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Betende Hände: Priester in Frankreich vergriffen sich auch an Messdienern.
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Betende Hände: Priester in Frankreich vergriffen sich auch an Messdienern.

Frankreich

Missbrauch in Frankreichs Kirchen: „Eine Welt des Sadismus“

  • Stefan Brändle
    VonStefan Brändle
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In Frankreich enthüllt ein unabhängiger Bericht den sexuellen Missbrauch Minderjähriger durch Tausende von Priestern.

Paris – Unter der Führung des französischen Verwaltungswissenschaftlers Jean-Marc Sauvé haben 22 Pädagogen, Psychologen und Juristen unter Ausschluss von Klerikern mehr als zwei Jahre lang Archive durchforstet und Zeugen angehört, um nun einen Bericht über den sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche Frankreichs vorzulegen. Als sich unter den französischen Katholik:innen herumgesprochen hatte, dass die Kommission wirklich unabhängig arbeitet, fassten sich viele Opfer ein Herz und berichteten erstmals über das, was sie durchgemacht hatten.

Die Bilanz ist erschreckend: Seit 1950 sollen sich zwischen 2900 und 3200 Kleriker sexueller Vergehen schuldig gemacht haben, wie Sauvé im Voraus bekanntgab. Zur Zahl der Opfer machte er noch keine genauen Angaben, Eingeweihte schätzen sie auf 10 000. Das Ausmaß läge damit in etwa doppelt so hoch wie in Deutschland,

Erschüttert waren die Mitglieder der von der französischen Bischofskonferenz eingesetzten Kommission nicht nur durch die Zahlen. Sie bekamen die immer gleichen Praktiken geschildert – alle Arten von Berührungen bis zu Penetration, Folter und Sklavenhaltung. „Wir waren mit einer Welt des Sadismus, des Irrsinns und der Perversion konfrontiert, die man nie für möglich gehalten hätte“, sagte die Kinderschützerin Alice Casagrande. Die meisten Kommissionsmitglieder mussten sich selber betreuen lassen, um die Schilderungen zu verkraften.

Misbrauchsskandal: Strafrechtliche Aufklärung unwahrscheinlich – Viele Missbrauchsfälle sind schon verjährt

Sauvé bezeichnet den 2000-seitigen Bericht als „ungeschminkt“. Positiv sei, dass die Kirche bereit gewesen sei, ihre Archive seit 1950 zu öffnen. Auslöser der Kommissionsarbeit war der Fall des Lyoner Erzbischofs Philippe Barbarin, der einen pädophilen, heute verurteilten Priester mutmaßlich gedeckt hatte. Der höchste Würdenträger der französischen Kirche wurde zwar 2020 freigesprochen; sein Amt hat er trotzdem niedergelegt, nachdem der Spielfilm „Grâce à Dieu“ seinen exemplarischen Fall bekanntgemacht hatte.

Sauvé billigt der katholischen Kirche zu, sie habe die Lehren gezogen. In den 50er und 60er Jahren habe sie die Beschwerden von Opfern noch schlicht ignoriert, später habe sie meist weggeschaut. Seit der Barbarin-Affäre habe sie eine Anlaufstelle und eine Internetseite für Opfer pädokrimineller Kleriker eingerichtet.

Ob der Untersuchungsbericht strafrechtliche Folgen für einzelne Täter hat, wird von den Opfern abhängen. Viele Fälle sind schon verjährt. Davon zeugt ein neues Buch des heutigen Priesters Patrick Goujon, der im Alter zwischen sieben und elf Jahren von einem Abt missbraucht worden war. Erst im Alter von 48 Jahren fand er die Kraft, sich seinen Erinnerungen an den Missbrauch zu stellen. Da waren die Taten verjährt.

Frankreich: Medien fragen nach System hinter dem Missbrauch

Pariser Medien warfen am Montag die Frage auf, ob man bei 3000 Tätern, also ungefähr drei Prozent der 115 000 französischen Priester, über einen Zeitraum von 70 Jahren noch von Einzelfällen sprechen könne – oder ob nicht ein System, wenn nicht Methode dahinterstecke. Kommissionspräsident Sauvé antwortete ohne Umschweife, dass die Kirche als Ganzes in der Verantwortung stehe. So wie der Sportunterricht einen leichteren Zugang zum Körper erlaube, öffne die Kirche den Weg zum Bewusstsein; und das könne ein Umfeld schaffen, „das spirituellem Missbrauch, begleitet von sexuellem Missbrauch, förderlich“ ist.

Die französischen Bischöfe haben sich mehrfach im Vatikan erkundigt, wie sie auf den Bericht reagieren sollen. Wie das „Journal du Dimanche“ berichtet, habe ihnen Papst Franziskus geantwortet: „Den Dingen ins Auge schauen und die Opfer begleiten.“

Bischofskonferenz will kirchenrechtliches Strafgericht für pädokriminelle Delikte schaffen

Mit päpstlicher Billigung will die französische Bischofskonferenz noch in diesem Herbst ein kirchenrechtliches Strafgericht für pädokriminelle Delikte schaffen. Für die Opfer richtet sie einen Fonds von fünf Millionen Euro ein, der laut der Bischofssprecherin Karine Dalle je nach den genauen Opferzahlen des Berichtes noch höher ausfallen könne.

François Devaux, der Vorsitzende eines Opferverbandes, äußerte sich bereits skeptisch, ob die Kirche wirklich bereit sei, ihre „unglaubliche Mechanik des Schweigens“ zu überwinden. Bis heute sei unklar, welchem Profil die Täter entsprächen, warum die Verjährungsfristen nicht verlängert würden – und warum die Kirche eine interne Justiz beschäftigen könne. (Stefan Brändle)

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