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In Lahore trifft Modis Politik auf scharfen Protest.

Indien

Modi weckt Begehrlichkeiten in Kaschmir

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Indiens Regierung übernimmt per Dekret die Kontrolle. Grundstücke in der Unruheregion werden frei verkäuflich.

Der Hype in Indiens sozialen Medien startete, kaum dass die Regierung der Hindu-Nationalisten unter Premierminister Narendra Modi den speziellen Status von Kaschmir aufgehoben hatte. „Jetzt ist der Zeitpunkt da. Registrieren sie sich für ein Grundstück in Kaschmir“, lautete die eilige Nachricht einer Maklerfirma in der Stadt Kolkata (ehemals Kalkutta), deren Authentizität auf Nachfrage prompt bestritten wurde. Tatsächlich mögen die Hoffnungen der Spekulanten auf einen Goldrausch im malerischen Kaschmir-Tal angesichts der anhaltenden Gewalt verfrüht sein. Schließlich starben im Kaschmir-Konflikt seit Beginn der 90er Jahre mindestens 47 000 Menschen.

Aber in dem Städtchen Haridwar, in dem viele religiösen Gruppen ihr Hauptquartier unterhalten, kratzen die Gurus und Sadhus (Heilige Männer) bereits die Barvorräte ihrer Stiftungen und Organisationen zusammen.

Mit der Abschaffung von Kaschmirs 50 Jahre altem speziellen Status als halb-autonomes Gebiet unterstellte Modi die Region direkt Delhis Kontrolle. Er löste damit eines seiner Wahlversprechen ein. Religiöse hinduistische Stiftungen kauften über Jahrzehnte mit den Spenden von Gläubigen in ganz Indien große Ländereien zusammen. Sie wittern nun ihre Chance auf weitere Zukäufe entlang der Route zur Pilgerstätte Amarnath. Die Höhle liegt im Himalaya auf 3800 Metern Höhe und ist den Pilgern heilig. Von Mai bis August gefriert dort herabtropfendes Wasser zu einer riesigen Säule und bildet ein sogenanntes Lingam, ein Symbol der höchsten Hindu-Gottheit Shiva.

Kaschmir ist berühmt für Safran, das teuerste aller Gewürze: Die Bauern leiden unter sinkenden Erlösen und unter den anhaltenden Unruhen. Entlang der je nach Route 36 Kilometer langen Strecke oder dem steilen, 15 Kilometer langen Anstieg durch Steingeröll und Feldern mit ewigem Schnee türmt sich derzeit noch allerhand menschlicher Abfall.

Weit verstreut liegen hier Plastiktüten, Überbleibsel der Notdurft und Tierkadaver. Die hinduistischen Sadhus hoffen, dass sie in der Nähe bald ihre rosafarbenen Tempel und Unterkünfte auf Grundstücken errichten können, deren Kauf ihnen bislang rechtlich verwehrt blieb.

Die Zeit drängt. Der als heilig verehrte Lingam aus Eis fällt von Jahr zu Jahr kleiner aus, während der Nationalismus im multikulturellen Indien immer größere Ausmaße annimmt. Schon im Jahr 1663 wurde der Lingam erstmals von dem französischen Arzt und Reiseschriftsteller François Bernier erwähnt. Die moslemische Malik-Familie soll das Heiligtum Jahrhunderte später neu entdeckt und gemeinsam mit zwei Hindu-Organisation verwaltet haben. Im Jahr 2000 entzog ihnen ein Hindu-Aufsichtsgremium die Kontrolle und übernahm selbst das Ruder.

18 000 Pilger - pro Tag

Seither wurde die traditionelle Pilgerzeit von 15 Tagen auf 45 Tage ausgedehnt. Statt ein paar Hundert Pilgern strömt nun eine sprichwörtliche Menschenwalze zu der Höhle. Statt der von Experten empfohlenen 1000 bis 1500 Besucher kommen nun täglich 18 000 Menschen zum Lingam. Um die Pilger vor Angriffen durch islamische Separatisten zu schützen, werden rund 40 000 Soldaten und Polizisten abgestellt. In ganz Kaschmir sind vom höchsten Schlachtfeld der Welt auf dem Siachen-Gletscher bis hinunter nach Srinagar mehr als eine halbe Million Sicherheitskräfte stationiert. Damit der Pilgerstrom nicht abreißt, erlässt die Regierung in Delhi den fahrenden Gläubigen auch noch die Autobahngebühren.

„Die Amarnath-Wallfahrt ist nicht das einzige Beispiel der Welt, wie Regierungen versuchen, mit Pilgern die politischen Verhältnisse zu manipulieren“, schrieben die Autoren der Studie „Amarnath Yatra: A Militarized Pilgrimage“, die von der Jammu Kashmir Coalition of Civil Society (JKCCS) veröffentlicht wurde.

„Kaschmir war die Wiege des Hinduismus“, behauptet Peerzeda Ashraf, der vor seinem Ruhestand bei der Museumsverwaltung tätig war. Doch bei den Gläubigen handelte es sich überwiegend um Fleisch essende Brahman. Der Fleischverzehr ist unter Angehörigen der obersten Hindu-Kaste heutzutage ein Unding.

Im 14. Jahrhundert kamen moslemische Siedler und heute ist Kaschmir die einzige Region des 1,3 Milliarden Einwohner zählenden Landes, in dem Muslime die Mehrheit stellen. Das dürfte sich mit der Abschaffung des speziellen Status durch die Regierung ändern. „Die Pilger der Amarnath-Höhle stehen für unsere Zukunft“, betont Feroz Ahmad in der Stadt Srinagar. Der 56-Jährige ist Angestellter im Landwirtschaftsministerium. Er fügt hinzu: „Wir glauben, dass Indien uns hier in eine Minderheit verwandeln will. So wie China es in Tibet versucht.“

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