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Lübbers? Arbeitszimmer: der "Schockraum" unter Deck.

Sea-Watch

"Das Mittelmeer ist die gefährlichste Grenze der Welt"

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Ralf-Michael Lübbers ist mit anderen Freiwilligen aufs Schiff, um Flüchtlinge zu retten. Im Interview mit der FR spricht der Arzt über die Angst, eines Tages zu spät zu kommen.

Herr Lübbers, träumen Sie manchmal noch von der schweren See?
Die See hat mir nicht so viel ausgemacht. Bin anscheinend seefest, jedenfalls mit einem Scopolamin-Pflaster hinter dem Ohr. Meine Fitness ist wegen einer Erkältung eingeschränkt, die ich seit Weihnachten habe. Sollte vielleicht mal zum Arzt gehen.

Nehmen es Ihnen Ihre Patienten eigentlich übel, wenn Sie Ihre Praxis in der Grippesaison für drei Wochen schließen, um auf die „Sea-Watch 3“ zu gehen?
Ich hatte nicht den Eindruck. Meine Helferinnen verneinen das ebenfalls. Normalerweise dauern die Einsätze bei Seawatch zwei Wochen, die 3,5 Wochen waren eine Ausnahme. Sea-Watch suchte dringend einen Arzt.

Das heißt, Sie haben sich nicht beworben, sondern Seawatch ist an Sie herangetreten?
Ich hatte mich beworben, Anfang letzten Jahres war ein Treffen der Bewerber in Berlin, übrigens verschiedene Berufsgruppen vom Koch über Kapitän bis Arzt und Rettungssanitäter. Dann war eigentlich im Oktober mein Einsatz vorgesehen. Dies klappte nicht, weil das Schiff technische Probleme machte. Für November und Dezember 2017 wurden außerplanmäßig Ärzte gesucht. Ich hatte Zeit.

Und sind nach Malta geflogen, wo die „Sea-Watch 3“ lag. Welche Aufgaben hatten Sie – außer, sich um die Gesundheit der Flüchtlinge zu kümmern?
Als Arzt musste ich das Sea-Watch-Personal zu Vorerkrankungen befragen. Am Schluss musste ich die Frage stellen: Bist Du bereit, Leichen aus dem Wasser zu bergen? Diese Frage konnte mit Ja oder Nein beantwortet werden und musste selbstverständlich respektiert werden.

Wie haben Sie selbst diese Frage beantwortet?
Ich wäre bereit gewesen. Ganz genau weiß man so etwas aber erst, wenn man es das erste Mal gemacht hat.

Wenn ich mir vorstelle, ich würde zu einem Lebensrettungseinsatz auf dem Mittelmeer aufbrechen – ich wäre vorab von Zweifeln geplagt. Einerseits möchte ich helfen, andererseits riskiere ich, schlimme Dinge zu erleben, mit denen ich fertig werden muss. Hatten Sie solche Zweifel?
Als Arzt bin ich immer wieder mit schlimmen Situationen konfrontiert: Todbringende Diagnosen, Notfälle, familiäre oder berufliche Krisen, Leichenschauen. Und wir behandeln in der Arztpraxis auch jene Patienten, die früher übers Mittelmeer geflohen sind und gerettet wurden. Ich habe auch schon Einsätze in Bangladesh gemacht, 1999 für Ärzte für die Dritte Welt, heute German Doctors. Und Haiti für humedica. Die Konfrontation mit schlimmen Schicksalen ist also für mich nicht neu. Bisher bin ich damit klargekommen. Allerdings habe ich glücklicherweise ganz schlimme Dinge noch nicht erlebt. Bei meinen bisherigen Einsätzen ist kein Mensch gestorben. Das war aber einfach Glück. Beim Nachfolgeeinsatz der Sea-Watch und auch beim Einsatz davor sind Menschen gestorben. Genauer gesagt: ertrunken, vor den Augen der Helfer. Wenn ich das erlebt hätte, das wäre schlimm gewesen.

