blog_bel_2EB08AD2-89B0-4_4c_1
+
Alles da – nur Frauchen fehlt.

Corona-Blog

„Mir geht es wunderbar negativ“

  • vonKarin Ceballos Betancur
    schließen
  • Stephan Hebel
    Stephan Hebel
    schließen

Während sie den Corona-Alltag hinter sich lassen will, erlebt er sein Zuhause neu. Karin Ceballos Betancur und Stephan Hebel schreiben über gestörte Normalitäten.

Tag 1

lieber stephan, ich hoffe, es geht dir gut! mir geht es wunderbar negativ, seit 15.33 uhr, als das testergebnis per mail kam, sprich: wir haben kein corona und werden unsere reise nach griechenland fortsetzen können, über österreich, ungarn, rumänien und bulgarien.

heute nacht schlafen wir im auto auf einem ehemaligen ungarischen acker, den eine niederländerin zum hippiesken campingplatz hergerichtet hat. beim rundgang rügte sie einen holländischen gast, der den deckel zum kompostklo offen hat stehen lassen.

die niederländerin findet, corona sei ein mythos, irgendwie politisch, ich hab’s nicht ganz verstanden. wobei: vielleicht ein bisschen, sie lebt seit 15 jahren auf einem acker in ungarn und hat es sehr schön hier. außerdem dürfen wir ausdrücklich an ihre bäume urinieren. hätten wir auch gedurft, wenn wir corona hätten, sagt sie. ich denke, ich werde mit mundschutz pinkeln.

jetzt ist es dunkel. grillen zirpen, motten fliegen mir ins iphone, ein traktor knöttert und es riecht nach frisch geschnittenem gras, gesenst, I take it – ein unwahrscheinliches idyll. aus dem haupthaus dringt eine melodie zu uns herüber. mein mann glaubt, dass die niederländerin netflix guckt und auszeit von der hippierolle nimmt. ich glaube, dass sie auf ein tambourin schlägt und singt. und ich fürchte, dass ich recht habe. morgen sind wir hier weg. aber: hey, hey, ungarn!

besitos * karin

Tag 2

Liebe Karin,

schön, dass ihr negativ seid! Klingt immer noch gewöhnungsbedürftig, aber Du weißt ja, wie es gemeint ist. Dann bleibt bitte weiter gesund.

Mir geht es gut auf meinem Homeoffice-Balkon, und wie Du siehst, unterbreche ich manchmal die Arbeit am Laptop und tue so seltsame Dinge wie Texte lesen, die auf Papier gedruckt sind.

Gestern Abend waren die liebe Gattin und ich mit meinem Bruder essen – draußen natürlich und mit Abstand –, und wir hatten ein sehr schönes Gespräch über diese seltsame Unübersichtlichkeit, die wir in der verrückt gewordenen Welt spüren. Kaum schlage ich am Morgen danach die Zeitung auf, sehe ich die Kolumne unseres gemeinsamen Bekannten Michael Herl: „Überblick verhindert Jogginghose“.

Irgendwo in Frankfurt.

Was der Michel sagen wollte: Wer die unübersichtlichen Dinge nicht ordnet, fällt leicht der Verwahrlosung anheim, und dann ist es nicht mehr weit bis zum Spaziergang mit Jogginghose, ungeduscht. Ich bin sofort Zähneputzen gegangen.

Mit das Schönste am Urlaub ist ja, dass die Dinge, die man aufräumen und sortieren müsste, zu Hause bleiben. Jedenfalls die Gegenstände, mit den eigenen Zuständen ist es natürlich was anderes. Aber spannend ist es auch daheim: Es gibt so viel zum Nachdenken, so viel Bewegung um mich herum, die mich umtreibt – mal mit Sorge, mal mit Freude –, dass es mir keine Sekunde langweilig wird.

Ich werde berichten.

