamte Gösta Söderström Chaos vor, als er drei Minuten nach den Schüssen im Streifenwagen ankam. Auch er glaubte zunächst, dass es hier mal wieder um irgendetwas mit Betrunkenen ging. Bis die verzweifelte Lisbeth Palme ihn anschrie: „Hast du sie noch alle? Erkennst du mich nicht? Ich bin Lisbeth Palme, und da liegt mein Mann Olof.“ Als Söderström, in diesem Moment der Einsatzleiter am Tatort, begriff, womit er es hier zu tun hatte, befiel ihn, so Axberger, „vollkommene Lähmung gegenüber seiner Rolle, er setzt sich ins Auto und bekommt wenig zustande“.

Der Mordfall Olof Palme zeigt die Überforderung des Polizeiapparats

So erging es in den entscheidenden ersten Stunden auch viel zu vielen anderen. Niemand dachte daran, sofort eine landesweite Fahndung nach dem Unbekannten auszurufen. Über die nächtliche Arbeit in Stockholms Polizeizentrale liest man aus diesen Tagen ohne Handys, Internet, DNA-Spuren sowie auch ohne clevere Presseabteilungen: „Die Telefonleitungen wurden von Zeitungsredaktionen blockiert, die wissen wollten, was los war. Die Hauptbeschäftigung bestand darin, zu erklären, dass man nicht mehr wusste, als dass der Regierungschef erschossen worden sei. Um die Geschichte der langen Nacht kurz zu machen: Die Polizeiorganisation brach zusammen.“

So war auch die Stimmung, als am nächsten Vormittag Stockholms Polizeichef Hans Holmér in der Zentrale aufkreuzte und entschlossen die Parole „alles hört auf mein Kommando“ ausgab. Er bekam sofort bei Ingvar Carlsson, bisher Stellvertreter und dann Nachfolger des Ermordeten Olof Palme an der Spitze von sozialdemokratischer Partei und Regierung, nahezu unbegrenzte Handlungsvollmachten samt Ressourcen. Die tief geschockte politische Spitze war einfach heilfroh, dass da jemand die tonnenschwere Last der Verantwortung ohne Zögern ganz allein auf sich nahm.

Die Aussagen der Witwe von Olof Palme führten in die Irre

Überdies erwies sich bei den nun täglich live im Fernsehen übertragenen Pressekonferenzen, dass Holmér schon erreichte oder unmittelbar bevorstehende Fahndungsfortschritte vollkommen überzeugend verkünden konnte – wenngleich sie sich später allesamt als Luftnummern herausstellen. Holmér wurde noch Ende 1986 zum „Schweden des Jahres“ gekürt, als er die gigantisch hochgerüstete Palme-Fahndung mit 300 Ermittlern zum zweiten Mal und nun praktisch irreparabel gegen die Wand fuhr. Beim ersten Mal gut eine Woche nach dem Mord hatte er der Bevölkerung einen 33-Jährigen aus der Kategorie „verrückter Schwede“ als vermutlichen Täter präsentiert. Axberger beschreibt die Stimmung im Land: „Das wurde so aufgefasst, dass das Morddrama vor seiner Lösung stand und alles so lief, wie es laufen sollte. Schweden funktionierte. Den Behörden konnte man am Ende und wie immer vertrauen.“

Welch ein Irrtum. Nach wenigen Tagen wurde der Verdächtige wegen allzu dürftiger Indizien freigelassen und als Tatverdächtiger gestrichen. Als kompletter Unfug, die erwünschten Tipps aus der Bevölkerung in eine falsche Richtung lenkend, erwies sich ein von Holmér stolz veröffentlichtes Phantombild von dem angeblichen Täter. Für Axberger „der wohl größte Einzelfehler bei der gesamten Fahndung“. Hans Holmér war Jurist und Chef einer Polizeibehörde, aber kein Kriminalist. Er hatte nie im Leben an einer Mordfahndung teilgenommen.

