Mogadischu und Stammheim

Es gibt Aktionen und Ereignisse, die nicht nur eine Situation schlagartig verändern, sondern die auch das politische und psychologische Klima grundlegend

Von Werner Holzer

Es gibt Aktionen und Ereignisse, die nicht nur eine Situation schlagartig verändern, sondern die auch das politische und psychologische Klima grundlegend wandeln. Die geglückte Befreiung der 86 Geiseln aus der entführten Lufthansa-Maschine gehört in diese Reihe. Ehe die Nachricht von dem geglückten Sturm auf die Maschine die Bundesrepublik erreichte, bestimmten Resignation und hoffnungsloser Zorn über die Wehrlosigkeit gegen fanatische Gewalttäter die Stimmung in unserem Land. Und selbst jenseits der bundesdeutschen Grenzen haben sich ähnliche Empfindungen geregt. Die Nachricht von der Ermordung des Flugkapitäns, die bald nach der Landung in der somalischen Hauptstadt Mogadischu bekannt wurde, hatte das Gefühl der Wehrlosigkeit in vielen Menschen noch verstärkt. Was dann in wenigen Minuten auf dem Flugplatz von Mogadischu geschah, war gewiß in zweifacher Hinsicht ein Wunder. Daß es - entgegen fast allen Erwartungen - möglich gewesen ist, die Maschine zu stürmen und trotzdem alle Geiseln unverletzt zu befreien, darauf hatte vorher niemand zu hoffen gewagt. Die Spezialisten der Antiterroreinheit des Bundesgrenzschutzes haben ihre Aufgabe mit geradezu unglaublicher Schnelligkeit und Präzision durchgeführt. Drei der vier Entführer haben dabei für ihren gewalttätigen Fanatismus mit dem Leben bezahlt. Ein Mann der Sondereinheit und eine Frau aus der Gruppe der Luftpiraten wurden verwundet.

Als ein politisches Wunder muß man die Tatsache ansehen, daß diese Aktion überhaupt durchgeführt werden konnte. Ohne die Zustimmung und aktive Unterstützung der somalischen Regierung nämlich wäre sie unmöglich gewesen. Daß Somalias Präsident, Generalmajor Siad Barre, so schnell seine Zustimmung gab, beweist mehr als nur die Abneigung dieses Landes, sich von Terroristen in eine scheinbare Komplizenschaft drängen zu lassen. Sie macht auch deutlich, daß die internationale Solidarität im Kampf gegen den Terrorismus Wirklichkeit zu werden beginnt. Während die Lufthansa-Maschine "Landshut" noch ihren "Flug durch die Hölle" hinter sich bringen mußte, war bereits deutlich geworden, daß sich jenseits ideologischer und historischer Gegensätze zwischen den Staaten dieser Welt ein gemeinsamer Zorn gegen die Gewalttäter entwickelte.

Verständnis für die Haltung der Bundesregierung und Betroffenheit über das, was da geschah, signalisierten nicht nur Bonns westliche Verbündete, sondern auch die Sowjetunion, osteuropäische Staaten, weite Teile der arabischen Welt, Asiens und Afrikas. Überall scheint man begriffen zu haben, daß terroristischer Nihilismus alle Ordnung zu zerstören droht, gleichgültig, welche politische Verfassung sich die Staaten

auch immer gegeben haben. Präsident Barre von Somalia hat Bonns drängende Bitten auf ähnliche Weise verstanden wie zuvor andere Regierungen, von denen sich die Flugzeugentführer und die deutschen Terroristen Hilfestellung erwartet hatten.

Man kann nur hoffen, daß diese neue internationale Solidarität, für deren Zustandekommen soviel Zeit notwendig war, nicht wieder verlorengeht. Der Terrorismus ist zwar damit noch nicht besiegt, doch seine Chancen, erpresserische Ziele durch Menschenquälerei durchzusetzen, würden sich so wesentlich verringern.

Über die Freude nach der Befreiung der 86 Geiseln fällt ohnehin ein Schatten. Hanns-Martin Schleyer ist nun seit sechs Wochen in den Händen deutscher Terroristen Seit fünf Tagen gibt es kein Lebenszeichen mehr von ihm. Ob seine Entführer, die in Köln kaltblütig vier Menschen ermordet haben, um ihm in ihre Gewalt zu bekommen, sich durch das Schicksal ihrer Helfershelfer in der Lufthansa-Maschine werden abschrecken lassen, weiß niemand. Daß eine freie Gesellschaft aber keineswegs ganz wehrlos gegen sie ist, nicht unbegrenzt erpreßbar, müßten sie nun begreifen.

Angesichts der perfekten Rettungsaktion in Mogadischu sind die Vorgänge im Gefängnis von Stuttgart-Stammheim tief erschreckend. Drei deutsche Terroristen haben sich dort in der Nacht nach der Befreiung der Geiseln das Leben genommen - Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe. Irmgard Möller konnte nach einem Selbstmordversuch gerettet werden. Niemand kennt genau die Motive, die zu dieser Tat geführt haben. Sicher ist aber, daß die Terroristen in Stammheim über die Entführung der Lufthansa-Maschine ebenso im Bilde waren wie über die Aktion gegen Hanns-Martin Schleyer. Sicher ist auch, daß sie am Wochenende noch davon überzeugt waren, die Gefängnistore würden sich bald für sie öffnen. Ob es grenzenlose Enttäuschung war, die sie in den Selbstmord getrieben hat, wer wird es je wissen?

Was wir jedoch so schnell wie möglich klären müssen, ist die Frage, wie es möglich war, daß die Terroristen im Gefängnis - und sechs Wochen nach der Kontaktsperre - Waffen besaßen, mit denen sie sich umbringen konnten. Wenn man weiß, welcher Sicherheitsaufwand in und um Stammheim betrieben wird, kann man nicht begreifen wieso dies geschehen konnte.

Es ist notwendig, daß die zuständigen Behörden sich ernsthaft darum bemühen, eine internationale Kommission zusammenzurufen, die jede Gelegenheit erhalten soll, die Hintergründe der Ereignisse in Stammheim zu überprüfen. Denn was dort geschehen konnte, weist auf unerträgliche Versäumnisse hin, die das Bild der Bundesrepublik verdunkeln.

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