Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

KOMMENTAR

Mord vor der Moschee

  • Karl Grobe
    VonKarl Grobe
    schließen

Der tödliche Anschlag auf den irakischen Ayatollah Mohammed Bakir al-Hakim trifft den so genannten Regierungsrat, dem die Besatzungsbehörden einen Teil der

Der tödliche Anschlag auf den irakischen Ayatollah Mohammed Bakir al-Hakim trifft den so genannten Regierungsrat, dem die Besatzungsbehörden einen Teil der Verantwortung und sehr wenig reale Macht übertragen haben, mitten ins Herz. Der Bruder und Vertreter des Ayatollahs hatte sich zögernd dem Gremium der 25 angeschlossen; Freund der Fremdbestimmung war er nicht. Ein Garant dafür, dass der ethno-religiöse Proporz funktioniert, hatte er werden sollen.

An eben diesem Proporz aber scheitert das Notwendige: die nationale Integration des irakischen Volkes. Der Proporz geht auf irreale statistische Daten zurück, widerspiegelt die konfessionelle Vergangenheit der am wenigsten religiös geprägten Gesellschaft des Nahen Ostens und wirft sie zugleich in einen seit drei Generationen mühsam überwundenen Zustand der Glaubens- und Stammeskonflikte zurück. Er lässt den Irakern keine andere Möglichkeit als sich an den Kategorien aus der Vergangenheit zu orientieren; eine Wahl hat keiner, jeder ist vorsortiert.

Die Positionskämpfe zwischen den auf diese Weise künstlich geschaffenen Gruppen sind auf allen Ebenen entbrannt. Das Baath-Regime schon hatte in den letzten Jahren der Diktatur Saddam Husseins die Gesellschaft atomisiert, Stämme und Clans gegeneinander ausgespielt, Loyalitäten zum Diktator gestiftet und durch dessen Allgegenwart, seinen Repressionsapparat und sein System der je nach Treue abgestuften Belohnung zugleich kontrolliert. Opfer der Diktatur waren indessen auch ihre scheinbaren Nutznießer: Wer aus der Gnade fiel, was aus nichtigem Grund geschehen konnte, war verloren. Die Folge war Gehorsam aus Misstrauen.

Der Stellvertretergruppe, die von der Besatzungsmacht eingesetzt wurde, schulden aber nur die Gefolgschaften der ausgewählten Personen Gehorsam. Die Mehrheit, dem Muster "wir hier unten - die da oben" folgend, lehnt die Kollaborateure ab, weil sie Kollaborateure sind. Zur Gewalt ist das Volk nicht bereit, aber es gibt eine Minderheit von Eiferern ohne Bedenken.

Die Gewaltkriminalität wächst rapide an. Monatlich geschehen derzeit in Bagdad an die 700 Morde, wie Iraq Today berichtet. Was landesweit passiert, ist nicht zu erfassen. Der Mord an al-Hakim gehört aber gewiss nicht in die Kategorie der "gewöhnlichen" Kriminalität. Er hat mit Sicherheit ebenso einen politischen Hintergrund wie der fehlgeschlagene Anschlag auf seinen Onkel am vergangenen Sonntag. Es wird auf den Machtkampf zwischen der lumpenproletarisch-mittelständischen Bewegung des Muktada as-Sadr und den etablierten Ulema spekuliert; doch ist kaum vorstellbar, dass Gläubige beim Freitagsgebet am Tor der Ali-Moschee in Nadschaf einen Mord an einem Schiitenführer begehen könnten, selbst wenn er ihnen noch so verhasst sein sollte.

Der Konflikt zwischen den verschiedenen Strömungen unter der schiitischen Bevölkerungsmehrheit ist dennoch da. Er wird rasch schärfer - nicht weil, wie das gängige Vorurteil lautet, Schiiten angeblich gewaltbereiter sind, sondern weil sich manche prominente Vertreter der Besatzungsmacht angeschlossen haben, nachdem sie aus dem Exil zurückgekehrt sind, weil andere, die im Untergrund gegen die Diktatur gekämpft haben, sich nun beiseite gedrängt sehen, und weil wieder andere sich als so marginalisiert empfinden wie die Mehrheit.

Es ist erschreckend schnell, begünstigt durch die angeordnete Sortierung nach ethno-religiösen Bestimmungselementen, eine fundamentalistische sunnitische Strömung angewachsen. Sie setzt gemeinsam mit den Radikalen der anderen Konfession dort, wo sie kann, gegen Frauen den Schleierzwang durch, verdrängt Frauen aus dem Berufsleben, ruft zum Kampf gegen die Fremden, weil sie Fremde sind. Sie nimmt die Kollaborateure aufs Korn als vermeintliche Verräter. Diese Radikalen haben ihre Erfahrungen mit dem Diktator durchlitten und verzweifeln nun an denen, die als Befreier über sie gekommen sind. "Saddam-Loyalisten", die angeblich hinter allem Unheil stecken, sind das gerade nicht. Aber Täter können sie sein.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare