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Der Protest in Rom geht weiter, doch kaum jemand glaubt an große Fortschritte.

Missbrauch 

Die Opfer erheben ihre Stimmen

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Die von Priestern Missbrauchten suchen in Rom eine globale Gegenöffentlichkeit.

Peter Isley steht vor einem Pulk von Fernsehkameras und Reportern aus aller Welt. Hinter ihm ragt die Engelsburg auf, ganz in der Nähe tagt seit dem Morgen der Antimissbrauchsgipfel der katholischen Kirche. Isley spricht über den Priester, der ihn im Franziskaner-Internat im US-Bundesstaat Wisconsin quälte und missbrauchte, als er 13 Jahre alt war. „Er holte mich nachts aus dem Schlafsaal, wollte Oralsex. Als ich mich weigerte, musste ich im Pyjama draußen in klirrender Kälte knien, stundenlang, mit einem Besenstil unter den Knien. Irgendwann gab ich auf. Man erträgt nur ein gewisses Maß, gerade als Kind.“

Isleys Mitstreiter von der internationalen Organisation ECA (Ending Clergy Abuse – Missbrauch durch Kleriker beenden) haben sich hinter ihm zu einer Mahnwache aufgereiht und halten ein Holzkreuz hoch – Symbol für die körperlichen und seelischen Leiden, die ihnen die Kirche zugefügt hat. Mehrere Dutzend Opfer pädophiler Geistlicher sind nach Rom gekommen, obwohl der Vatikan sie nicht zu seiner Konferenz eingeladen hat. Sie wollen ihre Stimmen erheben, wollen aussprechen, was die Kirche jahrzehntelang, jahrhundertelang vertuscht hat, und wollen, dass die Täter endlich bestraft werden. Aus den USA, Kanada, Jamaica, Mexiko, Peru, aus Indien, dem Kongo, aus Deutschland und Polen sind sie angereist.

Einer nach dem anderen tritt vor und berichtet schockierende Details. Juan Bayas aus Ecuador etwa wurde als 16-Jähriger von einem Priester als angebliche Bußübung gefoltert. „Er fesselte mich nackt an Armen und Beinen, schlug mich in die Rippen, versetzte mir Stromstöße.“ Nach Jahren erst wurde der Sadist aus dem Priesteramt entlassen, trotz hundert minderjährigen Opfern.

Auch die 190 Bischöfe, Kardinäle und Ordensoberen in der Synodenaula des Vatikans wurden zum Auftakt ihres Treffens mit Opferschicksalen konfrontiert – aber nur per Video: Fünf Betroffene kommen anonym zu Wort, darunter eine Afrikanerin, deren Pfarrer sie jahrelang zu Sex und zu drei Abtreibungen zwang.

„Dabei wissen wir doch am besten, was zu tun wäre“, empört sich Isley. Er ist Mitbegründer der ECA, die Initiativen aus mehr als 20 Ländern versammelt. Mit Hilfe von Spenden hat ECA die Romreise finanziert. Auch „Voices of Faith“, eine Organisation, die mehr Rechte für Frauen in der Kirche fordert, und die US-Plattform „Bishop Accountability“, die Dokumente zu Missbrauchsfällen sammelt, hat Vertreter geschickt. Sie alle versuchen, Gegenöffentlichkeit zu schaffen. Der Vatikan wolle nur seine eigene Botschaft verkaufen, kritisiert Matthias Katsch von der deutschen Opferinitiative „Eckiger Tisch“.

Sie organisieren Pressekonferenzen, Mahnwachen und am Samstag einen Protestmarsch. Ihre Hauptforderung: null Toleranz für pädophile Kleriker und für Bischöfe und Kardinäle, die sie decken. „Sie müssen aus dem Priesterstand entlassen werden. Das muss endlich im Kirchenrecht festgeschrieben werden“, sagt Isley. „Null Toleranz“ postuliert auch der Papst – in Worten. „Aber warum hat er in sechs Jahren nicht gehandelt?“, fragt Isley.

Sie hoffen auf Franziskus

Viele der Aktivisten haben ihren Glauben verloren. Der Mexikaner Alberto Athié etwa war 20 Jahre Priester. Dann lernte er Opfer von Marcial Maziel, Gründer der „Legionäre Christi“, kennen: Hunderte Kinder hat Maziel missbraucht. Athié sagt, er habe viele Briefe nach Rom geschickt. „Um mich zum Schweigen zu bringen, boten sie mir die Beförderung zum Bischof an.“ Athié trat 2003 aus der Kirche aus, Maziel wurde nie zur Rechenschaft gezogen.

Peter Isley hofft weiter, dass der Papst sie doch noch trifft, sie anhört. „Er ist der einzige wichtige Gesprächspartner in dieser Kirche.“ Zur Eröffnung betonte Franziskus, der Gipfel müsse konkrete Ergebnisse bringen. Als Denkanstoß ließ er eine Liste mit 21 Punkten verteilen. Doch kein Aktivist glaubt da an große Fortschritte. Die Romreise hat sich für sie trotzdem gelohnt. Wegen der Medienberichte erhalten sie täglich E-Mails und Anrufe von Menschen, die nie zuvor darüber gesprochen haben, was Geistliche ihnen antaten. „Wenn nichts anderes auf diesem Gipfel passiert, als dass Opfer andere Opfer erreichen, dann ist das schon ein enormer Erfolg“, sagt Peter Isley.

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