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Mit Farbe gegen den Hass

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Björn Höcke muss weg: Irmela Mensah-Schramm betrachtet AfD-Aufkleber in Potsdam 2017. imago images
Björn Höcke muss weg: Irmela Mensah-Schramm betrachtet AfD-Aufkleber in Potsdam 2017. imago images © Imago

Irmela Mensah-Schramm ist als „Sprayer-Oma“ bekannt, weil sie Nazi-Parolen übersprüht. Ihre Mission gibt sie an Jugendliche weiter. Von Judith von Plato

Hakenkreuze und Hassparolen liegen auf einem Tisch in Berlin-Kreuzberg. „Ausländer raus“ ist davon noch die zitierfähigste. Die Graffitis zeigen antisemitische Aufrufe zu Gewalt oder islamophobe Karikaturen. Abfotografiert hat sie Irmela Mensah-Schramm.

Die 76-Jährige sprayt seit mehr als 30 Jahren rechte Graffitis und Aufkleber in ganz Deutschland und Europa an: entfernt sie, macht sie unkenntlich oder ändert sie nach Belieben ab. Die Reaktionen darauf reichen von Gerichtsverfahren wegen Sachbeschädigung bis hin zum Bundesverdienstkreuz. Das aber gab sie wieder zurück, weil ein ehemaliger NDP-Politiker ebenfalls einmal damit ausgezeichnet worden war.

An diesem Vormittag gibt sie einer Gruppe Jugendlicher aus Niedersachsen einen Workshop in der Kreuzberger Kinderstiftung. Die 13- bis 15-Jährigen nehmen an einem öffentlich geförderten Projekt zu Demokratiebildung und Mitbestimmung in Niedersachsen teil. „Mit Nichtstun kann man nichts erreichen“, sagt Irmela Mensah-Schramm „Ich fordere euch nicht dazu auf, dasselbe zu tun wie ich“, betont sie. „Aber ihr könnt immer etwas machen, wenn ihr irgendwo Hasssymbole findet: zum Beispiel das Ordnungsamt oder die Polizei informieren.“ Diese seien verpflichtet, sie zu entfernen.

Irmela Mensah-Schramm, die vor ihrer Pension als heilpädagogische Lehrkraft an einer Schule für Menschen mit Behinderungen gearbeitet hat, greift lieber selbst zu ihrem Werkzeugkasten. Getarnt ist er als Jutebeutel. Einen Schaber, Nagellackentferner und Wasser, um besonders hartnäckige Aufkleber von Laternen, Regenrinnen, Straßenschildern oder Bänken zu entfernen, und natürlich eine Spraydose hat sie darin immer dabei. „Ich bin auf Grau umgestiegen.“ Rot sei zwar schöner, wenn sie Hakenkreuze mit Herzen übermale. Doch häufig seien Wände grau, sodass sie sich mit dem Übersprayen in derselben Farbe nicht strafbar mache.

Mit ihrer spendenfinanzierten Bahncard geht die Rentnerin, die als „Sprayer-Oma“ bekannt geworden ist, jede Woche zwei bis drei Mal auf Tour. „Was ich da alles finde, könnt ihr euch nicht vorstellen“, erzählt sie der Gruppe. Vor 15 Jahren hat die Rentnerin angefangen zu zählen: 92 700 Sticker hat sie seitdem im öffentlichen Raum entfernt.

Die offiziellen Statistiken bestätigen ihre persönliche Dokumentation: Hasskriminalität und politisch motivierte Straftaten von rechts haben deutlich zugenommen. Dem Bundesinnenministerium zufolge hat die Zahl politisch motivierter Kriminalität im vergangenen Jahr einen neuen Höhepunkt seit Beginn der Erfassung 2001 erreicht. Im Bereich der Hasskriminalität zählte das Ministerium deutschlandweit 10 500 Straftaten – also Delikte, die „durch gruppenbezogene Vorurteile motiviert begangen“ worden sind. Antisemitische Straftaten sind 2020 auf 2021 demnach um fast 30 Prozent gestiegen.

Knapp 75 Prozent der politisch motivierten Kriminalität sind laut Innenministerium Sachbeschädigungen, Propagandadelikte, Beleidigungen und Volksverhetzungen. Letztere haben gerade unter Corona-Gegner:innen in Form von Holocaust-Verharmlosungen und -Vergleichen zugenommen. Dazu gehört zum Beispiel auch der Aufkleber „Impfung macht frei“ in Anlehnung an die Inschriften an den Toreingängen zu nationalsozialistischen Konzentrationslagern. Den habe Mensah-Schramm vergangenes Jahr beim Brandenburger Tor entfernt und zur Anzeige gebracht.

Bevor die Jugendlichen in dem Workshop selbst kreativ werden, zeigt sie ihnen ein paar Beispiele, wie sie Hassparolen schon verändert hat. Aus „Fuck Islam“ hat sie „Guck Islam“ gemacht. „Dann war Ruhe“, kommentiert sie. Als sie aus „NS-Zone“ eine Herz-Zone sprayte, wurde sie erwischt und angezeigt. Es kam zum Verfahren und zur Verurteilung mit einer Geldstrafe von 1200 Euro. „Aber glaubt ihr, die habe ich bezahlt?“, fragt sie und guckt verschmitzt in die Runde.

„Was war, dafür kann ich nichts, aber ich kann etwas dafür tun, dass es nicht wieder passiert“, sagt Irmela Mensah-Schramm über ihre Motivation. Ernst blickt sie auf eines ihrer mitgebrachten Fotos und hält es so hoch, dass alle die Parole sehen können: „Juden ab in den Offen“ steht darauf. „Noch nicht einmal die Regeln der Rechtschreibung beherrschen sie“, spottet sie und deutet auf das Wort „Offen“.

Dann legen die Jugendlichen los: „Pizza ab in den Ofen“ machen drei Teilnehmer daraus. Ein anderer hat den Ruf „Ausländer raus“ zu „Ausländer raus aus dem Krieg“ erweitert. Zufrieden blickt Mensah-Schramm auf die Werke.

„Es kommen immer wieder neue Sachen dabei raus“, sagt sie – und das, obwohl sie schon lange Zeit Workshops wie diese gebe. Den Jugendlichen hat es jedenfalls gefallen. Zur Spraydose würden die meisten aber nicht greifen. Trotzdem sei es wichtig, dass das jemand mache, sagt einer.

Irmela Mensah-Schramm möchte der Gruppe noch etwas mit auf den Weg geben: Eine Freundin habe sie verwundert gefragt: „Warum lachst du, wenn du Hakenkreuze siehst?“ Geantwortet habe sie: „Na, weil ich weiß, dass sie gleich weg sind, und das ist doch das Wichtigste, dass man noch lachen kann.“

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