Das klingt ziemlich abgeklärt.
Ich hatte Bedenken vor allem wegen meiner fachlichen Eignung. Ich bin niedergelassener Allgemeinmediziner. Meine Kenntnisse und insbesondere praktischen Fähigkeiten in Geburtshilfe und Chirurgie sind bescheiden. Gesucht waren aber tatsächlich Allgemeinmediziner, die wissen, wie man Bluthochdruck und Krätze behandelt. Dabei wurde ich unterstützt durch zwei Rettungssanitäter, die sich sehr gut theoretisch und praktisch mit Notfallmedizin auskannten, und von einem Krankenpfleger. Und ich bin meiner Frau dankbar, Kinderärztin, die ich anrufen konnte, wenn ich Fragen hatte. Die ganze Rettungsaktion funktionierte nur, weil alle 22 Besatzungsmitglieder das Schiff am Laufen hielten, vom Schiffsingenieur bis zur Köchin.

Auf was für Menschen sind Sie an Bord gestoßen?
Eine bunte Mischung. Überwiegend jüngere Leute in den Zwanzigern und Dreißigern. Nur zwei waren älter als ich. Ich bin 53. Natürlich welche mit Berufserfahrung auf Schiffen wie Kapitän, Schiffsingenieur, Maschinist, Schlauchbootfahrer, ohne die geht’s natürlich nicht. Viele mit wenig Erfahrung mit Schiffen: ein Journalist, die Rettungssanis, Krankenpfleger, Elektriker. Offiziell wurde englisch gesprochen. Es waren mehrere Briten an Bord. Einer war in Spanien groß geworden war und sprach spanisches Englisch. Einen „richtigen“ Spanier gab es auch. Eine Holländerin, die ursprünglich aus Ägypten kam. Viele von ihnen hatten ein bewegtes Leben mit Brüchen.

Und wie waren Sie untergebracht?
Wir „Fußvolk“ waren in Zwei-Mann-Kajüten untergebracht mit zwei Betten übereinander und wenig Platz für einen kleinen Tisch, einen Stuhl, einen Schrank und Unterbettkommoden. Dann gab es einen Aufenthaltsraum, wo wir aßen, quatschten, Piratenfilme und „Moby Dick“ sahen und auch „Die Dolmetscherin“ mit Nicole Kidman. Es gab ein Trimmrad bei den Flüchtlingen. Damit spielten nur die Kinder. Ringsherum Mittelmeer, aber wir konnten nicht darin schwimmen. Meine Lieblingsbeschäftigung auf dem Schiff war Lesen. Das ist aber auf dem Festland nicht anders. Und jeder musste mit anpacken, beim Aufräumen und Abwaschen und Putzen. Und wie man einen Schiffsfußboden säubert, das muss man erst mal lernen. Ich fand’s nicht langweilig.

Und die Arbeit?
Mein Arbeitsplatz war der „Schockraum“. Dort können Schwerverletzte und Schwerkranke notfallmäßig versorgt werden. Eine Art Intensivstation, ausgestattet mit EKG, einem Defibrillator und Material zum Beatmen, Anlegen venöser Zugänge und mit Medikamenten sowie mit Verbandsmaterial und Zuckermessgeräten.

Hatten Sie viel zu tun?
Ich hatte keine Notfälle, aber es gab Komplikationen in einem Fall. Bei unserem Einsatz übernahmen wir 254 Flüchtlinge von der „Lifeline“, einem anderen Seenotretter, den wir so entlasten konnten. Unsere Aufgabe war es zunächst, diese Flüchtlinge zum Hotspot nach Italien zu bringen und zu versorgen. Die meisten Flüchtlinge befanden sich in einem guten Zustand. Allerdings hatte eine Frau noch auf dem Schlauchboot entbunden. Sie und ihr Kind wurden im Schockraum aufgenommen und blieben bis zum Schluss dort. Dem Kind ging es gut, aber die Frau entwickelte eine schwere fieberhafte Infektion, die auch durch intravenöse Gabe von Antibiotika nicht zu beherrschen war. Sie musste notfallmäßig vorzeitig nach Italien verlegt werden. Die Italiener schickten ein Rettungsschiff. Wir erfuhren nach einigen Tagen, dass es ihr im Krankenhaus wohl gut ging.

