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Ein Fahrrad für die junge Familie - natürlich bewegt von einer Frau.
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Ein Fahrrad für die junge Familie - natürlich bewegt von einer Frau.

Moderner Dreikampf der Frauen

Wer will lieber zu Hause bleiben? Die Frauen, die völlig gestresst zwischen Kind, Job, Ehemann und sich selbst zerrieben werden. Wer will denn auch arbeiten? Die Frauen, die völlig zermürbt zu Hause hocken. Wer will alles? Alle. Jetzt können sie entweder alle weitermeckern und weiterträumen. Oder aufwachen und realistisch werden.

Wir müssen erkennen, wie wir durch unsere Ansprüche an uns selbst unserer eigenen Überforderung Vorschub leisten. Denn wir bleiben ja nicht nur zu Hause, weil Krippenplätze derart rar sind. Wir stürzen uns ja auch in häusliche Agonie oder halbberufstätige Vollverzweiflung, weil wir meinen, unseren Kindern mit "Fremdbetreuung" etwas anzutun. Weil wir das von unserer Mutter so gelernt haben, weil uns das all die anderen Mütter auf dem Spielplatz wie beim Spannungsabbau im Yogastudio bestätigen, weil das schurigelnde Chefpädagogen in seifigen Talkshows verkünden.

Da können wir uns, am Scheideweg der Emanzipation, gegen das schlechte Gewissen unseres Aberglaubens immer wieder die Studie des US-Institute of Child Health and Human Development vor Augen führen, die die Auswirkungen von Fremdbetreuung bislang am umfassendsten untersucht hat: "Es gibt keinerlei Indizien dafür, dass Quantität oder Qualität der Fremdpflege oder das Eintrittsalter des Kindes irgendeinen Effekt auf die Bindungsqualität mit der Mutter haben." Denn die Crux einer glücklichen Kindheit ist doch völlig klar. Das bestätigt wie viele andere Untersuchungen auch die OECD-Studie Babies and Bosses: Ob ein Kind ausgeglichen und glücklich ist, hängt weniger davon ab, wie oft und lange seine Eltern arbeiten, als vielmehr davon, wie zufrieden oder unzufrieden sie mit ihrem eigenen Leben sind.

Aktive Mütter gut für Kinder

Ergo: Eine ausgebremst und frustriert zu Hause sitzende Mutter tut ihrem Kind weniger Gutes als eine berufstätige Mutter, die ihm die Signale eines ausgefüllten Lebens vermittelt. Und davon hängt natürlich auch die Qualität der Partnerschaft ab, die Eltern ihren Kindern vorleben und die sie in jeder Umarmung, in jedem Lachen spüren - und mit auf den Weg nehmen. Dieser Befund wird auch von einer Studie des Bundesfamilienministeriums bestätigt: Obwohl berufstätige Mütter unter ihrer Doppelbelastung stöhnen, fühlen sie sich doch weit häufiger gesünder und sind de facto seltener krank als Hausmütter. Denn arbeitende Mütter sind in der Regel ausgeglichener - was ihnen so gut tut wie ihren Kindern.

Aber tatsächlich hält uns ja nicht nur das - unnötige! - schlechte Gewissen zu Hause.

Tatsächlich führt ja auch eine gewisse Karrieremüdigkeit dazu, dass so viele Frauen um die dreißig sagen: Große Liebe, kleines Kind, lass fahren dahin die Karriere, ich hab schon genug geschuftet, jetzt bleibe ich mal gemütlich zu Hause, kümmere mich um mein Baby und richte mir irgendwann später irgendwie ein Home Office ein.

Das ist, leider, allermeistens eine dreifache Illusion: Später ist schnell zu spät. Und ein minimaler Nebenerwerb ist maximal selten auf hohem Niveau möglich: inhaltlich wie finanziell.

Grundsätzlich kann kein noch so hohes Kinder-Erziehungs-Tralala-Geld auf Dauer den Ausfall eines Einkommens kompensieren. Und somit steht der Haupternährer unter heftigem Druck, die allseits gestiegenen Ansprüche mit seinem Einkommen zu befriedigen.

Dieser Druck ist nicht selten scheidungsrelevant: Wenn moderne Frauenbilder und alte Männerrollen derart aufeinander prallen, wenn der Alleinernährer plötzlich so viele Mäuler alleine durchfüttern muss, wenn der Lebensentwurf der Alleinhüterin plötzlich in einem Tsunami aus Windeln und Abhängigkeit und Gebrüll und Perspektivlosigkeit untergeht - dann ist die "Paarkrise Kind" vorprogrammiert. So werden alle drei oder vier oder fünf nicht glücklicher. So sollten wir uns nicht länger selbst ausbremsen.

