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Mobilmachung: „Die Männer sind oft schockgefroren“

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Von: Stefan Scholl

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Gedenkfeier im Jahr 2000. Bilder von Gefallenen des Tschetschenienkriegs hängen bis heute im Saal der „Soldatenmütter“. dpa
Gedenkfeier im Jahr 2000. Bilder von Gefallenen des Tschetschenienkriegs hängen bis heute im Saal der „Soldatenmütter“. © dpa

In ganz Russland setzen sich Frauen dafür ein, Wehrpflichtige vor der Front in der Ukraine zu bewahren – zum Beispiel die Organisation „Soldatenmütter“ in Sankt Petersburg.

Zwei Stockwerke taubenblauer Klassizismus ducken sich zwischen den Nachbargebäuden, der karmesinrote Anstrich der schweren Holztür ist mit Graffiti übersät, dazwischen schimmert eine hellblaue Tafel: „Die Soldatenmütter von Sankt Petersburg.“ Die Tür ist verschlossen.

Der Petersburger Himmel hängt bleigrau über der Rasesschaja-Straße am Rand des Stadtzentrums, das Büro der „Soldatenmütter“ scheint sich hier verstecken zu wollen. Auf dem regennassen Asphalt davor stehen drei Frauen, zwei von ihnen tragen zu warme Daunenjacken, eine sucht in einem Telegramkanal auf ihrem Handy nach der Kennziffer der Gegensprechanlage.

„Die Verkehrspolizei hat einen Mann angehalten“, drinnen, im Veranstaltungssaal der „Soldatenmütter“ doziert eine kleine Frau mit kurzen grauen Haaren. „Sie nahmen ihm den Führerschein ab, er musste ihnen in seinem Auto zur nächsten Polizeiwache folgen. Auf der Wache verkündete man ihm dann, jetzt komme er ins Kriegskommissariat, kriege dort seinen Gestellungsbefehl. Ein klassischer Fall.“ Die Frau erklärt, welche Rechtsverstöße sich die Polizei erlaubt habe, wie ihr Opfer richtig hätte reagieren sollen. Und dass man jetzt das Kriegskommissariat unbedingt meiden muss.

Sie heißt Jelena Popowa, 14 Leute hören ihr zu, elf davon sind Frauen, meist über 50. Mütter.

Wladimir Putin und sein Verteidigungsminister Sergej Schoigu versichern seit Ende Oktober, die Teilmobilmachung in Russland sei abgeschlossen. Aber es gibt nur einen Erlass des Präsidenten, dass diese Teilmobilmachung am 21. September begonnen hat. Keinen, der sie offiziell für beendet erklärt hätte. Jurist:innen warnen, noch sei niemand davor sicher, dass nicht doch Amtspersonen mit einem Gestellungsbefehl an seiner Haustür klingeln.

In dem Büro an der Rasseschaja-Straße herrscht reger Betrieb

Und in Petersburg herrscht weiter Misstrauen gegenüber der Obrigkeit. Jetzt fange die ordentliche Herbsteinberufung der neuen Rekruten für das kommende Wehrpflichtjahr an, erklärt die Studentin Wera fachmännisch, da habe man die außerordentliche Mobilmachung beendet, um das heißlaufende System der Kriegskommissariate nicht völlig zu überlasten. „Bis die Herbsteinberufung in drei Monaten vorbei ist, brauchen sie bestimmt neues Kanonenfutter.“

Auch in dem Büro an der Rasseschaja herrscht weiter reger Betrieb. Die Petersburger „Soldatenmütter“ sind hier berühmt, sie verteidigen Wehrpflichtige und ihre Rechte seit ihrer Gründung 1991. Zusammen mit dem in ganz Russland arbeitenden „Komitee der Soldatenmütter“ waren sie wesentlich am Ende des ersten Tschetschenienkrieges 1996 beteiligt. Bis heute hängen im Saal Fotos von Uniformierten mit Kindergesichtern: junge Soldaten, die in Tschetschenien gefallen sind.

Die Petersburger Mütter arbeiten eng mit der pazifistischen „Bewegung der bewussten Verweigerer“ zusammen. Deren Koordinatorin Jelena Popowa würde das Militär am liebsten ganz abschaffen. Aber die „Soldatenmütter“, fünf Frauen, ein Mann, alle ehrenamtlich, riefen in den vergangenen Monaten nicht zu Antikriegsdemos auf. Sie kämpfen politisch eher mit eingezogenem Kopf, doch hartnäckig, sie kämpfen um einzelne Schicksale, gegen die staatliche Kriegsdienstmaschinerie.

