Türkei

Mord vor aller Augen

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Nach einem neuen Fall debattiert die Türkei über Gewalt gegen Frauen.

Mama, bitte stirb’ nicht!“ Millionen Menschen in der Türkei haben in einem Internet-Video diese Worte einer Zehnjährigen gehört, die um das Leben ihrer sterbenden, blutüberströmten Mutter bettelt. Der Acht-Sekunden-Clip zeigt, wie die 38 Jahre alte Emine Bulut von ihrem Ex-Ehemann in einem Café der anatolischen Stadt Kirikkale mit mehreren Messerstichen verletzt wird, die Hand auf eine Halswunde presst und schreit: „Ich will nicht sterben!“ Alles geschieht vor den Augen ihrer Tochter. Die Bilder haben Schockwellen durch die Türkei gesendet. Tausende Menschen demonstrierten am Samstag in Istanbul gegen die zunehmende Gewalt gegen Frauen.

Die Tat geschah bereits am vergangenen Sonntag, drang aber erst ins allgemeine Bewusstsein, als der Videoclip am Freitag online ging. Emine Bulut war mit ihrer Tochter in das Café gegangen, um ihren Ex-Ehemann zu treffen, von dem sie seit vier Jahren geschieden war. Vor einem Richter sagte er später: „Nachdem sie mich beleidigt hatte, als sie über das Sorgerecht für unser Kind sprach, habe ich sie mit einem mitgebrachten Messer erstochen.“ Die Staatsanwaltschaft fordert verschärfte lebenslange Haft für ihn. Seine Ex-Frau erlag im Krankenhaus ihren Verletzungen.

Unter dem Twitter-Hashtag #EmineBulut verurteilten Tausende Menschen den brutalen Mord und forderten die Behörden auf, eine möglichst harte Strafe zu verhängen. Die Tat fachte die Debatte über die Gewalt gegen Frauen im Land neu an. Bereits am Donnerstag hatte ein ähnliches Verbrechen für Entsetzen gesorgt, als die 37-jährige Tuba Erkol mit 20 Messerstichen von ihrem Ehemann im anatolischen Konya getötet wurde. Sie hatte die Scheidung eingereicht und ihren Mann wegen häuslicher Gewalt angezeigt. Als die Polizei den Verdächtigen befragte, sagte er laut Nachrichtenagentur Demirören: „Kann man eine Tat bereuen, wenn es um die Ehre geht?“.

Auf die Morde reagierten Tausende Frauen am Samstag mit einer Demonstration in Istanbul, auf der sie „Wir wollen nicht sterben!“ riefen. Der oppositionelle Bürgermeister von Istanbul, Ekrem Imamoglu, schrieb auf Twitter: „Wir stehen Frauen und Kindern im Kampf gegen Gewalt zur Seite und werden dies auch weiterhin tun.“. Inzwischen sah sich auch die islamische Regierung genötigt, das Verbrechen zu verurteilen. „Wir erwarten die schwerstmögliche Strafe für den Mörder“, twitterte Ibrahim Kalin, Sprecher von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan.

Die tödlichen Angriffe von Männern auf Frauen werden in der Türkei seit Februar 2015 breit diskutiert, als ein Busfahrer die Studentin Özgecan Aslan nahe der Mittelmeerstadt Mersin vergewaltigte, ermordete und zusammen mit seinem Vater und einem Freund verscharrte; alle drei wurden zu verschärfter lebenslanger Haft verurteilt. Damals kam es landesweit zu Massenprotesten.

Nach Angaben von Istanbuler Frauenrechtsorganisationen wurden in den ersten sieben Monaten des Jahres 245 Frauen und im vergangenen Jahr 440 Frauen getötet, drei Mal so viele wie 2011. Laut einem UN-Bericht sind fast 40 Prozent der Frauen in der Türkei bereits physischer oder sexueller Gewalt durch ihre Partner ausgesetzt gewesen. Die Türkei hat zwar die Istanbul-Konvention des Europarats von 2011 gegen die Gewalt gegen Frauen unterzeichnet, doch Kritiker bemängeln, dass die Regierung die Gesetze nicht entschlossen anwende und zu wenige Schutzhäuser bereitstelle.

Inzwischen machen einflussreiche religiöse Gruppen Front gegen die Europarats-Konvention, bezeichnen sie als „unislamisch“ und als europäische Verschwörung, um die „Integrität der türkischen Familie zu zerstören“. Erdogan hat mehrfach gesagt, dass es keine „Geschlechtergleichheit“ geben könne. Jetzt betonte sein Kommunikationsdirektor Fahrettin Altun, der Präsident habe die Autoritäten beauftragt, „den Täter entsprechend zu bestrafen und die nötigen Schritte für die Bekämpfung von Gewalt an Frauen“ zu unternehmen. Bislang hat die Regierung allerdings kein Gesetz verabschiedet, dass es Richtern verbietet, die Strafen für Frauenmorde zu reduzieren, wenn sich die Täter „provoziert“ fühlten.

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