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„Mölln war wie eine Explosion“

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Von: Pitt von Bebenburg

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„Das hat einen Schock verursacht“, sagt Sargut über den rassistischen Anschlag in Mölln. Hier das ausgebrannte Haus in der Mühlenstraße. Foto: Rolf Rick/dpa.
„Das hat einen Schock verursacht“, sagt Sargut über den rassistischen Anschlag in Mölln. Hier das ausgebrannte Haus in der Mühlenstraße. © Rolf Rick/dpa

Sener Sargut und Atila Karabörklü von der Türkischen Gemeinde in Deutschland berichten über die aufgewühlte Stimmung nach dem tödlichen Brandanschlag – und darüber, was sich seither verändert hat

Die Opfer des Terrors von Hanau sind auf einem Plakat präsent, das im Büro der Türkischen Gemeinde (TGD) im Frankfurter Nordend hängt. Die Bedrohung beschäftigt den TGD-Mitgründer Sener Sargut und den langjährigen Bundesvorsitzenden Atila Karabörklü seit Jahrzehnten – vor allem seit dem Brandanschlag von Mölln vor 30 Jahren.

Herr Sargut, Herr Karabörklü, in Mölln wurden bei einem rassistisch motivierten Brandanschlag vor 30 Jahren drei Menschen mit türkischen Wurzeln getötet. Ein halbes Jahr später kamen bei einem solchen Verbrechen in Solingen fünf türkischstämmige Menschen ums Leben. Was haben diese Morde in der türkischen Community in Deutschland ausgelöst?

Sener Sargut: Das war eine Zäsur für uns alle. So etwas war eigentlich nicht vorstellbar bis dahin. Das hat einen Schock verursacht.

War das Sicherheitsgefühl generell angegriffen?

Sargut: Ja, so war es. In Frankfurt hat sich in Windeseile eine Telefonkette gebildet, wo klar war: Wenn so etwas hier passiert, informieren wir uns sehr schnell, was zu tun ist. Das Klima war entsprechend. Es gab in der Zeit des Bundeskanzlers Helmut Kohl die Diskussion, ob man die Türken überhaupt hätte holen sollen. Es gab dann eine Rückkehrprämie, um möglichst viele Türkinnen und Türken loszuwerden. Das war die Stimmung.

Atila Karabörklü: Vor Mölln gab es ja schon Hoyerswerda und Rostock. Wir haben diesen Hass gespürt als Migrantinnen und Migranten. Wir wussten, dass wir irgendwann angegriffen werden. Mölln war dann wie eine Explosion. Wenn man in diesem Land einen Platz gefunden hat, wenn man oder frau sich mit diesem Land identifiziert, und dann sieht man rassistische Angriffe – das war ein Schock für junge Menschen. Die Menschen haben unterschiedlich reagiert. Ich habe damals sofort gesagt: Da muss etwas passieren. Wo kann ich dabei sein, wo kann ich mich einbringen?

Wie haben Sie sich dann eingebracht?

Karabörklü: In der türkischen Community. Es kamen viele Menschen zusammen, es gab viele sehr emotionale Gespräche. Es wurde gesagt: „Wir müssen uns schützen. Wir können der Politik nicht trauen. Der Staat schützt uns nicht. Wir müssen unsere eigene Partei gründen. Wenn wir hier eine Zukunft haben wollen, dann müssen wir unser eigenes politisches System aufbauen.“ Es gab viele Diskussionen. Viele haben gesagt: „Bis jetzt haben wir uns nicht türkisch gefühlt, wir haben uns als Bürger dieses Landes gefühlt. Aber jetzt reicht es.“

Sargut: Ich bin bis heute der Auffassung: Die Deutschen haben mich zu einem Türken gemacht. Das war ein Eigentor, das Deutschland geschossen hat.

Warum?

Sargut: Deutschland hat durch seine Assimilationspolitik genau das Gegenteil von dem erreicht, was es erreichen wollte. Das begreifen manche Leute einfach nicht.

Der Sprecher von Helmut Kohl hat nach dem Anschlag von Mölln gesagt, der Kanzler werde keinen „Beileidstourismus“ mitmachen.

Sargut: Das ist ein Makel, der an Kohl hängt. Es gab aber auch andere, die die Tat klar und deutlich verurteilt haben. Ich vergesse nie die Lichterketten, die es überall in Deutschland gab. Es war eine Minderheit, die feindselig reagiert hat. Trotz aller Hetze, die vorher stattgefunden hatte.

Eine der Reaktionen war die Gründung der Türkischen Gemeinde. Erzählen Sie mal!

