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Alon Tal ist Mitbegründer der Grünen Bewegung in Israel, Umweltforscher und Professor an der Tel Aviv Universität.

Wahlkampf in Israel

„Mit Hiobsbotschaften gewinnt man in Israel keine Wahlen“

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Der Forscher und Politiker Alon Tal über die Frage, warum Umweltthemen im Wahlkampf keine Rolle spielen

In Israel wird am 17. September die Knesset, das Parlament, gewählt. Wie bei der letzten Wahl im April spielen Umweltthemen kaum eine Rolle. Dabei wäre es hier besonders nötig: Israels Küstenstreifen gehört zu den dicht besiedelsten der Welt. In Bnei Brak, einer Stadt östlich von Tel Aviv, leben so viele Menschen auf so engem Raum wie im indischen Mumbai. Bei anhaltendem Wachstum könnte die Bevölkerung in Israel, das nicht größer als Hessen ist und mit drei Kindern pro Frau die höchste Geburtenrate in der westlichen Welt hat, im nächsten Jahrzehnt bei zehn Millionen liegen. 2050 könnten es 50 Millionen sein. Professor Alon Tal von der Tel Aviv Universität warnt seit Jahren vor den Folgen von Überbevölkerung und Klimawandel. Bei der Wahl kandidiert er für Benny Gantz’ Blau-Weiß-Partei.

Sie stehen auf dem 45. Listenplatz von Blau-Weiß, ist das nicht völlig aussichtslos?
Ja, wahrscheinlich, aber ich bin trotzdem sehr stolz, überhaupt Teil von Benny Gantz’ Liste zu sein. Klimawandel ist schwer zu verkaufen, und mit meinen Hiobsbotschaften – die Welt fällt auseinander, das Ökosystem ist am Ende, ihr Leute macht alles falsch – gewinnt man keine Wahlen.

Stimmt der Eindruck, dass es in Israel schwerer als woanders ist, Wähler für Umweltprobleme zu sensibilisieren. Es gibt nicht einmal eine grüne Partei?
Doch, die gibt es. Ich habe sie sogar mitgegründet. Einmal schafften wir es fast in die Knesset.

Wann war das?
2009. Es war klar, wir würden die Zwei-Prozent-Hürde nicht schaffen, also beschlossen wir, gar nicht erst anzutreten, sondern nach Verbündeten in anderen Parteien zu suchen. Bis heute ist es so: Wir sind über alle möglichen Parteien verstreut, aber kämpfen für dieselbe Sache.

Warum bekommt man von diesem Kampf so wenig mit?
Weil auf nationaler Ebene andere Fragen wichtiger sind. Gaza, Syrien, Iran. Bei allem Respekt, aber Grüne sind womöglich nicht die Richtigen, um solche existenziellen Fragen zu beantworten. Auf lokaler Ebene interessieren sich viele Leute für grüne Themen. Es gibt in Israel viele grüne Stadträte, in Haifa alleine vier. Vor ein paar Tagen haben wir eine Umweltkonferenz veranstaltet. Sehr erfolgreich. Das politische System in Israel verändert sich, weg von vielen kleinen Parteien zu einem Zwei-Parteien-System. Und wir von Blau-Weiß sind so was wie die Demokraten, die sich für die Umwelt einsetzen. Netanjahu vertritt die Konservativen und Religiösen im Land.

Haben Sie auf der Konferenz Ihr Spezialthema, die Überbevölkerung, angesprochen?
Nein, habe ich nicht. Ich hatte es erwogen, aber dann lieber gelassen. Wir machen Wahlkampf, und solange Netanjahu Premierminister ist und von den ultraorthodoxen Parteien unterstützt wird, haben wir keine Chance. Die höchste Geburtenrate in Israel haben arabische Beduinen und Ultraorthodoxe. Wenn ich mit Charedim-Frauen über dieses Thema spreche, sagen sie: Sie haben recht, aber wir müssen auf Gott und die Rabbiner hören. In den sozialen Medien kommt es vor, dass ich mit Hitler verglichen werde. Dabei will ich einfach nur mein Land retten.