Frauen seien weniger schicksalsergeben, sie suchten nach Auswegen, sagt die Aktivistin Jelena Popowa. Stefan Scholl
Frauen seien weniger schicksalsergeben, sie suchten nach Auswegen, sagt die Aktivistin Jelena Popowa. © Stefan Scholl

Sie werden weiter kämpfen müssen. Auf den Schlachtfeldern der Ukraine ist kein Ende absehbar. Und trotz aller offiziellen Versicherungen könnten auch die Schul- und Studienabgänger, die im Herbst neu zum einjährigen Wehrdienst eingezogen werden, dort landen.

Die Frauen im Saal der „Soldatenmütter“ hören aufmerksam zu, einige schreiben mit. Eine erzählt, ihr Sohn sei 30, in der Reserve, habe keinen Gestellungsbefehl. „Aber wir verstecken uns, wir wollen keinen Krieg führen.“ Sie sei hier, um möglichst viele Informationen zu seinem Schutz zu sammeln.

Laut Putin wurden 318 000 Mann mobilisiert, das Portal Mediazona geht von mehr als 590 000 aus – nach einer Hochrechnung der in ganz Russland sprunghaft gestiegenen Zahl von „Blitzheiraten“. Andererseits sollen bis zu einer Million Männer ins Ausland geflohen sein. Und allein in Petersburg sind Tausende untergetaucht, viele von ihnen meiden längere Aufenthalte auf belebten Plätzen. In den vergangenen Wochen informierten sich vor allem die Jüngeren auf den Online-Portalen der „Soldatenmütter“ und der „bewussten Verweigerer“. Viele Männer aber überlassen das eigene Schicksal wieder einmal ihren Frauen und Müttern.

Tatkräftige Hilfe

Die „Soldatenmütter“ in Sankt Petersburg gibt es seit 1991. Sie beraten Wehrpflichtige und ihre Angehörigen und helfen ihnen dabei, ihre Rechte durchzusetzen. Zusammen mit dem in ganz Russland arbeitenden „Komitee der Soldatenmütter“ trugen sie maßgeblich zum Ende des ersten Tschetschenienkriegs 1996 bei.

Die fünf Frauen und ein Mann , die ehrenamtlich für die „Soldatenmütter“ tätig sind, riefen in den vergangenen Monaten nicht zu Antikriegsdemonstrationen auf. Hartnäckig, doch politisch vorsichtig, setzen sie sich für Einzelpersonen ein und kämpfen so gegen die Kriegsdienstmaschinerie. Sie kooperieren eng mit der pazifistischen „Bewegung der bewussten Verweigerer“. FR

„Die Männer sind oft schockgefroren“, sagt Jelena Popowa, 57. Sie trägt eine Stoffjacke mit orangefarbenem Kunstfellkragen und einen karierten Rock. „Kommt der Gestellungsbefehl, verstecken sich die einen, rühren sich nicht mehr. Andere gehen vor lauter Angst selbst ins Kriegskommissariat, nehmen die Aushebung als etwas an, dass man standhaft ertragen muss.“ Ihre Frauen seien weniger schicksalsergeben, suchten nach Auswegen.

Im Kaukasus, in Jakutien, auch in Sankt Petersburg protestierten in den ersten Tagen nach der Mobilmachung vor allem Frauen. Darunter Anna Salje. Die Hochschulverwaltungsleiterin entkam am 21. September den Greiftrupps der Einsatzpolizei nur knapp. „Aber schon im Februar, einen Tag nach Kriegsbeginn, habe ich meinen Mann Michail mit Geschrei ins finnische Generalkonsulat gejagt, damit er sich dort ein Visum besorgt.“ Nach dem 21. September fuhr sie ihren Mann nach Finnland, ihrem Schwiegersohn Sergej buchten sie und ihre Tochter ein Flugticket nach Buchara. „Unsere frühere usbekische Kinderfrau Rano hat ihn aufgenommen, dann noch einen Freund Sergejs, einen zweiten Freund, einen Cousin, vier russische Kerle hat sie einen Monat lang durchgefüttert.“ Anna, 49, eine hochgewachsene Frau mit skandinavischen Gesichtszügen und finnischen Wurzeln, weint, als sie von der Usbekin erzählt.

Sie berät die Männer, die sie „Kinder“ nennt, jetzt vor allem über Skype

Schwiegersohn und Tochter leben und arbeiten inzwischen in Tiflis; ihr Mann kam in einer finnischen Lehranstalt unter, wo er mit 14 anderen russischen Fahnenflüchtigen Finnisch lernt. Der Direktor nahm sie auf, obwohl sie nur Touristenvisa hatten.

