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Auch Premier Joseph Muscat gerät nun in Bedrängnis.

Mord an Journalistin 

Mord an Journalistin Galizia: Maltas Regierung taumelt

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Ein Minister nach dem anderen tritt angesichts der Caruana-Galizia-Affäre ab.

Nicht nur die Website der Tageszeitung „Malta Today“ stürzte am Dienstagvormittag wegen Überlastung ab, nachdem sie gemeldet hatte, dass Keith Schembri, Kabinetts-Chef der Labour-Regierung, und einer der engsten Mitarbeiter von Premier Joseph Muscat, seinen Rücktritt eingereicht hatte. Am Ende des Tages waren noch zwei Staatsminister weg, und Muscat wurde am späten Abend beim Verlassen des Parlaments, von einer wütenden Menge mit Eiern beworfen.

Verhaftung im Morgengrauen

Die vergangenen Wochen auf Malta waren turbulent. Am 14. November wurde ein Krimineller namens Melvin Theuma verhaftet, der bis dahin kaum in Erscheinung getreten war, doch in dessen Wohnung die Polizei laut „Times of Malta“ zwei Millionen Euro in bar fand. Theuma gestand – völlig überraschend –, am Mord der Journalistin Daphne Caruana Galizia am 16. Oktober 2017 beteiligt gewesen zu sein: als „Vermittler“ zwischen Auftraggeber und Täter. Und gegen Straffreiheit würde er auch die Namen jener Auftraggeber preisgeben. Zwar waren kurz nach der Tat drei mutmaßliche Bombenleger verhaftet worden, doch weitere Erkenntnisse gab es seither nicht.

Einen Tag nachdem die Regierung einen „Deal“ mit Theuma abgesegnet hatte, folgte der nächste Schock: Einer der reichsten Männer des Eilands, „Kasino König“ Yorgen Fenech, wurde bei dem Versuch ertappt, auf seiner Vier-Millionen-Euro-Yacht zu entwischen. Die Küstenwache verhaftete ihn im Morgengrauen des 20. November. Schon seit Monaten war sein Name im Zusammenhang mit dem Attentat genannt worden – hinter vorgehaltener Hand. Sein Fluchtversuch wirkte wie ein Geständnis.

Mordfall Galizia: Tourismusminister Konrad Mizzi tritt zurück

Während die drei des Mordes angeklagten Bomber zwei Jahre lang eisern geschwiegen hatten, war Fenech kooperativer. Auch er verlangte Amnestie – dann würde er weitere Beteiligte an dem Mordkomplott verraten, und wenig später nannte er den Namen des Kabinetts-Chefs: Keith Schembri wäre in mindestens einen Korruptionsskandal verwickelt und hätte den „Vermittler“ Theuma im Regierungsapparat untergebracht.

Dem ersten Streich folgte sogleich der zweite: Tourismusminister Konrad Mizzi trat zurück „angesichts der politischen, außergewöhnlichen und allgemeinen Umstände im Land“. Er beteuerte auch, nichts getan zu haben und dass er vollkommen unschuldig sei. Caruana Galizia selbst hatte schon seit dem Frühjahr 2016 den Rücktritt Schembris, Mizzis und auch Muscats gefordert. Damals hatte sie enthüllt, dass die Politiker geheime Offshore-Firmen in Übersee besaßen. Bestechungsgeld sollte auf diese Konten fließen, unter anderem auch von Yorgen Fenech, wie sich später herausstellte.

Mord an Daphne Caruana Galizia: Hätte der Tod verhindert werden können?

Fenech hatte einen gigantischen Regierungsauftrag im Energiesektor zugeschoben bekommen. Doch die Zahlungen erfolgten nie, denn die „Panama-Papers“ bestätigten Caruana Galizias Recherchen und die Firmen wurden rasch aufgelöst. Dabei blieb es aber auch. Premier Muscat stellte sich immer wieder stoisch vor seine beiden engsten Mitarbeiter.

Am – vorläufigen – Ende hat das nichts gebracht. Denn nach Schembri und Mizzi hält der Dominoeffekt weiter an. Am Nachmittag suspendierte Wirtschaftsminister Chris Cardona sich selbst. Fenech soll ihn genannt haben, doch Cardona stand schon länger unter Verdacht, weil er angeblich im Gespräch mit einem der drei Bombenleger gesehen wurde. Cardona war ebenfalls von Caruana Galizia angegriffen worden: Sie hatte berichtet dass er während eines Staatsbesuchs in Deutschland ein Bordell besucht habe. Der Minister verklagte sie daraufhin nicht nur, sondern fror auch ihre Bankkonten ein. Bis zu ihrem letzten Lebenstag konnte Caruana Galizia nicht über ihr Geld verfügen. Als sie ermordet wurde, war sie auf dem Weg zur Bank – mit dem Scheckbuch ihres Ehemannes.

Der Berichterstatter der Europäischen Union für Malta, Pieter Omtzigt, stellte nun auf Twitter die Frage: „Wären die Panama Papers vor drei Jahren untersucht worden, und Herr Schembri und Dr. Mizzi zum Rücktritt aufgefordert worden – wäre Daphne Caruana Galizia dann heute noch am Leben?“

Vorwürfe vom Sohn des Opfers

Dies ist die Frage, die bis tief in die Nacht die Menschen in Valletta auch am Dienstag auf die Straße trieb. Sie sind wütender denn je. Denn viele erinnern sich heute an die Worte von Caruana Galizias ältestem Sohn Matthew, die er nach dem Mord auf Facebook schrieb: „Eine Kultur der Straffreiheit wurde von dieser Regierung gefördert. (Der Premierminister) hat sein Büro mit Gaunern gefüllt, ebenso die Polizei und die Gerichte. Wenn die staatlichen Institutionen funktionieren würden, gäbe es kein Attentat zu untersuchen – und meine Brüder und ich hätten noch eine Mutter.“

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