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Ein Polizeiauto fährt an dem Straßenschild Bahnhofstraße in Celle vorbei. Ein 15-Jähriger wurde dort erstochen.

Celle

Mord an 15-Jährigem in Celle: Polizei schließt rassistisches Motiv nicht mehr aus

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Arkan Hussein Kh. war mit seiner jesidischen Familie als Flüchtling gekommen. Vergangene Woche starb er nach einem Messerangriff

Das Kopfsteinpflaster ist von den Spuren gereinigt. Die Absperrbänder der Polizei sind entfernt. Nur ein paar niedergelegte Blumen und angezündete Kerzen erinnern noch an die Tat. Unweit einer Bushaltestelle an der Bahnhofstraße im niedersächsischen Celle wurde am späten Dienstagabend ein 15-jähriger Flüchtling erstochen. Arkan Hussein Kh. war mit seinem Fahrrad unterwegs, als ihn plötzlich ein Mann mit einem Messer angriff und niederstach. Der Junge fuhr noch einige Meter weiter, bevor er gegen das Fenster eines Wohnhauses prallte und zusammenbrach.

Mit einer Verkehrsbarke hinderten Augenzeugen den mutmaßlichen Täter, einen 29-Jährigen aus Celle, an der Flucht. Während die Polizei den wegen Drogenbesitz vorbestraften Daniel S. festnahm, verstarb das Opfer wenig später auf dem Weg ins Krankenhaus.

Celle ist eine idyllische Kleinstadt mit vielen bunten Fachwerkhäusern. Die Stadt wirkt friedlich, auch wenn es nach Aussage von Anwohnern in der Bahnhofstraße immer mal wieder zu Messerstechereien kommt. Doch diesmal ist alles anders. Dass ausgerechnet ein Flüchtlingskind, das vor fünf Jahren mit seiner Familie nach Deutschland kam, um Schutz vor Gewalt und Verfolgung zu finden, zu Tode kam, macht viele Einwohner fassungslos. Wurde Arkan Hussein Kh. wirklich nur zufällig das Opfer eines Drogenabhängigen, eines psychisch Verwirrten? Laut Staatsanwaltschaft soll ein psychiatrisches Gutachten Aufschlüsse darüber geben. Oder hatte die Tat einen rassistischen Hintergrund?

In einer ersten offiziellen Erklärung von Polizei und Staatsanwaltschaft hieß es, die Ermittlungen hätten bislang „in keiner Hinsicht Anhaltspunkte für eine ausländerfeindliche oder politisch motivierte Tat“ ergeben. Recherchen des Redaktionsnetzwerks Deutschland lassen an dieser Aussage Zweifel aufkommen. Daniel S. verfügte über drei Social-Media-Konten. Hinweise auf einen möglichen rechten Hintergrund könnten unter anderem ehemalige Facebook-„Freunde“ liefern, die ihre Verbindung zu Daniel S. unmittelbar nach der Tat gekappt haben.

Ein Marcel K. benutzt als Profilbild das Eiserne Kreuz mit der Inschrift „Frei. Sozial. National.“. Ein Patrick P. verwendet die Zahlenkombination „18“, die in rechtsextremen Kreisen für die Anfangsbuchstaben von Adolf Hitler steht. Nach Recherchen von „Zeit online“ folgt Daniel S. auf Facebook Seiten mit Titeln wie „Die Verschwörungstheorie“ und „Von wegen Verschwörungstheorie“. In ihnen finden sich demnach Inhalte der seit 2017 im Internet kursierenden QAnon-Ideologie, auf die schon der Attentäter von Hanau Bezug genommen hatte.

Die Seiten sind voll von Theorien, die den Holocaust leugnen und judenfeindliche Mythen verbreiten. Auch der Attentäter von Halle schöpfte die Rechtfertigung für seine Morde aus dieser kruden Weltanschauung. In dem von ihm mit einer Helmkamera aufgezeichneten Tatvideo nennt er sich selbst „Anon“.

Kommentar: Die Reaktion der Polizei nach dem Mord in Celle enlarvt deren Blindheit gegenüber Rassismus.

Bezüge finden sich auch zur Szene der sogenannten Reichsbürger, nach denen die Bundesrepublik eine GmbH ist und Deutschland nach wie vor in den Grenzen von 1937 existiert. Von Daniel S. gelikte Seiten sind voll von antisemitischen Anspielungen. In einem judenfeindlichen Witz wird der Holocaust als Scherz verspottet. In ersten Äußerungen erklärte die Polizei, ihr seien diese Seiten bei Daniel S. bislang „nicht aufgefallen“.

Diese Haltung der Ermittler scheint sich mittlerweile geändert zu haben. Die Polizei ermittelt nach eigener Aussage in alle Richtungen. „Wir schließen nichts aus. Auch ein rechtsextremer oder rassistischer Tathintergrund ist möglich. Bislang liegen dazu aber keine ausreichenden Erkenntnisse vor. Der Verhaftete hat sich nicht zur Tat eingelassen. Wir prüfen sämtliche Accounts in den sozialen Netzwerken und gehen jedem Hinweis nach“, sagte Polizeisprecherin Birgit Insinger.

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