1. Startseite
  2. Politik

Militärexperte glaubt an Russlands Niederlage – Historiker geht sogar noch weiter

Erstellt:

Von: Felix Durach

Kommentare

Kann die Ukraine den Krieg gegen Russland doch gewinnen? Zwei Experten halten eine Niederlage für Putin längst nicht mehr für ausgeschlossen.

Moskau – Vor über fünf Monaten startet Russlands Präsident Wladimir Putin den Angriffskrieg auf die Ukraine. Das erklärte Ziel des Autokraten: Die Anerkennung der selbsternannten Volksrepubliken Luhansk und Donezk als unabhängig, sowie die Entnazifizierung und Entmilitarisierung des gesamten Landes.

Doch seit den ersten Kriegstagen hat sich die Lage im Ukraine-Krieg verändert. Zwei Experten sehen Präsident Putin in der aktuellen Lage sogar mächtig unter Druck, wie merkur.de berichtet.

Ukraine-Krieg: Putins Truppen erleiden hohe Verluste in der Ostukraine

Denn die russischen Truppen kommen im Donbass und der Südukraine nur langsam voran. Nach monatelangen erbitterten Kämpfen war es den Streitkräfte zuletzt gelungen, die ukrainischen Verteidiger aus der Region Luhansk zu vertreiben. Gerade die Kämpfe um die Städte Sjewjerodonezk und Lyssytschansk zogen sich dabei aber in die Länge und sorgten für hohe Verluste bei den russischen Truppen.

Präsident Wladimir PutinKonferenz Hauptstadt Teheran Uhr schweiz russland
Der russische Präsident Wladimir Putin blickt bei einer Konferenz am 20. Juli in der iranischen Hauptstadt Teheran auf seine Uhr. Er wechselte nun offenbar von einem Schweizer Traditionshersteller auf ein Modell russischer Herkunft. (Archivfoto) © IMAGO/Mikhail Tereshchenko / ITAR-TASS

Der russische Vormarsch auf die Region Donezk wird auch deshalb deutlich langsamer vorangehen. Das prognostiziert zumindest der Militärexperte Ed Arnold vom britischen Thinktank Royal United Services Institute (Rusi). „Sie sind langsam erschöpft, was ihre Offensivkraft angeht. Sie haben einen sehr hohen Preis für die Kontrolle von Luhansk bezahlt“, erklärte Arnold dem Spiegel zur Situation der russischen Armee. Kiew habe in den vergangenen Wochen jeden Zentimeter seines Territoriums verteidigt und somit für große Verluste in den Reihen der russischen Armee gesorgt.

Russischer Vormarsch gerät ins Stocken - Ukraine profitiert von Waffenlieferungen

Gleichzeitig verfügt das ukrainische Militär über deutlich bessere Waffensysteme als noch zu Beginn des Krieges. Die USA brachten bereits vor wenigen Wochen Mehrfachraketenserversystem von Typ Himars in die Ukraine. Die Bundesregierung lieferte zum Beginn der Woche mit Mars II ein ähnliches System ins Kriegsgebiet. Dadurch können die ukrainischen Streitkräfte jetzt aus großer Entfernung russische Ziele angreifen. In den Fokus rücken dabei Munitionslager oder Kommandozentren.

Ein Raketenwerfer MARS II steht in der Alb-Kaserne.
Deutschland hat drei Mehrfach-Raketenwerfersysteme vom Typ Mars II an die Ukraine geliefert. © Sebastian Gollnow

Ukrainische Gegenoffensive: Militärexperte rechnet bis September mit Eroberung von Cherson

„Dies wird die Kapazitäten Russlands beeinträchtigen. Sowohl bei offensiven Operationen als auch bei der Verteidigung“, schlussfolgert Arnold. Parallel läuft im Süden des Landes die Gegenoffensive der ukrainischen Armee an. Dort können die Streitkräfte der Ukraine bereits jetzt erste Gebietsgewinne verzeichnen und auf die Großstadt Cherson vorrücken. Langfristig will Kiew die Kontrolle über die strategisch wichtige Achse Odessa-Mykolajiw-Cherson-Melitopol zurückerlangen.

