Mittendrin - statt nur dabei

Bassam Tibi über das Scheitern von Multikulti und die Hausordnung eines europäischen Islams

Frankfurter Rundschau: Nach dem Mord an Theo van Gogh in Amsterdam streiten Politiker auch in Deutschland über Islam, Islamismus und die Integration von muslimischen Zuwanderern. In Sinsheim brannte eine Moschee. 20 000 Menschen, die meisten von ihnen Muslime, haben am Wochenende für einen gewaltfreien Islam demonstriert. Hat in Deutschland der Kampf der Kulturen begonnen?

Bassam Tibi: Ich habe große Bedenken gegen die Formel "Kampf der Kulturen". Sie erinnert mich an den Klassenkampf der Marxisten, oder an Hitlers "Mein Kampf". Ich ziehe es vor, von Konflikten zwischen Zivilisationen zu sprechen. Samuel Huntington, auf den diese Formel zurückgeht, spricht ja schließlich auch von Civilisations. Jede Zivilisation hat ihre Normen und Werte. Und diese Normen und Werte können weltanschaulich in Konflikt geraten.

Ein Beispiel dafür: Im Islam versteht man unter Recht "Scharia". Die Europäer dagegen verstehen unter Recht das, was die Parlamente, also die Gesetzgeber, verabschieden. Zwischen diesen beiden Konzepten gibt es einen Konflikt. Die Scharia erlaubt die Tötung von Ungläubigen, und sie erlaubt die Tötung von Menschen, die von der Religion abgefallen sind. Nach europäischem Recht ist das Mord. Diesen Konflikt muss man durchstehen. Es reicht nicht aus, dass man Gewalt verurteilt - es gibt Konflikte, die darf man einfach nicht unter den Teppich kehren. Man muss über diese Konflikte offen reden, und zwar im Dialog mit denjenigen Muslimen, die es wirklich ernst meinen mit einem friedlichen Zusammenleben zwischen der islamischen Gemeinde und den ursprünglichen europäischen Gesellschaften.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, diese Konflikte zu überwinden?

Es geht vor allem darum, dass wir eine Art Satzung bekommen, in der das Zusammenleben von Muslimen und nichtmuslimischen Europäern klar geregelt ist. Schließlich hat auch jeder Klub seine Satzung. Wie wichtig eine solche Satzung für die Zukunft Europas ist, kann man an der demographischen Entwicklung sehen. Ich nenne nur drei Zahlen: 1950 lebten in Westeuropa 800 000 Muslime, 2004 sind es 17 Millionen, im Jahre 2035 werden es 40 Millionen sein. Wir brauchen also ganz dringend ein Reglement für das Zusammenleben der muslimischen und der nichtmuslimischen Europäer.

Hat der Mord an van Gogh die Europäer aus einem Dämmerschlaf geweckt?

Vor dem Mordanschlag war es kein Schlaf, es war ein Verbot - ein Quasi-Verbot - über die Probleme offen zu reden. In guter Absicht: Man dachte, wenn man über die Probleme offen redet, dann würde man nur die rechtsradikalen, die immigrationsfeindlichen Kräfte stärken. Jetzt, nach dem Mord an van Gogh - es war nicht nur Mord, es war Lynchjustiz - hat man erkannt, dass man doch darüber reden muss.

Ist diese Tat ein Zeichen dafür, dass der multikulturelle Ansatz gescheitert ist, wie die CDU-Vorsitzende Angela Merkel verkündet hat?

Was ist eigentlich Multikulturalismus? Multikulturalismus bedeutet, dass Angehörige verschiedener Kulturen nebeneinander leben. Jeder für sich, ganz nach seinen eigenen Normen. Die Muslime nach der Scharia, die Deutschen nach dem Grundgesetz. Ich möchte aber kein Nebeneinander, ich möchte ein Miteinander. Das wiederum erfordert eine Satzung, man könnte auch sagen, eine gemeinsame Hausordnung.

Wenn Sie das Konzept eines Multikulturalismus' ablehnen, was schlagen Sie stattdessen vor?

Meine Alternative zum Multikulturalismus lautet kultureller Pluralismus. Das klingt vielleicht wie Haarspalterei, aber es geht nicht um eine akademische Spielerei. Kulturpluralismus ist etwas ganz anderes als Multikulturalismus. Er steht auf zwei Beinen: auf der einen Seite eine Vielfalt in den Lebensweisen, auf der anderen Seite - trotz der Vielfalt - ein Konsens über die gemeinsame Hausordnung, die für alle gleichermaßen gilt. Ich kann nicht sagen: Als Moslem darf ich meine Frau schlagen, weil der Koran es erlaubt. Auch in einer kulturell vielfältigen, einer pluralistischen Gesellschaft gibt es Normen, die für alle gelten. Dazu gehören zum Beispiel die Menschenrechte, die Demokratie, und auch die Trennung von Religion und Politik. Vielfalt plus Hausordnung, das ist es, was ich als Kulturpluralismus bezeichne.

