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Papst Franziskus lädt zum Krisengipfel nach Rom.

Missbrauch in der Kirche

Wie ernst meint es Franziskus?

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Der Papst beordert seine Bischöfe nach Rom für eine Konferenz zu Kindesmissbrauch. 

Von einem Krisengipfel ist die Rede. Denn am Donnerstag kommen Bischöfe aus der ganzen Welt für dreieinhalb Tage in Rom zusammen, um über sexuellen Missbrauch durch Priester an Kindern und Jugendlichen zu sprechen. Es ist eine Konferenz, die es im Vatikan so noch nie gegeben hat. Sie gilt als entscheidender Test für die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche und für die von Papst Franziskus. Denn obwohl 25 Jahre vergangen sind, seit international die ersten Skandale bekannt wurden und obwohl der Papst „null Toleranz“ gegenüber Tätern im Klerikerstand predigt, hat die Kirche bisher keine systematischen Regeln für deren Bestrafung aufgestellt – auch nicht dazu, wie Bischöfe und andere leitende Geistliche zur Rechenschaft zu ziehen sind, die solche Taten vertuschen.

Was war Auslöser für das Treffen?

Neue schockierende Erkenntnisse über Missbrauchsskandale im US-Bundesstaat Pennsylvania und in Chile sowie eine von der Deutschen Bischofskonferenz veröffentlichte Studie hatten den Papst 2018 unter Druck gesetzt. Allein in Deutschland missbrauchten zwischen 1946 und 2014 mindestens 1670 katholische Geistliche insgesamt 3677 Minderjährige, meist Jungen. Franziskus wurde außerdem beschuldigt, er habe Missbrauchsvorwürfe gegen den US-Kardinal Theodore McCarrick zu lange ignoriert. Dass er im September entschied, das Treffen einzuberufen, wird als Versuch eines Befreiungsschlags aus der Vertrauenskrise interpretiert. Das gilt auch für die Entscheidung, McCarrick noch kurz vor der Konferenz aus dem Klerikerstand zu entlassen – die härteste Sanktion gegen Priester überhaupt.

Wer nimmt teil?

Rund 180 Kirchenleute und Experten, darunter die Vorsitzenden aller 115 Bischofskonferenzen weltweit, führende Ordensvertreter, Chefs der römischen Kurie. Kardinal Reinhard Marx vertritt die deutschen Bischöfe. Nur zehn Frauen, alle Ordensoberinnen, werden mit diskutieren. Die Tagung ist keine Bischofssynode, wie zuletzt im Oktober zum Thema Jugend, soll aber ähnlich ablaufen. Der Papst will die ganze Zeit dabei sein.

Kommen auch Missbrauchsopfer?

Einige wurden eingeladen, aber wie viele und aus welchen Ländern, lässt der Vatikan offen. Zu Beginn soll ein Video gezeigt werden, in dem Opfer zu Wort kommen. Längere Anhörungen sind nicht geplant. Die Bischöfe sollten sich zur Vorbereitung mit Betroffenen aus ihren Ländern treffen, „um aus erster Hand zu erfahren, was sie durchlitten haben“.

Zahlreiche Opfer aus aller Welt reisen auf eigene Initiative nach Rom, um am Rande des Treffens an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie kritisieren ebenso wie kirchliche Reformgruppen, dass Opfer nur indirekt beteiligt sind und Frauen wieder einmal außen vor bleiben. „Die Verantwortlichen, unter denen möglicherweise auch Täter sind, sitzen über sich selbst zu Gericht“, bemängelt die Laienbewegung „Wir sind Kirche“. Viele Initiativen fordern, die Bischöfe müssten auch über den Missbrauch von Frauen und Nonnen durch Geistliche reden, über den der Papst kürzlich erstmals gesprochen hat. Das Thema steht nicht auf der Agenda.

Welche Erwartungen gibt es?

Reformgruppen und Betroffene fordern Taten – eindeutige, verbindliche Vorgaben für den Umgang mit Tätern und Opfern und mehr Transparenz, etwa dass die Namen überführter Kirchenoberer veröffentlicht werden. Der Vatikan versucht, die Erwartungen zu dämpfen. Ziel des Papstes sei, dass allen Bischöfen klar werde, was zur Vorbeugung und zur Bekämpfung von Kindesmissbrauch getan werden muss. Von einer Etappe auf einem langen Weg spricht der deutsche Jesuitenpater und Psychologe Hans Zollner, Mitglied der päpstlichen Kinderschutzkommission und einer der vier Organisatoren des Treffens. Sein Ordensbruder Federico Lombardi, Ex-Vatikan-Sprecher, wird es moderieren. Er nennt es einen Moment in einem Lernprozess. Denn in vielen Ländern sei das Missbrauchs-Problem noch gar nicht ans Licht gekommen. In Afrika, Asien und im Mittleren Osten sieht man es tatsächlich oft als rein westliches Phänomen. Auch in manchen europäischen Ländern wie Italien wird das Thema heruntergespielt. Des Missbrauchs überführte Priester werden dort nach wie vor einfach in andere Diözesen versetzt.

Was hat Franziskus bisher unternommen?

Viel zu wenig, kritisieren Opfer- und Reforminitiativen, aber auch konservative Gegner des Papstes. Sie werfen ihm wirres, widersprüchliches Handeln vor. So berief er 2014 eine Kinderschutzkommission ein, deren Empfehlungen aber nicht umgesetzt wurden. Die Irin Marie Collins, selbst Missbrauchsopfer, zog sich deshalb als Beraterin der Kommission 2017 enttäuscht zurück. Nur die Hälfte der Bischofskonferenzen weltweit hat bisher Leitlinien zum Umgang mit Tätern und Opfern und zur Prävention formuliert. Deutschland gehört zu den Vorreitern.

Welches sind die umstrittensten Fragen innerhalb der Kirche?

Erstens: Die Zusammenarbeit mit weltlichen Justizbehörden. Nach Kirchenrecht droht pädophilen Priestern die Versetzung in den Laienstand, aber keine Haft. Vielen Opfern ist das nicht genug. Benedikt XVI. hatte 2010 gemahnt, wo immer es die gesetzliche Anzeigepflicht gebe, sei sie zu befolgen. Das wird oft ignoriert. Zudem gibt es in vielen Ländern keine Anzeigepflicht, auch in Deutschland nicht.

Zweitens: Wie soll mit Bischöfen verfahren werden, die Täter decken? Die weltweit mehr als 5000 Bischöfe haben keine anderen Vorgesetzten als den Papst. Für Ermittlungen gegen sie gibt es kein einheitliches Verfahren. Die Kinderschutzkommission hatte ein spezielles Gericht für Bischöfe angeregt. Die Kurie lehnte das ab. Die US-Bischofskonferenz wollte im Herbst ein unabhängiges Laienkomitee einrichten, das gegen Bischöfe vorgehen könnte. Franziskus bremste das. Er hat nur festgelegt, dass Kirchenobere, die vertuschen, abgesetzt werden können.

Drittens: Die tieferen Ursachen von Missbrauch durch Kleriker. Kritiker sehen sie in der besonderen Machtstellung von Priestern und im Zölibat. Auch die deutsche Missbrauchsstudie sah Anzeichen für „systemische Gründe“. Konservative Kirchenkreise wiederum wettern gegen eine „homosexuelle Subkultur“ in der Kirche und fordern eine Art Säuberung.

Welche Ergebnisse sind in Rom zu erwarten?

„Alle Bischöfe sollen Modelle und Prozeduren an die Hand bekommen, wie mit Kindesmissbrauch umzugehen ist“, sagt Moderator Lombardi. Einen offiziellen Beschluss soll es aber nicht geben. Die Opfer-Vertreterin Marie Collins warnt vor dem Scheitern: „Wenn das Treffen nur enthusiastische Worte und Versprechen für die Zukunft bringt, wird das für viele, die seit Jahren auf konkrete Maßnahmen der Kirche warten, das Ende des Weges sein“.

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