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Mina: Die Frauen sind mutiger als die Männer

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Von: Karin Dalka

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Mina Stanikzai vertrat in Afghanistan die Interessen von Frauen und Mädchen. Jetzt lebt sie mit ihrem Mann in Berlin.

Vieles von dem, was Mina Stanikzai (28) in ihrer Heimat aufgebaut hat, liegt heute in Trümmern. In der ostafghanischen Provinz Logar war sie für das Bildungswesen zuständig: Als Abteilungsleiterin der Provinzregierung eröffnete sie Mädchenschulen, erweiterte bestehende Einrichtungen und organisierte Alphabetismus-Kurse für Frauen. Dafür suchte sie Geldgeber und verhandelte mit den Dorfältesten. Und konnte sie überzeugen, wie sie erzählt, wenn sie dafür sorgte, dass ausschließlich Frauen andere Frauen und Mädchen unterrichten. Dann machten die Taliban die Erfolge ihrer beharrlichen Arbeit zunichte.

„Ich wünsche mir so sehr, dass die Mädchen wieder zur Schule gehen können“, sagt sie. Und tut dafür heute aus der Ferne, was sie kann. Hält Kontakte zu den vielen Frauen in der Heimat, mit denen sie einst zusammengearbeitet hat, und vernetzt sich in Deutschland mit Organisationen und Gruppen, von denen sie sich Unterstützung erhofft. Vor allem für die Frauen in Afghanistan, die „hinter dem Rücken der Regierung“ Mädchen unterrichteten und noch mehr „geheime Orte“ schaffen wollten. „Sie sind dazu bereit“, sagt sie.

Auf zweifelnde Fragen reagiert sie mit einem klaren Statement: „Die Frauen in Afghanistan sind die stärkste Kraft, um das Land zu verändern.“ Die Frauen hätten viele Opfer gebracht, ihre Männer und Brüder seien im Krieg getötet worden, betont sie. Und will offenbar damit sagen: Das hat die Afghaninnen stark gemacht. Jedenfalls legt sie nach mit dem Hinweis: „Die Frauen sind die einzige Gruppe, die auch öffentlich gegen die Taliban protestiert. Sie sind mutiger als die Männer.“ Ein Satz wie ein Ausrufezeichen, dann lacht sie.

Mut musste sie auch selbst beweisen. Schon vor dem Sturz der Regierung in Kabul hatten die Taliban die Kontrolle über die Provinz Logar übernommen. Sie und ihr Mann wurden mehrfach mit dem Tode bedroht. Es gab Anschläge auf den Wagen und ihr Haus, einmal sogar mit Handgranaten. Dann besetzten die Taliban ihr Haus und plünderten ihr Hab und Gut. Die Flucht des Paares war eine Odyssee mit vielen Stationen, darunter der Iran und Pakistan. Seit Anfang Juli leben sie in Berlin. Zum Abschluss des Gesprächs diktiert sie den Journalistinnen noch einmal in den Block: „Wir afghanischen Frauen werden nie aufgeben, wir werden immer unsere Stimme erheben.“

Mina Stanikzai baute in der Provinz Logar Schulen auf und vertrat die Interessen von Frauen und Mädchen in Friedens- und Jugendversammlungen, genannt Jirgas. Außerdem arbeitete die Akademikerin (mit einem Master in Politik) für die Regierung in Kabul. Ihr Mann war Vorsitzender des Provinzrats und Mitglied des Militärrats. Nach Drohungen und Anschlägen war das Paar monatelang auf der Flucht, während die Taliban nach ihm suchten.

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