Während seiner Irak-Reise wollte der Vizechef des Pentagon die US-Besatzung in positivem Licht erscheinen lassen: Paul Wolfowitz beim Frühstück mit der Truppe in Tikrit.
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Während seiner Irak-Reise wollte der Vizechef des Pentagon die US-Besatzung in positivem Licht erscheinen lassen: Paul Wolfowitz beim Frühstück mit der Truppe in Tikrit.

Mission in Nöten

Der Anschlag auf sein Hotel in Bagdad führt Irak-Besucher Paul Wolfowitz vor Augen, wie instabil die Lage ist

Von ROLF PAASCH

Noch am Samstag in Kirkuk hatte Wolfies Welt so ausgesehen wie in seinen kühnsten Träumen von Irak. Der stellvertretende Verteidigungsminister Paul D. Wolfowitz hatte sich eine kugelsichere Weste übergezogen und spazierte mit einer Gruppe von US-Fallschirmjägern über den Markt von Kirkuk. Freundlich grüßte ihn die kurdische Bevölkerung als Befreier vom Joch Saddam Husseins. Ob die Händler nun wussten, dass ihnen hier der intellektuelle Architekt des Regimewechsels die Hand schüttelte oder nicht, Paul Wolfowitz genoss die Szene, deren Seltenheit im übrigen Irak genau die Schwierigkeit der US-Besatzung ausmacht. Hier aber im Gespräch mit den Kurden von Kirkuk konnte der Sohn eines polnischen Juden aus Warschau sogar seine arabischen Sprachkenntnisse anbringen. Ein freundlicher Gruß zum Beginn des Fastenmonats Ramadan - und die amerikanisch-jüdisch-arabische Kommunikation schien so selbstverständlich wie am Vortag im Kontakt mit ausgewählten Stammesführern und Scheichs in Saddams Geburtsort Tikrit.

Der Pentagon-Planer in der Realität

Mehrere Mörser auf das Raschid-Hotel in Bagdad haben Paul D. Wolfowitz dann am Sonntagmorgen kurz nach 6 Uhr in die Realität Iraks zurückgeholt. Die Waffen der Attentäter reichten dieses Mal nur bis zur dritten, zur achten und zur elften Etage des Hotels, wo der Stellvertreter aus dem Pentagon mit seiner Entourage im 14. Stockwerk abgestiegen war. "Dieser Terrorakt wird uns nicht von der Verwirklichung unserer Mission abhalten", sagte er zu den Journalisten, die mit ihm das Raschid-Hotel verlassen mussten.

Doch dass sich diese Mission als ungleich schwieriger erweist, als von Wolfowitz vorhergesehen, darauf hatten schon andere Umstände seiner Reise hingewiesen. So musste in Bagdad die Route seines Fahrzeugkonvois nach einem Bombenfund am Straßenrand verändert werden. In Habbanija, rund 80 Kilometer westlich der Hauptstadt, hatte am Samstag ein Attentat auf westliche Vertragspartner der US-Besatzungsbehörde drei Todesopfer gefordert. Am selben Tag war unweit von Tikrit einer jener Black-Hawk-Helikopter abgeschossen worden, wie sie auch Wolfowitz' viertägige Irak-Reise begleiteten.

Dieses Mal war der vielleicht einflussreichste Pentagon-Planer nach Irak gekommen, um für die raschere Übergabe der Verantwortung an irakische Sicherheitsorgane und Institutionen zu werben. Bis zum nächsten Sommer soll die neue Irakische Armee 40 000 Soldaten zählen. Schon heute, so rechnen die Beamten des Chef-Verwalters Paul Bremer vor, erfüllten mehr als 85 000 Iraker als Rekruten der neuen Polizei, des Grenzschutzes, des Objektschutzes und eines zivilen Verteidigungskorps Sicherheitsaufgaben. Bis zum nächsten Jahr soll sich diese Zahl verdoppeln.