Das eine geht ohne das andere nicht. In Deutschland wagt es immer noch kaum jemand auszusprechen, in Schweden wird es schon seit den Siebzigerjahren praktiziert: Eine echte Wahlfreiheit zwischen Berufstätigkeit und Zuhausebleiben ist unmöglich sozial gerecht zu finanzieren. Weder die Politik noch die Philosophie, weder Gott oder der Sozialstaat, weder Appelle noch das Betriebsverfassungsgesetz, schlicht nichts und niemand kann den Frauen die Wahlfreiheit ermöglichen, zu Hause zu bleiben und zugleich ihre Gleichberechtigung zu verwirklichen.

Es ist "eine Illusion zu glauben, dass man Gleichheit im Arbeitsleben und im politischen Leben erreichen kann, während man größere Wahlfreiheit für Frauen als für Männer aufrechterhält", sagte 1968 die damalige schwedische Familienministerin Camilla Odnhoff. Konkret: "Wenn wir Gleichheit haben wollen, müssen wir uns damit abfinden, sie mit dem zu bezahlen, was so schön die Wahlfreiheit der Frau genannt wird." Die Politik hat die Pflicht und Schuldigkeit, mittels Kinderbetreuung, Steuergesetzgebung, Rahmenrichtlinien für "das Recht der Frauen zu sorgen, zu denselben Bedingungen erwerbstätig zu sein wie die Männer". Und die Bürger, alle, müssen die entsprechenden Konsequenzen ziehen: "Arbeit ist aller Recht und Schuldigkeit. Eine Sonderstellung für die Frau ist nicht begründet, außer im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Entbindung", sagte Frau Odnhoff. Und ließ Taten folgen.

Deshalb gibt es in Schweden seit langem keinen Steuerrabatt - weder für die Ehe noch für den Nachwuchs. Es gibt weder eine Witwenrente noch kostenlose Mitversicherungen von Frauen oder Kindern. Die Sozialabgaben sind hoch, die Lebenshaltungskosten ebenfalls, und kaum eine Familie kann es sich leisten, von nur einem Einkommen zu leben. Deshalb gilt dort ohne Wenn und Aber: Die Schwedinnen wollen arbeiten, und sie müssen es auch. Und zwar nicht nur für ihre selbstverständliche Selbstständigkeit und zur reinen Selbstverwirklichung, sondern auch für die höhere Miete, den geräumigeren Mittelklassewagen, die teureren Kinderklamotten, den ersehnten iPod. Auch der Schwede will natürlich weiter Karriere machen und packt dabei nicht zweigleisig an, weil er das alles nur klasse findet und unbedingt will, sondern weil auch er muss: an die Mülltonne, den Herd, das Babybett. Aber beide Schweden können auch beides: Es gibt ein einkommensabhängiges Erziehungsgeld sowie ein flächendeckend günstiges und qualitativ gutes Angebot an Ganztagsbetreuung von klein auf. Es gibt auch Hilfen für Alleinerziehende, die aber nicht wie in Deutschland Frauen aus dem Arbeitsmarkt drängen und in die Abhängigkeit von Sozialhilfe treiben, sondern darauf zielen, dass alle Schweden kontinuierlich im Berufsleben bleiben. Bis auf die maximal sechzehnmonatige Erziehungszeit pro Kind, deren gleichberechtigte Aufteilung zwischen Vater und Mutter nun gesetzlich verpflichtend vorgeschrieben werden soll.

Das ist die Emanzipation von dem inneren Stress der Frauen: zu viele Ansprüche und zu wenig Selbstbewusstsein. Und das Programm gegen den äußeren Stress der Frauen: schlechte Politik und ignorante Männer.

Das heißt nicht, dass alle Träume ausgeträumt sind. Auch nicht in der Traumfabrik USA, wo praktisch alle Mütter kurz nach der Geburt wieder arbeiten und folglich vierzig Prozent der Topmanager Frauen sind. Auch da sind neue Bücher über den alten Hausfrauentraum Kassenschlager. Aber es ist eben nur ein Traum derer, die ganz anders leben: Weil sie müssen, wenn der Märchenprinz das weiße Pferd nicht einfängt; weil der Staat keinen Cent fürs Zuhausebleiben zahlt; weil sie selbst den Traum nicht wirklich verwirklichen wollen, weil das nämlich bedeuten würde: verzichten auf ihren Job, ihr Geld, ihre Unabhängigkeit.

Natürlich sind sie oft albtraumhaft gestresst. Aber warum eigentlich? Ganz genau: Weil ordentliche Kleinkindbetreuung und gute Ganztagsschulen auch in den USA extrem teuer sind. Und weil auch amerikanische Männer auf der Rückseite des Mondes leben und höchstens mal den Rasen mähen.