Am Tatort in Stockholm ist eine Gedenkplatte in den Gehweg eingelassen.
Am Tatort in Stockholm ist eine Gedenkplatte in den Gehweg eingelassen. © AFP

Als zweites rief Holmér mit „95 Prozent Sicherheit“ die kurdische Arbeiterpartei PKK als verantwortlich für den Palme-Mord aus. Ein Zeuge hatte betrunken von eigenen Revolverkäufen im PKK-Auftrag berichtet. Holmér war sich zudem vollkommen sicher, dass der in abgehörten Telefonaten von PKK-Aktivisten verwendete Begriff „Hochzeit“ das Codewort für den Mord an Palme war. Eine ebenfalls haltlose Theorie, konkrete Anhaltspunkte gab es nicht. Doch Holmérs rechtswidrige Abhör- und weitere Überwachungsaktionen wurden genehmigt. Seine „Operation Alfa“ etwa mit Massenfestnahmen und -ausweisungen sollte Exil-Kurden in Schweden so „unter Stress setzen“, dass zwangsläufig jemand über den Anschlag auf Palme „singen“ würde. Die Staatsanwaltschaft ließ sämtliche Festgenommenen wieder frei und kritisierte Holmérs Methoden öffentlich. Ein Jahr nach dem Mord an Olof Palme musste Holmér schließlich gehen. Bis zu seinem Tod 2002 fand er, kein Scherz, sein Auskommen als Autor von zwölf Schweden-Krimis.

1989 präsentierten Holmérs Nachfolger den als Gewalttäter vorbestraften, alkohol- und drogenabhängigen Christer Pettersson (namensgleich mit, aber anders geschrieben als der letzte staatliche Palme-Fahnder). Er wurde in erster Instanz verurteilt. Ohne einen einzigen Beweis, im Grunde nur dank der Identifizierung durch Lisbeth Palme. Die Berufung brachte den in der Fachwelt allseits erwarteten Freispruch – die Überführung als angeblicher Täter verlief dilettantisch und war somit juristisch wertlos. Die Zeugin trug selbst dazu bei mit ihrer Bemerkung, warum sie bei einer Gegenüberstellung mit zwölf Männern ausgerechnet auf Pettersson gezeigt hatte: „Man sieht doch gleich, wer Alkoholiker ist.“

Der angebliche Mörder von Olof Palme war längst tot

Hans Holmér hatte schon kurz nach der Mordnacht seine Zweifel, ob Lisbeth Palme in Wirklichkeit einen zufälligen Passanten als den bei der Flucht innehaltenden und sich umschauenden Täter im Gedächtnis behalten hat. „Ich hätte ihre Aussage in zwei Minuten knacken können,“ vertraute er nach der ersten langen Befragung einer Reporterin und ihrem Tonband an. Was sich natürlich bei der Ehefrau des Mordopfers nicht gehört, schon gar nicht, wenn es sich um die Ehefrau des Ministerpräsidenten handelt. Lisbeth Palme ersparte er die Teilnahme an der Rekonstruktion des Mordes am Tatort als „nicht zumutbar“.

Bis zu den Gerichtsverfahren gegen Pettersson 1989 wurden ihr von der Polizei immer wieder solche erstaunlichen, für die Mordaufklärung fatalen Privilegien eingeräumt. Lisbeth Palme gehörte mit ihrem Mann zur obersten Riege der Sozialdemokratie, die diesen Staat in den vergangenen 100 Jahren geprägt hat. Hans Holmér galt als „Mann der Sozis“ im ansonsten bedenklich rechts orientierten Polizeiapparat. Auch deshalb wohl dauerte es unendlich lange, bis selbst der unendlich geduldige Sozialdemokrat Carlsson eingesehen hatte, dass Holmér nicht zu halten war.

„Der Fluch, der auf Hans Holmér lastete, pflanzte sich auf den Fortgang der Fahndung fort,“ schreibt Axberger. Dass keine Konspiration hinter dem Fahndungs-Fiasko steckt, ist eindeutig klargestellt. Genauso klar ist, dass die Inkompetenz eines hoch entwickelten Staatsapparates den Ausschlag für das Scheitern gab – aber in so groteskem Maß, dass man schon an höhere Mächte zu glauben geneigt ist.

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