Militärexperte Arnold hält es für wahrscheinlich, dass die ukrainischen Streitkräfte Cherson bis September zurückerobert haben könnten. Der Verlust der strategisch wichtigen Hafenstadt wäre eine harte symbolische Niederlage für das Regime von Putin.

Auch der renommierte Historiker und Yale-Professor Timothy Snyder hat sich auf seinem Blog „Thinking about“ einmal mehr mit dem aktuellen Stand des Ukraine-Kriegs befasst. Dabei ist er zu einem für Putin unerfreulichen Ergebnis gekommen. Putin habe nur einen Weg den Krieg zu gewinnen: In dem Moskau den Westen davon überzeugt, dass die Ukraine den Krieg nicht gewinnen kann und die Unterstützungen für Kiew daraufhin ausbleiben.

Westliche Waffenlieferungen zeigen wohl Wirkung - Krieg verändert seinen Charakter

Davon abgesehen sieht Snyder die Ukraine aktuell in einer Position, den Krieg gewinnen zu können. Auch der Historiker wähnt Kiew durch die Lieferung westlicher Mehrfachraketenwerfer im Vorteil. „Die russische Kriegsführung beruht auf Artillerie, auf dem Töten aus großer Distanz“, analysiert Snyder in seinem Blog-Beitrag. Dieser Vorteil habe auch zu den Gebietsgewinnen in den ersten Kriegsmonaten geführt.

„Aber wenn der russische Vorteil bei der Artillerie verschwindet, verändert der Krieg seinen Charakter“, so der Historiker. Diesen Vorgang könne man aktuell beobachten. Hinzu komme, dass die russische Armee ihre Vorteile in den ersten Kriegsmonaten kaum ausgenutzt habe. Gerade im Südosten der Ukraine habe Russland seine militärische Überlegenheit nicht ausspielen können. Dort sei das Gelände ideal für einen schnellen Vorstoß der Streitkräfte gewesen. Erzielt wurden jedoch nur langsame Gebietsgewinne, die eine ukrainische Gegenoffensive nun wieder streitig machen könnte.

Ukraine-Krieg: Putin startete Invasion mit falschen Annahmen

Ein zentraler Punkt ist für Snyder auch, dass Putin die Invasion unter falschen Annahmen gestartet hatte. Der russische Präsident sei davon ausgegangen, dass das ukrainische Volk die Zerschlagung seiner Regierung durch die „russischen Brüder“ begrüßen und widerstandslos akzeptieren würde. „Die ukrainische Nation und der ukrainische Staat sind durch diesen Krieg verändert worden, aber nicht in einer Weise, von der Russland profitiert“, schreibt Snyder.

Russland versuche aktuell, die ukrainische Wirtschaft zu zerstören, die Bevölkerung mit Raketenangriffen zu terrorisieren und über den Exportstopp von Getreide und Gas Druck auf Europa und Afrika auszuüben. Die ukrainischen Soldaten habe für den Historiker die schlüssigeren Gründe zu kämpfen: die Existenz ihres Landes zu sichern und die verlorenen Gebiete zurückzuerobern.

Historiker über den Ukraine-Krieg - Westen hat eine einfache Aufgabe

Sollte die ukrainische Gegenoffensive zur Rückgewinnung von Gebieten führen, könne dies das Bild des unbesiegbaren Russlands zerstören. Dann könne es auch für Putin eng werden. „Der Krieg endet nur, wenn Putin realisiert, dass seine persönliche Position bedroht ist“, schlussfolgert Snyder. Der Westen habe bis dahin eine einfache Aufgabe. „Alles was wir tun müssen ist, die Dinge so zu sehen, wie sie sind, Geduld zu zeigen und die Demokratie zu unterstützen, die angegriffen wird - mit der richtigen Einstellung und den richtigen Waffen“, so Snyders Fazit. (fd)

Auch interessant

Kommentare