Männer und Vorsätze

In allen Umfragen sagen die allermeisten deutschen Männer, dass sie sich mehr um ihre Kinder kümmern wollen, dass sie mehr mit ihnen leben und erleben wollen. Tatsächlich aber belassen sie es dann laut der "Väterstudie" des Bundesfamilienministeriums bei drei Prozent all der Aufgaben rund ums Kind: meist einem mehr oder weniger ausführlichen Gutenachtkuss. Drei Prozent!

Wohlgemerkt: Es gibt nicht wenige Männer, die den modernen Dreikampf so mancher Kollegin loben, die die zwangsläufig damit einhergehende meisterhafte Organisation und stählerne Disziplin bewundern, die den Effizienzgewinn zu schätzen wissen - aber mitmachen wollen sie dabei offenbar nicht. Denn es macht irgendwie keinen guten Eindruck, nach der letzten Besprechung sofort den Stift fallen zu lassen, und es ist doch irgendwie netter, nach der Arbeit noch ein bisschen beisammenzustehen, einen Schluck zu trinken, ? und so ganz nebenbei?der allabendlichen Quengel-Primetime zwischen Baden, Essen, Ins-Bett-Bringen aus dem Weg zu gehen - und beim Nachhausekommen fertig gecremte rosige Bäckchen zu knutschen?

Ja, viele Männer sind eigentlich nicht dafür, aber sie tun nichts dagegen. Viele leiden unter dieser ungewollten Arbeitsteilung an sich und oft ebenso unter der unwilligen Metamorphose ihrer Frauen. Viele Männer spüren den Druck von und auf allen Seiten, aber wirklich bewegen tun sie sich nicht. (?)

Das hat Ex-Familienministerin Renate Schmidt schon mal an teutonischen Führungskräften ausprobiert. Statt brav über Frauenförderung zu parlieren und Goodies an ihre diesbezüglich ach so aktiven, aus-schließlich männlichen Zuhörer zu verteilen, fand die Vortragende Schmidt, Frauen würden inzwischen genug gefördert, nun sei es zur Abwechslung mal an der Zeit, die Männer zu fördern, und zwar in ihrer angeblichen Neigung, aktive Väter zu sein. Stimulierend simulierte sie dafür ein Bewerbungsgespräch mit einem hervorragend qualifizierten Siebenunddreißigjährigen, dessen Lebenslauf die Personalchefin durchliest und dann sagt: "Nur eines finde ich nicht. Sie sind doch verheiratet und haben drei Kinder?" - "Ja." - "Dann habe ich es wahrscheinlich überblättert. Sagen Sie, wann haben Sie Auszeiten für die Erziehung genommen?" - Bewerber (verlegen): "Also ich und meine Frau haben beschlossen, dass diese Aufgabe meine Frau übernimmt." - Personalchefin Schmidt (bedauernd): "Dann kommen Sie für eine Führungsposition in unserem Haus leider nicht in Frage. Wir legen Wert darauf, dass unsere Führungskräfte, soweit sie Kinder haben, die Kompetenzen, die man in der Familienarbeit erwerben kann, auch tatsächlich selbst erwerben."

Echt schockiert waren die versammelten Personalchefs, beschreibt Renate Schmidt in ihrem Buch "SOS Familie - Ohne Kinder sehen wir alt aus" die Reaktionen. Schließlich reklamierten die Männer für sich, dass ihre Frauen ja froh seien, zu Hause bei den Kindern zu sein. Ob froh oder nicht, früher oder später müssen unsere Männer eine schwedische Einsicht zur Kenntnis nehmen: Dort ist nicht Wahlfreiheit, sondern Gleichstellung das Ziel. Es verlangt von den Frauen viel und von den Männern noch mehr. Das gleiche Recht auf den Beruf, die gleichen Pflichten in der Familie. Unter diesem Druck beteiligt sich tatsächlich bereits die Hälfte der schwedischen Männer substanziell an der Familienzeit.

Nein, es genügt nicht, piepsig zu betteln: "Wäre es nicht schön, wirklich dabei zu sein?", wie es ein Pappkamerad des Bundesfamilienministeriums in einer Anzeigenkampagne tut. Denn: Angedacht ist eben nicht umgedacht. Und eigentlich wollen läuft uneigentlich darauf hinaus: "Die Männer denken aber nicht um, sie denken nach: Jedes freiwillige Umdenken, so das Ergebnis, verschlechtert ihre Position - Vorschlag abgelehnt", schreibt Ansbert Kneip im Spiegel.

Tja. Da kann man ihre Dürftigkeit bemitleiden. Da kann Frau ihnen gehörig den Vogel zeigen und sie links liegen lassen. Oder alle zusammen können sie drängen, um nicht zu sagen zwingen: zu ihrem eigenen Glück.

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