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Mit der Natur rechnen lernen

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Von: Joachim Wille

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Alle Augen auf die „COP 15“, wie die Biodiversitäts-Konferenz im kanadischen Montreal heißt. Lars hagberg/AFP
Alle Augen auf die „COP 15“, wie die Biodiversitäts-Konferenz im kanadischen Montreal heißt. © Lars Hagberg/afp

Unternehmen berücksichtigen den Wert der Biodiversität kaum bei ihren Investitionen. Das soll sich zwar ändern, doch das Thema ist auf dem Montreal-Gipfel umstritten.

Die Zahl ist beeindruckend. Mehr als die Hälfte des globalen Bruttoinlandsproduktes hängt von der Natur ab, also von funktionierenden, stabilen Ökosystemen. Das hat das Davoser Weltwirtschaftsforum 2020 in einer Studie ermitteln lassen.

Viele Wirtschaftsbereiche sind danach zum Beispiel von guter Wasserqualität, nachhaltig genutzten Wäldern, funktionierender Bestäubung oder der Kontrolle von Krankheitserregern durch die Natur angewiesen. Werden Natursysteme zerstört, trifft das den Bausektor am stärksten, gefolgt von der Landwirtschaft und der Nahrungsmittel- und Getränkebranche. Fachleute schätzen, dass bereits bis 2030 der Kollaps von Ökosystemen, wie der Verlust von Bestäubern im Agrarsektor oder von Fischbeständen, einen Rückgang der globalen Wirtschaftsleistung um 2,7 Billionen US-Dollar verursachen könnte. Das entspricht knapp drei Prozent.

Kalkulation ohne Risiken

Auch in der Wirtschaft ist das Problem erkannt worden, dass Unternehmen bei Investitionsentscheidungen mögliche Risiken für die Natur nicht in ihre betriebswirtschaftliche Kalkulation einrechnen – wie schlechtere Luftqualität durch Kohleverbrennung oder der Verlust der Bodenfruchtbarkeit durch industrielle Landwirtschaft.

Auf der Weltnaturkonferenz in Montreal hat daher die internationale Initiative „Business for Nature Coalition“ Druck gemacht, dass die Regierungen die ökonomischen Werte von Biodiversität und Ökosystemleitungen auf nationaler Ebene erfassen und in allen Sektoren in Entscheidungen für eine nachhaltigere Wirtschaft einbeziehen. Das ist eines der Ziele, über die auf dem „COP 15“ genannten Gipfel verhandelt wird.

„Make it Mandatory“ (Macht es verpflichtend) heißt der Aufruf, der von über 330 Unternehmen aus über 50 Ländern mit einem Gesamtumsatz von über 1,5 Billionen US-Dollar unterzeichnet wurde. Darunter sind große Einzelhandelsketten, Konzerne und Banken wie H&M, Heidelberg Materials, Ikea, Nestlé, Rabobank, Sony, RWE und Tata Steel. „Auf einem toten Planeten gibt es keine Wirtschaft und keine Unternehmen“, sagte die Geschäftsführerin der in der Schweiz ansässigen Vereinigung, Eva Zabey. Deshalb müssten die Regierungen auf der COP ein ehrgeiziges Abkommen verabschieden, „das politische Sicherheit bietet und von den Unternehmen einen Beitrag verlangt“.

Das Thema voranbringen will auch eine 2020 gegründet internationale „Taskforce zur naturbezogenen Offenlegung von Finanzdaten“. Ihr gehören Unternehmen verschiedener Branchen und Banken, acht Regierungen und Regierungsbehörden aus unter anderem Frankreich, Peru und Kenia sowie internationale Organisationen und Thinktanks an. Die Taskforce arbeitet an einem global einsetzbaren Rahmenwerk für das Management der Risiken und Chancen, die sich durch die Einrechnung des „Naturkapitals“ ergeben. Ihre Empfehlungen sollen bis zum Herbst nächsten Jahres vorliegen.

Unterstützung aus Berlin

Auch die deutsche Bundesregierung unterstützt dieses Rechnen mit der Natur. Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) kündigte auf der COP ein Projekt an, um Unternehmen und Investoren in Entwicklungs- und Schwellenländern das Einbeziehen der Biodiversitätswerte in ihren Entscheidungen zu erleichtern. Risiken durch Umweltveränderungen würden bisher bei Investitionsentscheidungen nicht ausreichend berücksichtigt, sagte sie, allerdings „genauso wenig wie die Chancen eines Wirtschaftens im Einklang mit der Natur“. Der Bund steckt in das Projekt, das die Arbeit der internationalen Taskforce unterstützen soll, rund 29 Millionen Euro.

Fachleute betonten in Montreal, wie wichtig das Rechnen mit der Natur ist und dass es möglichst schnell eingeführt werden muss – analog zu den Bemühungen, die Unternehmen dazu zu bringen, ihren Beitrag zu den Treibhausgas-Emissionen offenzulegen.

„Immer mehr Unternehmen und Finanzinstitute erkennen, wie wichtig Maßnahmen zum Schutz der Natur und der biologischen Vielfalt sind“, sagte der Ökonom Eliot Whittington von der Universität Cambridge, aber die Regierungen seien gefordert, die richtigen Regeln und Anreize schaffen, „um Marktversagen zu stoppen und den Wandel zu ermöglichen“. Der Gipfel in Montreal müsse „ein Wendepunkt in der Beziehung der Menschheit zur Natur“ werden. „Und um dies zu erreichen, muss er grundlegende Veränderungen in der Art und Weise einleiten, wie die Wirtschaft funktioniert.“

Appelle wie dieser fielen auf der COP in Kanada freilich nicht bei allen Delegationen auf fruchtbaren Boden. In den Verhandlungen zu dem Thema war sehr umstritten, wie verbindlich das Einrechnen der Natur gemacht werden solle. Die Europäische Union plädierte für verpflichtende Standards, wichtige Schwellen- und Entwicklungsländer wie Indien, Brasilien und Argentinien jedoch sperren sich bislang dagegen.

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