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„Wir werden nicht geschützt“, sagt Michele Audette (M.).

Kanada

Völkermord an indigenen Frauen in Kanada

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Mehr als 1000 indigene Frauen sind in den vergangenen  Jahrzehnten in Kanada ermordet worden. Eine Kommission fordert tiefgreifende Veränderungen.

Frauen und Mädchen der Urvölker Kanadas sind in überdurchschnittlichem Maß Gewalt ausgesetzt. Mehr als 1000 wurden in den vergangenen Jahrzehnten getötet oder gelten als vermisst. Eine Untersuchungskommission fordert nun einen tiefgreifenden Wandel beim Umgang des Staats und der Gesellschaft mit den indigenen Völkern, den indianischen Nationen, Inuit und Métis. Für die Tragödie der ermordeten und vermissten Frauen findet der Kommissionsbericht ein drastisches Wort: Völkermord.

Kanada hat systematisch Menschen- und indigene Rechte verletzt

In der Großen Halle des Museums der kanadischen Geschichte in Ottawa-Gatineau flossen viele Tränen, Schluchzen und Weinen war zu vernehmen. Hunderte hatten sich unter den imposanten Totempfählen der Indianervölker der Pazifikküste versammelt, viele von ihnen rot gekleidet, symbolisch für die mehr als 1000 getöteten und verschwundenen indigene Frauen und Mädchen. Die zur Aufklärung der Tragödie eingesetzte Untersuchungskommission legte nach fast dreijähriger Arbeit ihren Bericht vor. Der kanadische Staat habe vorsätzlich und systematisch Menschen- und indigene Rechte verletzt, um „indigene Menschen ihrem Land, ihren Sozialstrukturen und Regierungsformen zu entreißen“, sagte die Vorsitzende Marion Buller, eine Cree und die erste indigene Frau, die als Richterin an ein Gericht der Provinz British Columbia berufen wurde. Dies sei Völkermord.

Auch der 1200 Seiten lange Bericht greift dieses in diesem Zusammenhang nicht unumstrittene Wort auf. Die Zeugenaussagen machten deutlich, dass „Genozid“ gerechtfertigt sei. Der „kanadische Genozid“ ziele zwar auf alle Angehörigen der indigenen Völker, besonders aber auf Frauen, Mädchen und Angehörige der LGBT-Gemeinde in den Ureinwohnervölkern. Koloniale Gewalt, Rassismus, Sexismus, Homophobie und Transphobie seien Teil ihres Alltagslebens. Die Kommission finde, „dass dies Völkermord gleichkommt“.

Justin Trudeau bei seiner Rede. Das rote Gewand erinnert an verschwundene indigene Frauen.

Premierminister Justin Trudeau, der den Bericht entgegennahm, versprach, die Empfehlungen der Kommission umzusetzen, sprach zunächst aber nicht selbst von „Genozid“. „Wir werden einen nationalen Aktionsplan entwickeln“, kündigte der Regierungschef an, der sich aber im Herbst einer schweren Parlamentswahl mit äußerst ungewissem Ausgang stellen muss. „Unser Justizsystem hat versagt“ und die Todes- und Vermisstenfälle oft nicht mit Priorität behandelt. Dies sei „beschämend, unakzeptabel und muss enden“. Der Bericht der Kommission markiere einen wichtigen, sehr schweren Tag in der kanadischen Geschichte.

Von 1980 bis 2012 wurden 1017 Ureinwohnerfrauen getötet

Während die frühere konservative Regierung Forderungen nach einer Untersuchung zurückgewiesen hatte, setzte Trudeau die Kommission im Sommer 2016 ein. Zuvor hatte die Bundespolizei RCMP eingeräumt, dass indigene Frauen überproportional Opfer von Gewalt sind. Von 1980 bis 2012 wurden 1017 Ureinwohnerfrauen getötet, hinzu kommen 169 vermisste Frauen – insgesamt 1186 Opfer. „Indigene Frauen stellen vier Prozent der Bevölkerung. Sie repräsentieren aber 16 Prozent aller ermordeten Frauen und zwölf Prozent aller gemeldeten vermissten Frauen“, berichtete die RCMP damals. Indigene Frauenverbände gehen von einer wesentlich höheren Zahl aus. Die Untersuchungskommission stellt fest, dass für indigene Frauen und Mädchen die Wahrscheinlichkeit, getötet zu werden oder als Gewaltopfer zu verschwinden, zwölfmal größer ist als bei jeder anderen Bevölkerungsgruppe und sechzehnmal höher als bei weißen Frauen.