Werden die Flüchtlinge immer aus brenzligen Situationen gerettet, oder hätte auch die Chance bestanden, dass sie es mit ihren Booten aus eigener Kraft unbeschadet nach Italien geschafft hätten?
Wenn man sich mitten auf dem Mittelmeer befindet, sieht man nichts als Wasser. Ich halte die Wahrscheinlichkeit für gering, dass man mit diesen Booten die italienische Küste erreicht. Es sind ja kleine überfüllte Boote. Ich selbst habe so eines aber nur von Weitem gesehen. Die Menschen waren in diesem Fall bereits von der italienischen Küstenwache gerettet worden, und das Fluchtboot war in Brand gesteckt worden. Eines der Probleme mit diesen Booten ist, dass sich im Bootsboden eine Rinne bildet, in der sich Stuhl, Urin, Benzin und Meerwasser sammeln. Gerade die Kinder und Frauen sitzen in der Mitte der Boote. Dadurch können sie sich Verätzungen zuziehen. Bei meinem Einsatz hatten wir solche Probleme zum Glück nicht. Man könnte 24 Stunden am Tag 365 Tage im Jahr Menschen retten. Der Bedarf ist da. Was ich bisher gemacht habe, kann man in Wochen zählen.

Wie wurden die 254 Flüchtlinge an Bord der „Sea-Watch 3“ versorgt und untergebracht? Es musste auch Essen ausgegeben werden, und die Leute mussten irgendwo schlafen.
Die Frauen und Kinder wurden in einem Raum vor dem Schockraum untergebracht. Die Männer wurden an Deck untergebracht unter einer Art Zeltdach mit seitlichen Plastik-Vorhängen, die vor Wind schützen sollten. Alle bekamen Decken. Mittags wurde aus einem großen Bottich ein Reis-Kidney-Bohnen-Gericht verteilt. Unsere Köchin, eine Vegetarierin, bekochte uns und die Flüchtlinge. Die Flüchtlinge wurden an der Verteilung und am Abräumen und Säubern beteiligt. Insbesondere die Kinder fanden das klasse. Und es gab Duschen und Shampoo.

Einsätze wie der der „Sea-Watch 3“ werden manchmal kritisiert, weil sie angeblich das Geschäft der Schleuser besorgen.
Immer wieder ertrinken Menschen im Mittelmeer, weil es ihnen zu Hause so schlecht ging, dass sie fliehen mussten. Dem Tod zu Hause gerade noch von der Schippe gesprungen, dem unerträglichen Leben. Und dann berichtet manchmal die Tagesschau, so wie kürzlich mal wieder. Wo waren da die Retter für die Ertrunkenen? Wo war die EU? Juncker? Merkel? Seehofer? Was wäre passiert, wenn die in der Tagesschau erwähnte private Hilfsorganisation die anderen Menschen nicht gerettet hätte? Das Mittelmeer ist groß. Die wären ertrunken oder verdurstet. Was kann man machen, wenn Menschen in Seenot geraten? Sie ihrem Schicksal überlassen? Zugucken? Weggucken? Es mag Schleuser geben, die den Flüchtlingen aus altruistischen Gründen helfen. Die Mehrzahl wird aber rein profitorientiert sein. Die schicken die Flüchtlinge einfach auf Tour. Zur Not ins Verderben. Auf deren Niveau sollte sich die Europäische Union nicht begeben. Push-Faktoren, also weg aus Libyen, sind wichtiger als Pull-Faktoren, also rauf auf die „Sea Watch“ und die anderen Rettungsboote. Das Mittelmeer ist die gefährlichste Grenze der Welt, gemessen an der Zahl der Toten.

Sie haben gesagt, Sie hätten zum Glück während Ihres Einsatzes keine Verluste an Menschenleben zu beklagen gehabt. Kann man in diesem Zusammenhang überhaupt von Glück sprechen?
Zufall und Glück. Und auch wieder nicht. Aber für mein Seelenleben ist es sicher gut, dass ich niemanden ertrinken gesehen habe. Den Übergang vom Leben zum Tod mitzubekommen ist grauslich. Die Arbeit jeden Tag auf einer Palliativstation kann ich mir nicht vorstellen. Altersheim ist schon schlimm. Und wenn junge gesunde Menschen und sogar Kinder hilflos im Mittelmeer ertrinken – wie unvorstellbar grausam!

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