Hilft uns das Konzept Integration dabei weiter?

Ich denke schon. Man muss Integration ganz deutlich unterscheiden von Assimilation. Assimilation bedeutet Selbstaufgabe und totale Anpassung an die Mehrheitsgesellschaft. Integration dagegen beschränkt sich allein auf die staatsbürgerliche Zugehörigkeit, während im privaten, im nicht-öffentlichen Leben die Vielfalt bewahrt bleiben kann. Integration bezieht sich auf das Bürger-Sein in der Zivilgesellschaft. Ich lehne Assimilation ab und trete für Integration ein.

Bei der Integration von Zuwanderern aus islamischen Ländern in Europa stellt sich insbesondere die Frage nach der Vereinbarkeit von Islam und der westlichen Welt. Es gibt Stimmen, die diese Vereinbarkeit grundsätzlich leugnen.

Im Jahre 1982 war ich das erste Mal zu Besuch in einem islamischen Land, das nicht arabisch ist, in Senegal in Westafrika. Dort habe ich einen Islam kennen gelernt, der sehr anders ist als der arabische Islam. Dieser afrikanische Islam stammt zwar aus Arabien, aber es gibt dort eine richtig afrikanische Kultur, die zugleich islamisch ist. Warum kann sich das nicht auch in Europa entwickeln? Der Islam ist in Frankfurt am Main fremd, aber in Dakar, in der Hauptstadt Senegals, ist er nicht fremd? Ein anderes Beispiel: Im vergangenen Jahr habe ich eine Zeit lang in Indonesien gelebt. Dort habe ich gesehen, dass der Islam in Indonesien indonesisch ist. Warum ist der Islam in Frankfurt nicht Frankfurterisch? Man kann den Islam neu interpretieren und ihn Frankfurterisch machen!

Sie sehen also keine grundsätzliche Schwierigkeit, was die Anpassungsfähigkeit des Islam an andere kulturelle Bedingungen, an einen anderen kulturellen Rahmen angeht?

Nein, wieso sollte es ein Problem geben? Als Religion ist der Islam in Frankfurt am Main dasselbe wie der Islam in Jakarta oder Dakar - nämlich ein Glaube an Gott, mit ein paar lokalen Besonderheiten. Der Islam als Kultur ist dagegen in Frankfurt nicht dasselbe wie der Islam in Jakarta oder Dakar. Ich kenne etwa 30 islamische Länder aus eigener Erfahrung. Es gibt eine große kulturelle Vielfalt im Islam. Warum sollte nicht auch ein europäischer Islam möglich sein?

Welches europäische Land ist Ihrer Auffassung nach am weitesten auf dem Weg zu einem solchen Euro-Islam vorangekommen?

Am weitesten ist Frankreich. Die französische Politik fordert und fördert die Entwicklung eines Islam, der im Einklang steht mit der Verfassung. Der Imam der großen Moschee von Paris und der Obermufti von Marseilles sind Anhänger des Euro-Islam. Beide sind klar für die Trennung zwischen Religion und Politik, für die laicité. Frankreich hat zwar große Probleme. In der Banlieu von Marseille gibt es Orte, wo sich die Polizei nicht hintraut. Aber im Vergleich schneidet Frankreich am besten ab. Die dortige zentrale Vertretung - der Conseil du Culte musulman - wird von Kräften geführt, die für einen Euro-Islam eintreten.

Wie weit ist Deutschland auf dem Weg zum Euro-Islam?

Bei uns in Deutschland trauen sich die Politiker nicht so recht, Forderungen an die Muslime zu stellen. Ich habe noch zu selten von einem Politiker eindeutig als Forderung gehört, das Grundgesetz müsse Bestandteil der Einstellung der Muslime sein. In Frankreich verlangt man das ganz selbstverständlich. In der Islam-Charta des Zentralrats der Muslime in Deutschland steht, der Islam sei beides: Religion und Staatsordnung. Das aber steht im Widerspruch zum Grundgesetz. Ich hoffe, dass jetzt eine Diskussion stattfindet, bei der man sagt: Wir verlangen von den Muslimen nicht nur die Verurteilung des Terrors, sondern auch ein klares Bekenntnis zum Grundgesetz. Die Zivilgesellschaft hat das Recht, hier mitzureden und zu sagen, Scharia und Dschihad haben hier keinen Platz. Die demokratische Grundordnung Europas muss auch eine Grundordnung für die Muslime werden. Wenn Sie die Probleme unter den Teppich kehren, wird es am Ende gefährlich. Huntington übertreibt zwar die Konflikte. Aber nur wenn wir zugeben, dass es Konflikte gibt, haben wir auch die Chance, sie friedlich zu lösen.

Interview: Ulrich Speck

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