Besitos! Dein Stephan

Tag 3

lieber stephan,

bitte verzeih, dass ich mich erst jetzt melde. hatte unterschätzt, wie anstrengend das ist, mit dem auto quer durch europa zu fahren, selbst wenn man nur auf dem beifahrersitz herumlungert, ab und zu dem fahrer was vorliest und die buchstaben G-R-E-E-C-E auf ein stück stoff stickt (frag nicht). an den grenzen, vor denen wir uns ein bisschen gefürchtet hatten, lief alles superglatt. kaum stau, hier und da mal perso raushalten und weiter. (…)

das ferienhaus in griechenland hatte thilo schon im vergangenen herbst gebucht, als von corona noch keine rede war. im märz war ich sicher, dass wir die reise würden stornieren müssen. im april fing ich an, hoffnung zu schöpfen – und thilo baute uns ein bett ins auto, damit wir möglichst kontaktfrei von frankfurt an den pilion kommen. das hat hervorragend funktioniert.

was ich unterwegs angefasst habe:

• unser auto

• sachen aus unserem auto

• meinen mann

fertig.

ein bisschen länger gedauert hat es an der grenze zu griechenland. an einer art schleuse wurde unser wagen mit desinfektionsmittel besprüht (warum auch immer), nicht wirklich doll, nur ein paar spritzer. am grenzübergang kontrollierte man unsere passenger location forms, auf denen man angeben muss, wo man sich in griechenland aufhält. um die corona-tests ging es offenbar, als ich gerade am grenzhäuschen persos zeigen war, deshalb haben sie meinen gar nicht kontrolliert. ich muss zugeben, dass mich das ein bisschen geärgert hat. es ist wie mit einem einser-abi. irgendwie gut, dass man es hat, aber wirklich interessieren tut sich nie jemand dafür. naja. vom wiedersehen mit griechenland erzähl ich dir heute abend,

besitos * karin

Irgendwo vor Griechenland.

Tag 4

Liebe Karin,

(…) Ich will Dir nicht verhehlen, dass mir heute die weniger angenehmen griechischen Zustände über den Weg gelaufen sind. Aber es trifft sich nun mal, dass ich an einem Text über einen gewissen Herrn Armin Laschet gearbeitet habe, sonst war halt nichts los. (…) Der Herr Laschet war nämlich auch gerade in Griechenland, das weißt Du sicher, und er wollte sich allen Ernstes das Elend im Flüchtlingslager Moria auf Lesbos anschauen. Nicht etwa, um endlich die Leute komplett da rauszuholen (vielleicht 15 000, wo ist das Problem für Deutschland?). Sondern um für zu Hause eine humanitäre Show abzuziehen, er will schließlich CDU-Vorsitzender werden.

Die Leute im Lager haben so heftig protestiert, dass Laschet lieber draußen geblieben ist. Geht doch! Ich habe das in meinem Porträt, das demnächst in der FR erscheint, als Beispiel für die Verlogenheit von Zuschreibungen wie „liberaler Flügel der CDU“ erwähnt.

Aber jetzt ist Schluss. Ich habe eine kleine Malaise an der Schulter und gehe zur Krankengymnastik. Und Du wahrscheinlich schwimmen, viel Spaß dabei!

Besitos, Dein Stephan

Der Briefwechsel

Vom Reisen und Daheimbleiben in Zeiten von Corona erzählen sich die „Zeit“-Redakteurin und Autorin Karin Ceballos Betancur sowie FR-Autor Stephan Hebel auf dem privaten Blog von „kcb“, wie sie sich seit ihren journalistischen Anfängen bei der FR abkürzt. Das Motto: Ich sehe was, das Du nicht siehst.

Mit einem Corona-Test am Frankfurter Flughafen begann die lange Autofahrt von Karin Ceballos Betancur und ihrem Mann, die nach drei Tagen an ihrem griechischen Urlaubsdomizil endete.

Stephan Hebel verbringt unterdessen seine Tage meistens im Homeoffice, bei gutem Wetter auf dem Balkon.