Es ist in der Tat schwer vorstellbar, Familien, deren Angehörige im Holocaust ermordet wurden, zu sagen: Jetzt bekommt mal bitte schön weniger Kinder. Sie schaden der Umwelt.
Schauen Sie, als meine Frau und ich heirateten, habe ich zu ihr gesagt, ich will sechs Kinder, eins für jede Million Juden. Israel hat sehr lange im Schatten des Holocausts gelebt und seine Verantwortung darin gesehen, die sechs Millionen Opfer zu ersetzen. Im Grunde haben wir das geschafft. 1938 gab es 16,5 Millionen Juden weltweit, heute leben sieben Millionen hier in Israel und sieben Millionen in den USA. Trotzdem wächst der Anteil der Juden immer weiter. Das hat auch mit unserer Kultur zu tun. Wir hatten immer schon große Familien genau wie die Italiener, außerdem wurde uns lange ein demographischer Krieg prophezeit. Palästinenserführer verkündeten: Können wir die Juden nicht auf dem Schlachtfeld schlagen, dann eben in den Schlafzimmern. Yasser Arafats Losung war: Der Leib der arabischen Frau ist unsere Geheimwaffe. Aber dieser Krieg ist vorbei, und zwar zugunsten der jüdischen Seite. Muslimische Frauen bekommen heute weniger Kinder als jüdische.

Wie kommt das?
Die palästinensische Gesellschaft, die früher vor allem aus Bauernfamilien bestand, ist urban geworden. Kinder sind kein wirtschaftlicher Vorteil mehr, sie tragen nicht mehr zum Familieneinkommen bei. Mehr Hände, mehr Arbeit – so hieß es früher. Heute gibt es ein Schulgesetz, und der Status der arabischen Frauen hat sich verbessert. Sie studieren, haben Zugang zu Geburtenkontrolle und zum Gesundheitssystem. Das ist eine bemerkenswerte, revolutionäre Entwicklung.

Sprechen Sie über Israel oder auch über die palästinensischen Gebiete?
In den Gebieten ist die Geburtsrate noch niedriger, von Gaza abgesehen. Grundsätzlich rede ich aber über Israel. Jetzt ist die Zeit gekommen, darüber nachzudenken, wie geht es weiter? Wie viele Menschen können in diesem Land leben? Wir sitzen alle zusammen in diesem Boot, stecken zusammen im Stau, warten in den Krankenhäusern, unsere Kinder sitzen zusammen in überfüllten Klassen.

Was passiert, wenn die Politik nicht reagiert?
Wir werden den Punkt erreichen, wo nichts mehr geht. Wo wir in den Straßen feststecken, alles mit Wolkenkratzern zugebaut ist, das Gesundheitssystem auseinanderfällt, weil es nicht genügend Ärzte gibt, unsere Kinder keinen Platz mehr zum Spielen haben und man fünf Jahre auf einen Gerichtstermin warten muss. Nur 20 Prozent der israelischen Bevölkerung zahlt Einkommenssteuer, die anderen 80 Prozent sind zu arm. Ich mache mir Sorgen, dass Leute, die dieses Land stärken, sagen, zum Teufel damit. Ich habe einen amerikanischen Pass oder einen australischen, dann ziehe ich lieber weg. Ich denke, noch können wir diese Entwicklung bremsen.

Wie wollen Sie das anstellen?
Wir müssen das System der staatlichen Förderungen ändern. In England nimmt die Summe nach jedem Kind ab. Bei uns wird sie immer höher. Familien wissen: Das zweite Kind ist billiger, ab vier Kindern gibt es massive Steuererleichterungen, Vorzugsbehandlung in Schulen und Kindergärten und eine Befreiung vom Militär. Außerdem müssen wir Familien begreiflich machen, dass sie mit zwei Kindern glücklicher sind.

Sind sie das?
Ja, überall auf der Welt. Eltern streiten sich weniger, Kinder bekommen mehr Aufmerksamkeit, kleine Familien sind weniger von Jugendkriminalität betroffen und haben ein höheres Bildungsniveau.

Interview: Anja Reich

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