In Petersburg sind die Altruisten sehr oft weiblichen Geschlechts. „In den Kriegskommissariaten sind die Kinder allein, werden angeschrien. Wenn sich gar keiner um sie sorgt, will wenigstens ich für sie da sein“, sagt eine der „Soldatenmütter.“

Sie berät die Männer, die sie „Kinder“ nennt, jetzt vor allem über Skype. Wie die Mehrzahl ihrer Mitstreiterinnen kam sie vor Jahren selbst als hilfesuchende Mutter hierher, um ihren Sohn vom Wehrdienst zu befreien. Aber sie bittet darum, ihren Namen nicht zu nennen. Noch gebe es keinen Druck der Sicherheitsorgane. „Aber das kann sich ändern. Und wir sind so wenige hier.“

Anna Salje hat ihren Mann Ende September nach Finnland gebracht.
Anna Salje hat ihren Mann Ende September nach Finnland gebracht. © Stefan Scholl (2)

Der Saal brummt. Manche der russischen Mütter tragen Brillen; eine hat ein altes Diktiergerät dabei. Die einen erklären den anderen, wie sie notarielle Vollmachten bekommen, um ihre Söhne zu vertreten, welche Beschwerden sie an welche Instanzen schreiben müssen. Immer wieder verweisen die Aktivistinnen auf Links zu Online-Lektionen. Es gelte, die Leute juristisch so fit zu machen, dass sie selbst für sich einstehen könnten. „Das ist durchaus möglich, die Rechtslage ist sehr überschaubar“, sagt eine.

Sie haben viele kleine Erfolge gegen die Mobilmachung gefeiert, die Kriegskommissariate ließen oft von Fällen ab, in denen sich die Betroffenen quer gestellt hatten. Und fast jeden Zehnten der Hilfesuchenden, die bis Ende Oktober schon zur kämpfenden Truppe abgeschickt worden waren, bekamen die „Soldatenmütter“ wieder frei.

Aber es gibt keine Garantien. Unlängst lehnte ein Petersburger Gericht die Klage eines bereits eingezogenen Mannes auf Anerkennung als Verweigerer aus Gewissensgründen ab, weil er älter ist als 27 und bereits gedient hat. Sehr willkürliche Argumente.

Oft scheiterten die Anträge schon am Kriegerstolz der Männer. Jelena erzählt von einem Eingezogenen aus Pensa, der ihren Vorschlag, doch zu verweigern, erbost ablehnte: „Ich gehe in den Krieg, um Faschisten zu töten.“ Auch der Freund ihrer eigenen Tochter, ein ehemaliger Zeitsoldat, hat einen Gestellungsbefehl bekommen, ist danach immerhin untergetaucht. Aber er will keinen Verweigerungsantrag stellen. „Meine Kameraden vergießen an der Front ihr Blut, und ich soll irgendwelche Papierchen schreiben.“ Ein anderer Mann fragte: „Alle gehen an die Front. Wie sage ich meinen Kindern, dass ich gekniffen habe?“

„Warum schert ihr alle Russen über einen Kamm?“, fragt Anna

Anna sagt, ihre Schwiegermutter betrachte ihren Mann als Vaterlandsverräter. „Deine Großväter haben Leningrad verteidigt, und du?“, habe sie ihm vorgehalten. Dass Leningrad jetzt von niemandem bedroht wird, spiele für die Schwiegermutter keine Rolle.

Jelena hat früher auch bei den „Soldatenmüttern“ gearbeitet, im Hinterzimmer stehen noch zotige Sprüche an der Wand, die sie mit Filzmarker dorthin geschrieben hat: „Bombing for peace is like fucking for virginity.“ Jelena lacht, sie sei radikaler als die „Soldatenmütter“. Aber würde sie jetzt auch den Menschen in der Ukraine Pazifismus predigen? „Die Ukrainer verteidigen ihr Haus. Wenn ich dort lebte, würde ich der ukrainischen Armee auch helfen, etwa Lebensmittel herbeischaffen.“

Anna wollte kürzlich mit ihrem siebenjährigen Sohn Roman zu ihrem Mann nach Finnland. Für drei Tage. Aber wie die baltischen Staaten, Polen und Tschechien hat Finnland inzwischen die Grenze für Russ:innen mit Touristenvisa geschlossen. Und die Grenzbeamten verweigerten den beiden die Einreise. „Sie sagten, Roman und ich stellten eine Gefahr für die internationalen Beziehungen Finnlands dar.“

Wo der Humanismus Europas geblieben sei, fragt Anna. „Es ist richtig, dass eure Regierungen Putins Feldzug gegen die Ukraine so scharf verurteilen. Aber warum schert ihr alle Russen über einen Kamm? Warum lasst ihr die im Stich, die nicht mitmachen, die nicht töten wollen?“

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