Jeden Tag und in der Regel abwechselnd, vier Wochen lang, tauschen sich die beiden mit kurzen Briefen und fotografischen Schnappschüssen über Erlebnisse, Erfahrungen und Gedanken in ihren unterschiedlichen Situationen aus. Ein Mosaik über gestörte Normalität, kleinere oder größere Fluchten und die Suche nach Sicherheit in unsicheren Zeiten.

Wir dokumentieren hier die ersten acht Folgen, die Reihe wird online bis Ende August fortgesetzt. FR

Alle Folgen zum Nach- und Weiterlesen unter http://kcbetancur.de/blog

Tag 5

lieber stephan,

ich hatte mit hoch-die-tassen-euphorie gerechnet, aber das gefühl, das sich einstellte, nachdem wir die griechische grenze passiert hatten, war viel kleiner und leiser und ging doch wesentlich tiefer – demütige erleichterung, die richtung. nicht weil ein ende der 2370-kilometer-reise in sicht war, sondern weil griechenland so da war, wie ich es in erinnerung hatte, unversehrt das gelb, das grau, das blau, das silbergrün, das mir so vertraut ist aus den vielen sommern der vergangenen jahre. und erst da wurde mir bewusst, wie grundsätzlich dieses beknackte virus während der vergangenen monate so gut wie alle gewissheiten in meinem leben erschüttert hat. wie wirkmächtig die ohnmacht ist, die es verbreitet.

den allermeisten von uns sitzt corona wie ein tinnitus im ohr, eine latente bedrohung des grundsätzlichsten. wir unterlassen selbstverständliches, alltägliche nähe, zusammenkünfte im mittelgroßen kreis, umarmungen. so gut wie nichts ist, wie es war, und offenbar hat mich das so sehr erschüttert, dass ich darauf vorbereitet war, in diesem sommer nach griechenland zu reisen, ohne anzukommen.

für heute nacht: entwarnung. alles da. und ich bin unendlich dankbar dafür, ein paar wochen hier verbringen zu dürfen. selten war mir so bewusst, was für ein privileg das ist und wie wenig selbstverständlich. zikaden singen, früher hätte ich nerven hart gesagt. ich war schwimmen im meer. es hat mich umarmt.

besitos * karin

Tag 6

Liebe Karin,

Deine Nachricht ist mir trotz der 2370 Kilometer sehr nahegegangen. Du hast mich ein bisschen das Gefühl mitspüren lassen, dass das „Wiederfinden“ von etwas Altvertrautem, immer für sicher Gehaltenem den Verlust von Sicherheit und Vertrautheit noch deutlicher, noch schmerzhafter werden lässt. (…)

Wir hatten gerade Besuch von einer sehr, sehr lieben Verwandten, saßen mit ihr und dem Kater der Nachbarin draußen und haben lange darüber gesprochen, welches Privileg es auch schon bedeutet, über ein ruhiges und vertrautes Plätzchen zu Hause zu verfügen, wo man sich wenigstens in Worten nahekommen kann. Am Schluss hat sie fast verschämt gefragt, ob wir uns vielleicht kurz umarmen könnten…

Wer wäre vor der verdammten Pandemie auf so eine Idee gekommen!

Aber wir waren uns auch einig, dass jedenfalls für uns, die wir uns keine großen materiellen Sorgen machen müssen, diese Einschränkungen im Sozialleben auch ein paar Möglichkeiten zum Nachdenken eröffnen. Zum Beispiel über das Termingehetze im Beruf wie im Privaten. Nein, ich will Corona nicht schönreden. Ich merke nur, dass auch diese Krise nicht ganz und gar ohne Chancen ist.

Den Kater der Nachbarin haben wir übers Wochenende in Pflege. Das Tier macht auf Melancholie, und wir fragen uns, ob Katzen vielleicht doch so anhänglich sein können, dass sie „Frauchens“ Abwesenheit aus der Bahn wirft. Ach, wahrscheinlich ist es einfach die Hitze. Eine Meerbrise könntest Du uns rüberschicken!

Dein Stephan

Tag 7

lieber stephan,

ich bin froh zu hören, dass es deiner schulter wieder besser geht! noch mehr einschränkungen als ohnehin braucht gerade niemand.

versuchen menschen wie wir, die ja doch ziemlich wild entschlossen ihre urlaubspläne verfolgen, dem corona-alltag zu entfliehen? ich hab mich das heute gefragt, als wir mit unseren nachbarn ins gespräch kamen. wir leben hier auf einem hügel in der mitte des pilion, umgeben von olivenbäumen, agaven und oleandern, ein paar steinhäuser, von denen aus man zu fuß das meer erreichen kann. (…)

Agaven, Oliven, Rosmarin.

die neuen nachbarn erzählten uns, dass sie sechs wochen lang krank waren. sie sind ziemlich sicher, corona gehabt und überstanden zu haben. wir erzählten von unserem test am frankurter flughafen, der einreise in griechenland und der kontrolle unserer papiere. wir waren uns einig darin, wie belastend das alles ist und wie froh wir darüber sind, jetzt mal ein paar wochen ruhe davon zu haben. dann verabschiedeten wir uns. und hatten eine viertelstunde lang über nichts anderes gesprochen als das virus. wir alle sind wund und können kaum anders als am schorf zu knibbeln. wenn das hier eine flucht sein sollte, ist sie gescheitert. zumal uns gestern morgen eine warnung der corona-app auf dem smartphone begrüßte: ein positiv gestester mensch hat sich „über einen längeren Zeitpunkt und mit einem geringen Abstand“ in unserer nähe aufgehalten. passiert sein kann das eigentlich nur am frankfurter flughafen, im testzentrum. der mann hinter uns hatte seine maske unter der nase hängen, aber ich bezweifle, dass er die app benutzt, eben weil er die maske auf der oberlippe hängen hatte. was ist los mit diesen typen (es sind fast immer typen), die ihre nase entblößen müssen? ist das ein schwanzding?

ich halte für ausgeschlossen, dass wir uns in der schlange im testzentrum wirklich angesteckt haben. alle wartenden trugen masken, wenn auch mitunter auf halbmast. und die app schlägt an, ob du mit einem positiv getesteten knutschst oder zwei meter hinter ihm im supermarkt stehst, beiderseits MNS-geschützt. dennoch verschonen wir unsere mitmenschen sicherheitshalber noch ein paar tage von uns. auf der terrasse sitzend. in olivenbaumkronen blinzelnd. im meer schwimmend.

mach dir keine sorgen, es geht uns gut. manchmal kommen uns katzen besuchen.

besitos * karin

Tag 8

Liebe Karin,

(…) Ich habe mich gefreut, dass Du gestern ganz am Schluss noch geschrieben hast, ich solle mir keine Sorgen machen. Vielleicht geht es euch ja immer besser, je mehr ihr euch von dem Fluchtgedanken verabschiedet? Vielleicht gibt es einen Rhythmus, in dem man dem Virus die Phasen des Genusses abringen kann, ohne es vergessen zu müssen? Vielleicht ist der Schorf an der Wunde, von dem Du schreibst, wie im „richtigen“ Leben ein Zeichen der Heilung, der Wiederherstellung einer Schutzschicht?

Heute wird ein super Tag? Isso!

Die Männer mit den freien Nasen sind mir übrigens auch schon aufgefallen. Aber an den Spruch „Wie die Nase des Mannes…“ mochte ich noch nie glauben. Vielleicht, weil es unangenehm ist, daran zu denken, wenn man sich manche Rotzlöffel anschaut, die so rumlaufen. Oder fahren, um beim Schwanzding zu bleiben: Unterdimensionierte Männer in ihren überdimensionierten Kisten. Am liebsten röhrend, auf jeden Fall irgendwas kompensierend. Nebenan planschen Kinder im Pool der reichen Nachbarn, und ich denke an euch beim Schwimmen. Bleibt meerumschlungen!

Besitos, Stephan

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare