An der Berliner Charité haben Ärztinnen und Ärzte Hinweise auf eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer in Nawalnys Körper entdeckt.
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An der Berliner Charité haben Ärztinnen und Ärzte Hinweise auf eine Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer in Nawalnys Körper entdeckt.

Berliner Charité

Womit Kremlkritiker Alexej Nawalny vergiftet wurde

  • Pamela Dörhöfer
    vonPamela Dörhöfer
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Im Fall der möglichen Vergiftung des Kreml-Kritikers Alexej Nawalny sind Forscher auf der Spur des Giftes. Es ist ein verbreiteter Stoff.

  • Der Kreml-Kritiker Nawalny wurde mutmaßlich vergiftet.
  • Er wird in der Berliner Charité behandelt.
  • Forscher machen Angaben über die Beschaffenheit des Giftes.

An der Berliner Charité haben Ärztinnen und Ärzte Hinweise gefunden, dass der russische Kremlkritiker Alexej Nawalny mit einer Substanz aus der Wirkstoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer vergiftet wurde. Die Wirkung des Toxins sei von mehreren unabhängigen Laboren bestätigt worden, heißt es in einer Mitteilung der Klinik. Um welche Substanz es sich genau handelt, wussten die Experten noch nicht. Das wollen sie in den nächsten Schritten klären.

Cholinesterase-Hemmer sind keine exotischen Gifte, mit denen vornehmlich in geheimen, düsteren Laboren hantiert wird, sondern eine verbreitete Gruppe chemischer Stoffe, die vielfach Anwendung finden, sogar als Therapeutikum in der Medizin. Ihre Wirkung basiert darauf, im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen ein Enzym – die Acetylcholinesterase – zu hemmen. Diese Enzyme werden in der Leber produziert und erfüllen wichtige Funktionen im Körper, etwa bei der Impulsübertragung von Nervenzellen auf Muskeln.

Nawalny wurde mutmaßlich vergiftet - möglicherweise mit Cholinesterase-Hemmern

Die Stoffgruppe der Cholinesterase-Hemmer sei „extrem gut bekannt und alle Informationen können leicht im Internet gefunden werden“, sagt Thomas Hartung, Direktor des „Center for Alternatives to Animal Testing“ an der US-amerikanischen Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health. So basierten die „wichtigsten chemischen Kampfstoffe“ – etwa Nervengase wie Sarin oder Soman – und bestimmte Pestizide auf Cholinesterase-Hemmern. „Man kennt sich deshalb sehr gut aus.“ Der Wissenschaftler weist darauf hin, dass auch die Nowitschok-Nervenkampfstoffe, die 2018 bei der Vergiftung des russischen Doppelagenten Sergej Skripal eingesetzt wurden, zu dieser Wirkstoffgruppe gehören.

In der Medizin werden Cholinesterase-Hemmer zur Behandlung von Alzheimer-Demenz, Morbus Parkinson, aber auch bei Entleerungsstörungen von Blase und Darm eingesetzt.

Bei einer Vergiftung mit einer Substanz aus dieser Wirkstoffklasse treten als Symptome „extrem kleine Pupillen, Speichelfluss, Spasmen und Krämpfe, Lähmungen und Herzversagen“ auf, erläutert Hartung. Die Aussichten der Behandlung hingen davon ab, „wie viel von welcher Substanz verabreicht und wie schnell welche Therapie eingeleitet wurde“. Nawalny erhielt an der Charité das Gegenmittel Atropin. Hartung geht davon aus, dass sehr bald bekannt sein wird, mit welchem Stoff konkret er vergiftet wurde. „Diese Substanzen sind sehr gut nachweisbar, auch Tage und Wochen nach der Vergiftung.“ (Pamela Dörhöfer)

In der russischen Hauptstadt Moskau ist ein junger Blogger attackiert worden, der als regierungskritisch gilt. Der Kreml sieht keinen Zusammenhang zum Fall Nawalny.

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