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Noch gehört Großbritannien zur EU, aber das könnte sich nach dem Referendum ändern.

Großbritannien

Möglicher "Brexit" macht Firmen Angst

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In Großbritannien beginnt die öffentliche Debatte über den EU-Ausstieg. Die Mehrheit der Unternehmen lehnt ihn ab, mehrere Großunternehmen werben öffentlich für den Verbleib in der Union.

Kaum ist das EU-Referendum Gewissheit, haben Vertreter der britischen Wirtschaft mit dem öffentlichen Meinungsstreit begonnen. Große Unternehmen wie der Flugzeugbauer Airbus und der Mobilfunker Vodafone positionieren sich für den Verbleib der Insel im Brüsseler Club, angefeuert vom Industrieverband CBI. „Es geht um die Wahl zwischen Offenheit und Isolation, um unser nationales Interesse“, glaubt CBI-Präsident Mike Rake.

Am größten Finanzplatz der Welt werden demonstrativ Szenarien für den „Brexit“ durchgespielt – Teil einer Angstkulisse, die dem Wahlvolk den Status quo schmackhaft machen soll. Den befürwortet einem Zeitungsbericht vom Wochenende zufolge sogar ein bisher eingefleischter EU-Verächter: Angeblich will Medienzar Rupert Murdoch seine mächtigen Zeitungstitel „Sun“, „Times“ und „Sunday Times“ für den Verbleib im größten Binnenmarkt der Welt werben lassen – und zwar aus Sorge um die Auswirkungen auf die Wirtschaft.

In dieser Woche jährt sich in Großbritannien der Tag der letzten Volksabstimmung über Europa zum 40. Mal. Der wiedergewählte Labour-Premier Harold Wilson hatte von der damaligen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) zwei Jahre nach dem Beitritt des Königsreichs kleinere Zugeständnisse erwirkt und empfahl 1975 den Stimmbürgern die Zustimmung zum Verbleib – gemeinsam mit der konservativen Opposition, dem überwiegenden Teil der Privatwirtschaft und allen wichtigen Medien. Zu zwei Dritteln folgten die Briten dem Establishment.

So ähnlich will es Tory-Premier David Cameron auch machen, spätestens 2017, womöglich aber schon 2016. Bereits vergangene Woche legte die frisch gewählte konservative Alleinregierung dem Parlament die Referendumsfrage vor: „Soll das Vereinigte Königreich Mitglied der EU bleiben?“ Wenn der Konservative das gewünschte Ja-Wort erhalten will, ist er wie damals sein Vorgänger Wilson auf die Stimmen und das Geld der Industrie angewiesen.

Freilich gibt es unter diesen auch eine lautstarke Minderheit, die mit den Brüsseler Regeln gar nichts anfangen kann. So fühlt sich Staubsauger-König James Dyson seit Jahren schlecht behandelt: Die einschlägigen Gremien seien so von deutschen Industrievertretern dominiert, dass britische Firmen wie seine keine Chance bekämen. Der Tüftler, 68, redet deshalb dem Austritt das Wort.

Keine Angst hätte auch JCB-Chairman Anthony Bamford vor dem Leben außerhalb der EU, schließlich sei Großbritannien die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt. „Wir könnten allein existieren, friedlich und vernünftig“, sagt der Erbe des Baumaschinen-Konzerns mit 11 000 Beschäftigten. Pikanterweise wurde der 69-Jährige erst vor zwei Jahren von Cameron ins Oberhaus berufen.

Die Nein-Vertreter engagieren sich bei „Business for Britain“. Am Wochenende veröffentlichte die Lobbygruppe ein Video mit öffentlichen Äußerungen des Premiers zu den gewünschten Reformen in der EU. Die Skeptiker fürchten, der pragmatische Cameron habe unter dem Druck des Kontinents seine Forderungen bereits so verwässert, dass von einer echten Veränderung im Verhältnis zu Brüssel nicht mehr die Rede sein könne. So war früher einmal von einer „roten Karte“ die Rede, mit der nationale Parlamente vermeintlich vitale Nationalinteressen gegen Direktiven und EU-Parlamentsbeschlüsse schützen könnten.

Firmen-Vertreter und Lobbyisten halten die EU-Mitgliedschaft aber mehrheitlich für alternativlos. „Zu unserer Mitgliedschaft gibt es keine befriedigende Alternative“, sagt Mark Boleat, der im traditionsreichen Verwaltungsbezirk City of London für den Kontakt zur Politik zuständig ist. Die Diskussion der vergangenen Monate habe eine Reihe von Studien hervorgebracht, mit dem immer gleichen Ergebnis. Viele davon werden vom Lobbyverband „Business for New Europe“ bezahlt; dessen Leiter Roland Rudd ist ein enger Vertrauter des früheren EU-Kommissars Peter Mandelson und Bruder von Energieministerin Amber Rudd.

Angst vor dem „Brexit“ schüren auch einzelne Unternehmen. Demonstrativ hat die Londoner Investmentsparte der Deutschen Bank eine Arbeitsgruppe eingerichtet, die sich mit den Folgen eines EU-Austritts auseinandersetzen soll. Dahinter steckt die Drohung, mindestens ein Teil der 9000 Deutschbanker könnten die City verlassen, ebenso wie die Angestellten vieler US-Banken.

Diese Gefahr sieht einem Bericht der „Mail on Sunday“ zufolge auch einer, den die EU bisher fest im Feindeslager wähnte: Der US-australische Medienunternehmer Murdoch, 83, bewerte die Probleme eines Austritts nun höher als die Chancen eines Alleingangs. Der angeblich neuste Rekrut für die Ja-Kampagne wäre ein dicker Fisch für Cameron & Co.. Fürs Nein-Lager trommeln bisher die Boulevardblätter des Deutschenhassers Richard Desmond („Express“, „Daily Star“).

Allzu große Nähe der Ja-Kampagne zur Unternehmerlobby könnte aber auch Wähler verschrecken, glauben Demoskopen. Das Wahlvolk stehe der Wirtschaft „so skeptisch gegenüber wie seit langem nicht“, sagt Rick Nye vom Meinungsforschungsinstitut Populus. Die Frage nach dem EU-Verbleib beantworten die Briten bisher zu 51 Prozent mit Ja, 39 Prozent will Nein sagen, der Rest ist unentschlossen.

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