+
Unweit des nach ihm benannten Platzes wurde Halit Yozgat in einem Internetcafé in der Holländischen Straße erschossen.

Rechtsterrorismus

Mord an Lübcke: Gewaltbereite Kasseler Neonaziszene

  • schließen

Die Kasseler Neonazi-Szene gilt als gewaltbereit. Und spätestens seit Bekanntwerden des NSU 2011 wird die Neonazi-Szene der Stadt und ihres Umlands mit anderen Augen gesehen.

Es ist nicht das erste Mal, dass Kassel mit rechtem Terrorismus in Verbindung gebracht wird. Spätestens seit Bekanntwerden des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) 2011 wird die Neonazi-Szene der Stadt und ihres Umlands auch in der breiten Öffentlichkeit mit anderen Augen gesehen. Am 6. April 2006 war der 21-jährige Halit Yozgat in seinem Internet-Café in Kassel erschossen worden, heute wird die Tat dem NSU zugeschrieben. Da nur zwei Tage zuvor, am 4. April 2006, der Kioskbetreiber Mehmet Kubasik in Dortmund vom NSU ermordet worden war, wird immer wieder die Frage diskutiert, ob die beiden Morde in Verbindung standen – und ob es in beiden Städten rechte Strukturen gab, die den Mördern halfen.

Szene im  NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages thematisiert

Tatsächlich gab es Anfang der 2000er Jahre in Kassel eine militante Neonazi-Szene, die sich zu rechten Terrorkonzepten bekannte. Diese gewaltbereite Szene wurde auch im NSU-Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtages thematisiert, der die Hintergründe des Mordes an Halit Yozgat untersuchte. So hatte sich im Umfeld der Dortmunder Neonazi-Band „Oidoxie“ eine Truppe namens „Oidoxie-Streetfighting-Crew“ gebildet, der auch Neonazis aus Kassel angehörten. Oidoxie trat damals als zentrale Band von „Combat 18“ („Kampfgruppe Adolf Hitler“) auf, dem bewaffneten Arm des in Deutschland verbotenen Netzwerks „Blood and Honour“. In ihren Texten bekannte Oidoxie sich offensiv zu rechtem Terrorismus.

„Blood and Honour“ trotz des Verbots fortgeführt

Zur „Streetfighting Crew“ gehörte auch der Kasseler Neonazi Michel F., der heute mit der „Hardcore Crew Cassel“ eine eigene Gang betreibt und als Zeuge im NSU-Ausschuss behauptete, mit der rechten Szene gebrochen zu haben. Ein weiterer Nordhesse aus dem damaligen Umfeld der „Streetfighting Crew“, der bis heute für Schlagzeilen sorgt, ist Stanley R. Im März 2018 war R. wegen eines fahrlässigen Verstoßes gegen das Waffengesetz zu einer Geldstrafe verurteilt worden: 2017 hatte er nach einer Schießübung deutscher Neonazis in Tschechien, die von den Behörden Combat 18 zugerechnet werden, zwei Patronen nach Deutschland eingeführt. Anfang dieses Jahres saß R. zwischenzeitlich in Untersuchungshaft, weil die Generalstaatsanwaltschaft München ihn und elf andere Neonazis verdächtigt, gegen das Vereinsgesetz verstoßen und „Blood and Honour“ trotz des Verbots fortgeführt zu haben.

Lesen Sie hier die Entwicklungen im Mordfall Lübcke

Auch in der weniger klandestin organisierten rechten Kameradschaftsszene gibt es in Kassel bekannte Strukturen. Im Herbst 2015 verbot Hessens Innenminister Peter Beuth die als Verein organisierte Kasseler Neonazi-Kameradschaft „Sturm 18“. Bei einer Razzia im August 2014 waren unter anderem Waffen und NS-Propaganda sichergestellt worden. Kopf von „Sturm 18“ ist der als extrem gewalttätig geltende Neonazi Bernd Tödter. Im Juni 2016 war Tödter zuletzt wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Anstiftung zur Körperverletzung zu zweieinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Das Gericht hatte es als erwiesen angesehen, dass Tödter und seine Kameraden eine Woche lang einen Mann festgehalten und gequält hatten, der bei „Sturm 18“ aussteigen wollte.

Das könnte Sie auch interessieren: Hetze gegen Walter Lübcke: „Der Volksschädling wurde jetzt hingerichtet“

Neben der Gewaltbereitschaft betonten Experten im hessischen NSU-Ausschuss immer wieder die überregionale Vernetzung der Kasseler Szene – vor allem nach Thüringen und Nordrhein-Westfalen. Auch der verurteilte Rechtsterrorist Manfred Roeder, Gründer der 1980 zerschlagenen Terrororganisation „Deutsche Aktionsgruppen“, war seit den 70er Jahren unweit von Kassel ansässig: In der Kleinstadt Schwarzenborn besaß er nach eigenen Angaben einen „Reichshof“, der als Treffpunkt der rechten Szene diente. Die „Deutschen Aktionsgruppen“ hatten 1980 mehrere Brand- und Sprengstoffanschläge verübt, unter anderem gegen Flüchtlingsunterkünfte.

Mehr zum Thema Rechtsextremismus

Radikale Szene in Wiesbaden: „Neues rechtes Milieu“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion