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Belarus

Minsk und die neue Normalität

  • Stefan Scholl
    vonStefan Scholl
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Trotz der Gewalt gegen friedliche Demonstrationen protestieren wieder Zehntausende in Belarus. Die Lukaschenko-treue Polizei greift jetzt gerne auf dem Nachhauseweg zu.

Schwarz uniformierte Polizisten, maskiert mit Sturmhauben, stürzen sich auf einzelne Demonstranten und schleppen sie in Kleinbusse. Die inzwischen üblichen Sonntagnachmittags-Szenen in Minsk.

Dort gingen wie in ganz Belarus gestern wieder zehntausende Weißrussen gegen Staatschef Alexander Lukaschenko und sein Regime auf die Straße. Demonstriert wurde auch in anderen Großstädten wie Mogiljow, Witebsk oder Grodno. In der Hunderttausend-Seelen-Stadt Lida skandierte die Menschenmenge: „Wir sind nicht die Opposition, wir sind die Mehrheit.“

Wie üblich brach das mobile Internet in Minsk teilweise zusammen, wie üblich sperrten mit Stacheldrahtrollen bewehrte Kampffahrzeuge die Straßen zum Palast der Unabhängigkeit, dem Amtssitz Lukaschenkos. Aber die Greiftrupps der Polizei attackierten die sich sammelnden Demonstranten gestern noch früher als an den vorherigen Wochenenden, bereits zwischen den Hochhäusern der Außenbezirke von Minsk. „So einen Masseneinsatz in den Wohngebieten hat es bisher nicht gegeben“, sagte der oppositionelle IT-Verleger Dmitri Nawoscha der FR. „Sie wollen offenbar verhindern, dass sich eine große Kundgebung im Zentrum versammelt.“

Doch mit einiger Verspätung drängten sich gegen 16 Uhr, zwei Stunden nach dem Start der Aktion, wieder zehntausende Regimegegner in der Minsker Innenstadt, die russische Staatsagentur Interfax bezifferte ihre Zahl auf 50 000. An den Sonntagen zuvor waren mehr als 100 000 Teilnehmer gezählt worden. Aufgrund des Vorgehens gegen die Demonstranten in der Stadt war deren genaue Zahl kaum zu bestimmen.

Bei Redaktionsschluss dieser Ausgabe war die Kundgebung noch in vollem Gange. Die Festnahmen häufen sich traditionell am Abend, wenn die Demonstranten sich zerstreuen, um nach Hause zu gehen. In den Städten Gomel und Grodno griffen Polizisten und Schläger in Zivil die Protestkolonnen bereits am hellichten Nachmittag an. In Minsk wurden bis 17 Uhr 20 Menschen festgenommen, in Brest gaben Polizisten Warnschüsse ab.

Am Samstag, an dem zuletzt vor allem viele Frauen auf die Straße gehen, waren bei elf friedlichen Protestaktionen in ganz Belarus laut Polizei 430 Menschen, überwiegend Frauen, festgenommen worden, zum Teil mit roher Gewalt. Am Freitag hatte der Telegram-Kanal „Nexta Live“ Namen, Dienstränge und andere Daten von 1003 Polizisten veröffentlicht, die sogenannte Internetpartisanen gehackt hatten.

Der Soziologe Wasili Naumow erklärte dem TV-Kanal „Nastojaschtschoje Wremja“, mittlerweile erlebe Weißrussland jede Woche den gleichen Zyklus: Am Wochenende gäbe es Massendemos, die die Menschen begeisterten. In der ersten Wochenhälfte hörten sie dann von Festnahmen und Repressalien, fingen an zu zweifeln und sich zu fragen, was sie vielleicht falsch gemacht haben. Donnerstags und freitags wachse wieder das Bedürfnis, die euphorische Erfahrung des vergangenen Wochenendes zu wiederholen. „Die Proteste verändern die Menschen auch psychologisch. Sie haben sich darauf eingestellt, langfristig auf die Straße zu gehen, jedes Wochenende.“ Dmitri Nawoscha erklärte, die Proteste seien zum Symptom für eine Unzufriedenheit geworden, der Lukaschenko nicht mehr Herr werden könne.

Die Weißrussen, die gestern wieder Schläge und Festnahmen riskierten, erhielten moralische Unterstützung aus dem Gefängnis. „Die Freiheit ist es wert, dafür zu kämpfen. Habt keine Angst, frei zu sein“, schrieb die Oppositionspolitikerin Maria Kolesnikowa auf Twitter. Sie hatte Anfang September ihren Pass zerrissen, um eine Abschiebung in die Ukraine zu vermeiden und sitzt seitdem als sogenannte Umstürzlerin in Haft.

Festnahmen üblicherweise auf dem Nachhauseweg

Oppositionelle tragen eine historische Flagge des Landes durch Minsk. tut.by/rtr

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