Sargut: Wir haben einen einzigen Aufruf gehabt, direkt nach Mölln und Solingen, dass wir uns organisieren und dagegen stellen. Daraufhin sind 450 Leute an die Frankfurter Uni gekommen, so etwas gab es noch nicht. Dann haben wir sieben Stunden lang gestritten, und noch am gleichen Tag haben wir die Türkische Gemeinde Rhein-Main gegründet. Vorher hatte sich eine Gruppe in Hamburg gebildet, nach dem rassistischen Mord von Skinheads an Ramazan Avci im Jahr 1985. Nach Mölln haben sich Türkische Gemeinden in Hessen und in Berlin zusammengefunden, auch in Essen und Hannover. Dann haben wir uns 1994 mit sieben Vereinen getroffen und die Türkische Gemeinde Deutschland gegründet.

„Wir sind ein Integrationsland geworden“: Sener Sargut (l.) und Atila Karabörklü. Foto: Christoph Boeckheler.
„Wir sind ein Integrationsland geworden“: Sener Sargut (l.) und Atila Karabörklü. Foto: Christoph Boeckheler. © Christoph Boeckheler

Wie hat sich die Situation seither verändert?

Karabörklü: Vor 2000 gab es die Diskussion über die doppelte Staatsbürgerschaft. Diese Kampagne von Roland Koch, der damit Wahlkampf machte, ist bis heute ein Thema in der türkischen Community. Die rot-grüne Bundesregierung wollte die doppelte Staatsbürgerschaft ermöglichen, dagegen hat Koch diese Kampagne gemacht. Das war ein großes Signal für Deutschland. In der türkischen Community haben alle gesagt: „Wir werden nicht akzeptiert, wir werden nicht dazugehören mit unserer Herkunft und unserer Identität. Wir bleiben Bürger zweiter oder dritter oder vierter Klasse.“ Obwohl dann die doppelte Staatsbürgerschaft für hier Geborene eingeführt wurde.

Sargut: Koch hat mit seiner Unterschriftenkampagne 1999 so viel kaputt gemacht, das lässt sich nie wieder gut machen. Ich wurde damals an einem CDU-Stand in der Stadt angesprochen: Wollen Sie nicht gegen die Türken unterschreiben? (lacht) Da weiß man nicht, wie man auf so etwas reagieren soll.

Zu den Personen

Sener Sargut war Mitgründer der Türkischen Gemeinde Rhein-Main, aus der die Türkische Gemeinde Hessen hervorging, und der Türkischen Gemeinde in Deutschland (TGD). Der 80-Jährige lebt seit gut 60 Jahren in Frankfurt am Main. Bis zu seiner Pensionierung arbeitete der Erziehungswissenschaftler Sargut als Fachbereichsleiter der Volkshochschule.

Atila Karabörklü war bis Juni fünf Jahre lang Vorsitzender der Türkischen Gemeinde in Deutschland. Der 54-jährige Finanzcoach aus Schwalbach am Taunus steht bereits seit 2013 an der Spitze der Türkischen Gemeinde Hessen. pit

Und was hat sich seit dem Jahr 2000 bewegt?

Sargut: Seit dem Jahr 2000 hat sich der Wind gedreht. Kein vernünftiger Mensch diskutiert mehr weg, dass wir ein Integrationsland geworden sind.

Karabörklü: Ja, der Diskurs hat sich vielleicht verändert seit 2000. Aber was ist zur gleichen Zeit passiert? Der Rechtsextremismus hat ab dem Jahr 2000 die Mitte der Gesellschaft erreicht, ich erinnere an die Sarrazin-Debatte. Insbesondere hat der rechte Terror in Deutschland in den letzten 20 Jahren erheblich zugenommen. Der Anschlag in einem Einkaufzentrum in München, die Ermordung von Walter Lübcke sovwie der Anschlag in Halle und zuletzt in Hanau sind wichtige Indizien dafür. Der NSU hat zehn Menschen ermordet, eine organisierte Terrorgruppe. Es gab den rassistischen Terroranschlag in Hanau, wo neun junge Menschen kaltblütig ermordet wurden. Das wirkt sehr stark auf die Migranten-Community, gerade auf die türkische Community. Auch die Aufdeckung der rechtsextremistischen Netzwerke innerhalb der Sicherheitsorgane zeigt uns, wie groß die Gefahr für unsere Demokratie geworden ist.

Der Anschlag

In der Nacht zum 23. November 1992 werfen zwei Neonazis, der 19-jährige Lars C. und der 25-jährige Michael P., gegen 0.30 und 1.00 Uhr Brandsätze in zwei Häuser in der Ratzeburger Straße und der Mühlenstraße. Dort wohnen türkische Familien.

Alle Bewohner:innen in der Ratzeburger Straße können sich retten, zum Teil, indem sie aus den Fenstern springen oder sich mit Betttüchern abseilen. Dabei verletzen sich mehrere Menschen.

In der Mühlenstraße fallen zwei Mädchen dem Feuer zum Opfer – die zehnjährige Yeliz Arslan, die in Deutschland geboren ist, und die 14-jährige Ayse Yilmaz – sowie deren 51 Jahre alte Großmutter Bahide Arslan. Sie stirbt bei dem Versuch, die beiden Mädchen zu retten. Ayse Yilmaz war aus der Türkei zu Besuch. Ihren siebenjährigen Enkel Ibrahim Arslan kann Bahide Arslan in nasse Tücher wickeln und bewahrt ihn so vor dem Tod in den Flammen. Neun weitere Menschen werden schwer verletzt.

Ein Täter meldet sich kurz nach dem Brand in einem anonymen Anruf bei der Freiwilligen Feuerwehr Mölln mit den Worten: „In der Mühlenstraße brennt es! Heil Hitler!“

An der Trauerfeier für die Opfer in Hamburg nehmen mehr als 10 000 Menschen teil. Die Bundesregierung wird durch Außenminister Klaus Kinkel (FDP) vertreten.

Das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein verurteilt Michael P. im Dezember 1993 zu lebenslang, Lars C. zu zehn Jahren Haft nach Jugendstrafrecht. Die Brandstifter sind inzwischen wieder auf freiem Fuß. pit

Wo stehen wir heute im Kampf gegen Rassismus? Was müsste passieren?

Sargut: Das ist ein langsamer Prozess, bei dem es auch Rückschläge gibt. Aber die Richtung stimmt nach meiner Wahrnehmung. Wenn ich die Situation von heute mit den 80er oder 90er Jahren vergleiche, dann ist das schon ein riesiger Schritt. Überlegen Sie mal, wie wenige Leute mit einem türkischen Namen damals etwas zu sagen hatten in der deutschen Gesellschaft. Heute sind es Tausende, die einiges erreicht haben, nicht nur das Ehepaar, das den Corona-Impfstoff erfunden hat. Sind wir damit zufrieden? Natürlich noch nicht. Aber ich sage Ihnen: Jeder Versuch, das zurückzudrehen, ist ein Eigentor.

Würde die Politik heute anders reagieren auf einen Anschlag wie in Mölln?

Sargut: Man sieht an Hanau, dass die Politik heute anders reagiert. Das muss man in aller Deutlichkeit sagen. Alle waren da, vom Bundespräsidenten bis zum hessischen Ministerpräsidenten.

Gab es nach Mölln und Solingen viele Leute aus der türkischen Community, die zurückgegangen sind?

Sargut: So eine Bewegung gab es eher Anfang der 2000er Jahre, wo wirklich Tausende in die Türkei gegangen sind. Mein Sohn ist damals auch gegangen. Der war hier zur Schule gegangen, hatte hier studiert, konnte kaum Türkisch, aber irgendwann hat er gesagt: Ich bleibe nicht hier. Ich gehe lieber in die Türkei.

Warum?

Sargut: Er hat eine Wohnung gesucht mit 18 Jahren und wurde zur Besichtigung eingeladen. Dann haben sie seinen Vornamen gesehen und haben ihn weggeschickt. Der hat auch sonst viel erlebt. Wer erlebt, dass seine Identität zurückgedrängt hat, der reagiert darauf. So ist das. Aber nach drei Jahren ist er nach Deutschland zurückgekehrt. Jetzt spricht er gut Türkisch.

Karabörklü: Deutschland wird ohne Migration nicht funktionieren. Wir haben eine Generation, die hier aufwächst, unterschiedliche Ausbildungen macht, studiert, in allen Bereichen der Wirtschaft, der Gesellschaft, der Politik, der Kulturlandschaft. Das zeigt das Integrationspotenzial. Ich habe Hoffnung, dass die Politik erkannt hat, diese Realität in eine integrative Gesellschaft zu führen.

Was heißt das konkret?

Karabörklü: Teilhabe, Chancengleichheit in allen Bereichen, von Schule und Kindergarten bis in die Politik und alle Gremien. Die Leute werden sich das nicht mehr gefallen lassen.

Interview: Pitt von Bebenburg

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