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Eine Frau steht in Mexiko-Stadt vor einem Metallzaun mit den Namen der Opfer von Femiziden.
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Eine Frau steht in Mexiko-Stadt vor einem Metallzaun mit den Namen der Opfer von Femiziden.

Femizide

Mexikos Frauen schlagen zurück: Mit dem Hammer gegen den Machismo

  • Klaus Ehringfeld
    vonKlaus Ehringfeld
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In Mexiko werden im Schnitt elf Frauen pro Tag ermordet – die Justiz aber bleibt untätig oder macht sogar gemeinsame Sache mit Mördern und Vergewaltigern. Deshalb organisieren sich Feministinnen nun gegen die Femizide.

Mexiko-Stadt – Was soll man tun in Mexiko, wenn man erlebt, wie die Tochter getötet, die Schulfreundin vergewaltigt oder die Schwester von Drogenkartellen entführt wird? Man geht jedenfalls nicht zur Polizei. Denn sie tut nichts oder macht sogar mit Mördern und Vergewaltigern gemeinsame Sache. Man verzweifelt, so wie die Familie von Ingrid Escamilla, der jungen Frau, die im Februar 2020 in Mexiko-Stadt von ihrem Freund ermordet und zerstückelt wurde und deren Bilder dann veröffentlicht wurden. Vermutlich hatten Polizisten die Fotos an die Presse verkauft.

Frauen sind in Mexiko nicht nur Opfer von eigentlich unvorstellbarer Gewalt, sondern ihnen wird auch im Tod noch der letzte Rest Würde genommen. Dabei ist „Femizid“, also der geschlechtsbedingte Mord an Frauen, seit 2007 Straftatbestand. Aber kaum in einem anderen Land der Welt ist das Papier geduldiger als in Mexiko, vor allem bei der Strafverfolgung. Gerade mal ein Prozent aller Morde wird aufgeklärt.

Femizide in Mexiko: Elf Frauen jeden Tag getötet

Und so kommen Frauenmörder in aller Regel ungeschoren davon. Dabei werden im zweitgrößten Land Lateinamerikas annähernd elf Frauen jeden Tag getötet. „Sie werden stranguliert, verbrannt, geknebelt und erstickt,“ sagt Maria de la Luz Estrada, Sprecherin der Nationalen Beobachtungsstelle für Femizide. 3752 Frauen wurden vergangenes Jahr laut offiziellen Angaben ermordet, 969 der Taten verbuchte man als Femizide.

Auf dem Weg, es den Machos mal so richtig zu zeigen. Aber geschlagen wird nicht.

Das ist nach Brasilien die höchste Zahl in ganz Lateinamerika. Nur in Honduras und El Salvador werden pro Kopf noch mehr Frauen getötet. Es handelt sich also leider um ein sehr lateinamerikanisches Thema. 14 der 25 Staaten mit den weltweit höchsten Zahlen an diesem Verbrechen befinden sich auf dem amerikanischen Subkontinent. Eine tief verwurzelte Machokultur, eine untätige, unfähige oder unwillige Justiz sowie die gesellschaftlich ohnehin ausgereifte Gewaltkultur sind Ursachen für diese gespenstischen Zahlen.

Angesichts solcher Verhältnisse blieb Angehörigen lange nichts übrig, als im Ausland nach Hilfe zu suchen und daheim Trauerkundgebungen mit Bildern und Kerzen zu organisieren. Zeichen stiller Ohnmacht.

Feministinnen in Mexiko wollen sich mit stillem Protest nicht mehr abfinden

Doch nun ist eine Generation von Frauen und Feministinnen herangewachsen, die sich mit stillem Protest und gesenktem Kopf nicht mehr abfindet. „Ni una menos“ – „Nicht eine weniger.“ Das ist das Motto dieser Kämpferinnen, das sie laut und bisweilen aggressiv vertreten.

So zum Beispiel der „schwarze feministische Block“, Frauen zwischen 18 und 30, die alle in irgendeiner Form Opfer männlicher Gewalt wurden. Und alle blieben mit ihrem Leid und ihrem Wunsch nach Gerechtigkeit allein und ungehört. Jetzt nehmen sie in gewisser Weise die Justiz in die eigene Hand.

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Beim „Bloque negro“ lernt frau Boxen und und Hämmer als Waffen zu nutzen. Diese Frauen stellen sich potenziellen Peinigern entgegen, sind laut, gewalttätig und destruktiv. Sie erklären die Männer und die mexikanische Polizei explizit zu Feinden. „Kein Vergessen, kein Vergeben“ ist ihre Parole.

Mexiko: Hilfe für Frauen, die Opfer von Männerngewalt wurden

„Es ist keine Gewalt, es ist Selbstverteidigung“, verteidigt dieses Vorgehen eine Aktivistin, die sich „Matancera“ nennt. Sie und ihre Mitstreiterinnen bleiben anonym, ihr wichtigstes Kleidungsstück ist eine Sturmhaube, die so fest sitzt, dass die Polizisten sie ihnen bei handgreiflichen Auseinandersetzungen nicht vom Kopf reißen können.

Und so gehen sie zu ihren lauten Protesten auf Plätze und Straßen und singen: „Für das Blut, das Du vergossen hast, wirst Du bezahlen.“ Sie besetzen Häuser, um sie zu Rückzugsorten für Frauen und Mädchen ausbauen, die Opfer von Männergewalt wurden oder die aus Angst davor geflohen sind. Aber vor allem ziehen die schwarzen Frauen los, wenn es einmal wieder Vorwürfe gegen Männer gibt, sie hätten Frauen bedrängt, bedroht oder gegen ihren Willen angefasst oder gar vergewaltigt.

Dann kann es passieren, wie an diesem 8. März, dem Internationalen Frauentag, dass sie mit Farbe und Schlagstöcken bewehrt vor den Wohnhäusern der Verdächtigen Stellung beziehen und diese mit Sprüchen wie „Du bist ein Vergewaltiger“ oder „Du wirst bezahlen“ beschallen. Manchmal versuchen sie sogar, das Gebäude zu stürmen. Schaulustige bestaunen das Spektakel oft genug regungslos, manchmal fahren Autos vorbei und hupen zustimmend. Nur die Polizei erscheint sehr spät, wenn sie überhaupt auftaucht. (Klaus Ehringfeld)

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