Zu den Ursachen der Tragödie zählen die sozialen Lebensumstände in vielen indigenen Gemeinden, zudem Drogen- und psychische Probleme sowie Rassismus. Der Polizei wurde oft vorgeworfen, bei Gewalttaten gegen indianische Frauen, zumal wenn sie drogensüchtig waren oder der Prostitution nachgingen, nicht mit dem gleichen Nachdruck ermittelt zu haben wie bei weißen Frauen. Die Frauen werden Opfer von Gewalt durch Täter aus ihren Gemeinden und Familien und durch Außenstehende. „Unser Justizsystem funktioniert nicht. Wir werden nicht geschützt. Das muss aufhören“, sagte Kommissionsmitglied Michele Audette.

Gewalt gegen Frauen und Mädchen

Der Bericht setzt sich mit der Gewalt gegen Frauen und Mädchen und gegen 2SLGBTQ-Menschen auseinander. Diese Abkürzung steht unter anderem für Lesben, Schwule, Bisexuelle, Transgender und Queer sowie für „two-spirited“, was die LGBTQ-Gemeinde der Ureinwohner umfasst. Er zeigt den Zusammenhang zwischen sozialen Problemen wie mangelndem Wohnraum, schlechterer Gesundheitsfürsorge, Armut und Arbeitslosigkeit und Sicherheit und Gewalt auf. Der Umgang der kanadischen Gesellschaft mit seinen indigenen Völkern habe über Generationen ein Trauma hervorgerufen. Die mehr als 200 Forderungen („Calls for Justice“) zielen auf eine Anerkennung indigener Rechte, gesichertes Einkommen, Änderungen im Polizei- und Justizapparat und mehr Polizeieinheiten unter indigener Führung. Die Forderungen richten sich auch an die ganze Gesellschaft: „Nehmt Stellung gegen Gewalt gegen indigene Frauen und Mädchen. Dekolonialisiert euch. Lernt die wahre Geschichte Kanadas und der indigenen Völker“, forderte Marion Buller.

„Dieser Bericht ist eine Stimme für die Vergangenheit und die Zukunft“, sagt Karen Kejick von der indianischen Shoal Lake-Nation nahe Kenora in Ontario. 1997, als Karen etwa 20 Jahre alt war, wurde ihre Mutter ermordet, der Täter, der wegen Totschlags verurteilt wurde, sei mittlerweile frei. In Selbstbestimmung und ökonomischer und sozialer Entwicklung der Gemeinden sieht sie die notwendige Grundlage für Veränderungen. Darauf hofft sie nun, wie sie dieser Zeitung sagt.

Von der Vancouver-Insel war Mary Jim angereist. Ihre Tochter Tyeshia war im Januar 2011 im Alter von 18 Jahren von einem jungen Mann aus der gleichen indigenen Gemeinde getötet worden. „Es war eine lange Reise“, sagt sie über ihren Weg nach Ottawa und die acht Jahre seit dem Tod ihrer Tochter. Sie baut darauf, dass aus dem Bericht der Kommission nun Positives für die indigenen Gemeinden erwächst, „einschließlich der Hilfen, die junge Männer brauchen, um nicht gewalttätig zu werden“. Mit dem Kommissionsbericht würden die Stimmen der Frauen und Mädchen gehört. „Meine Tochter lebt damit weiter“, sagt sie mit ihren Emotionen kämpfend.

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