Und wer wie Paul Wolfowitz auf seiner Visite den Vorträgen hoher US-Militärs zuhörte - wie die 4. Infantrie-Division seit Mitte September in 269 Durchsuchungen und rund 16 000 Patrouillen insgesamt 46 Bombenbastler und sechs Hintermänner festgenommen hat -, könnte sogar daran glauben, dass durch Intensivierung und Delegation der Sicherheitsbemühungen die Stabilisierung Iraks am Ende gelingen wird. Auf der anderen Seite aber hat der Anschlag auf das Raschid-Hotel auf den begrenzten Erfolg dieser Anstrengungen hingewiesen. Statt wie bisher 20 gibt's es jetzt täglich 35 Angriffe auf US-Soldaten, deren Abzug sich laut jüngster Meinungsumfrage mittlerweile mehr als 60 Prozent der Bevölkerung Iraks wünschen. Wolfowitz' Plan zur Übergabe der Verantwortung an irakische Kräfte in Ehren, so schreibt der ihn begleitende Kolumnist David Ignatius am Sonntag in der Washington Post: "Aber nach den Strategiewechseln der letzten sechs Monate ist es beunruhigend zu sehen, dass es, wenn dieser Plan scheitert, dazu keine gute Alternative gibt".

Die Bush-Doktrin geprägt

Paul Wolfowitz ficht dies nicht an. Der 59-Jährige gilt als Langzeitplaner, als Überzeugungstäter und neokonservativer Missionar und nicht als Verfechter einer konservativen Interessenpolitik oder Meister der praktischen Details. Die Idee präemptiver Verteidigungsschläge gegen Schurken-Staaten mit ABC-Waffenprogrammen steht schon im Leitfaden der Verteidigungsplanung von 1992, den Wolfowitz als Staatsekretär für Politik unter dem damaligen US-Verteidigungsminister Dick Cheney verfassen ließ. Auch von "Ad-hoc-Koalitionen" ist darin schon die Rede. Kurzum, der studierte Mathematiker und ehemalige Politikwissenschaftler hat die heutige Bush-Doktrin wie kein anderer geprägt. Doch ob er den Kampf um den Einfluss auf George W. Bush wirklich gewonnen hat, oder ob sein revolutionäres und immer moralisch begründetes Gedankengut von den anderen "Falken" in der US-Regierung nur instrumentalisiert worden ist, darüber wird in Washington noch gestritten. Für Wolfowitz bedurfte das Plädoyer für den Sturz Saddam Husseins nie der These von der "direkten Bedrohung" durch Massenvernichtungswaffen. Dem Überflieger im Pentagon reichte seine Utopie von Irak als archimedischem Punkt für die Demokratisierung des Nahen Ostens. Je größer die Probleme der Besatzer in Irak, um so deutlicher könnten in Washington die Bruchlinien zwischen Wolfowitz und "nationalistischen" Hardlinern wie Donald Rumsfeld oder Richard Cheney hervortreten.

Hätte die Diskrepanz zwischen Rhetorik und Realität in Irak Paul Wolfowitz jetzt beinahe das Leben gekostet, so hat sie seinen Chef Donald Rumsfeld vergangene Woche zu einer kritischen Neubetrachtung der US-Politik gezwungen. "Uns mangelt es an Kriterien, um zu wissen, ob wir den globalen Krieg gegen den Terror gewinnen oder verlieren", formulierte es der Verteidigungsminister in einem internen Pentagon-Papier, das für große Aufmerksamkeit sorgte. Kritiker warfen Rumsfeld vor, dass er vor US-Kongress und Öffentlichkeit ein rosa-rotes Bild der Lage in Irak zeichne und allein vor seinen engsten Vertrauten eine realistische Einschätzung der Schwierigkeiten wage. Immerhin hat Rumsfeld verstanden.

Die rasche Überantwortung vieler Sicherheitsmaßnahmen an die Iraker ist die vielleicht letzte Chance, Idealisten und Realisten unter den Hardlinern in der Bush-Regierung auf eine gemeinsame Politik zu verpflichten. Jede Alternative brächte veritablen Streit. Danach könnte der Moralist Wolfowitz mit seinem energischen Eintreten für die Demokratisierung des Nahen Ostens in Washington wieder so einsam sein wie in langen Zeiten seiner schillernden Karriere.

Dossier: Irak nach dem Krieg

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