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Binnengeflüchtete aus Nordafghanistan sind provisorisch in Kabul untergekommen.
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Binnengeflüchtete aus Nordafghanistan sind provisorisch in Kabul untergekommen.

Interview

Taliban-Sieg in Afghanistan mit Folgen: „Millionen werden wieder fliehen“

  • Andreas Schwarzkopf
    VonAndreas Schwarzkopf
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Saad Mohseni, afghanischer Medienunternehmer, über die Folgen des Taliban-Siegs für Europa und die Welt – und warum an Gesprächen mit den Islamisten kein Weg vorbeiführt.

Herr Mohseni, Kabul ist in Afghanistan die letzte Stadt, die die Taliban noch nicht eingenommen haben. Wie ist die Situation in der Hauptstadt?

Ich habe vor zwei Wochen Kabul verlassen und reise derzeit durch Deutschland. Aber durch unser Nachrichtenunternehmen bin ich gut informiert. Etwa 600 000 Menschen sind in den vergangenen Wochen vor den Kämpfen im ganzen Land nach Kabul geflohen. Das ist eine große Belastung für die Menschen und die Hauptstadt mit fünf bis sieben Millionen Einwohnern. Die Flüchtlinge leben in provisorischen Unterkünften in Parks, Moscheen und an anderen Orten. Noch ist es warm. Aber von Oktober an wird es kalt. Es ist also unklar, was mit diesen Menschen passieren soll. Bereits jetzt ist es schwierig, sie zu ernähren. Generell ist die Armut groß in Afghanistan und die Wirtschaft müsste zehn Jahre lang um zehn Prozent jährlich wachsen, um diese Armut zu beseitigen. Das Gegenteil ist aber der Fall. Die Wirtschaftskraft geht seit 2014 zurück, und die Arbeitslosigkeit wächst.

Zusätzlich hat sich die sicherheitspolitische Lage in den vergangenen Wochen durch den Abzug der internationalen Truppen und den Vormarsch der Taliban dramatisch verändert. Wie ist die Stimmung im Land?

Die Menschen sind mehrheitlich frustriert, viele sind hilflos und hoffnungslos. Denn zu der Armut kommt hinzu, dass niemand so recht weiß, wie es weiter geht. Der rasche Abzug der Truppen der USA und deren Verbündeten verstärkt diese Gefühle. Viele glauben, zurückgelassen zu werden und eingesperrt zu sein. Vor allem ist die Furcht groß, dass alle Fortschritte der vergangenen 20 Jahre verloren gehen.

Die afghanische Regierung sagt, sie sei von dem Rückzug überrascht worden. Er war doch aber seit Jahren angekündigt?

Afghaninnen und Afghanen habe das auch akzeptiert. Doch der Rückzug ist nicht gut organisiert. In vielen Teilen ist er unverantwortlich. Die afghanische Armee ist beispielsweise ähnlich organisiert wie die US-amerikanische, die Material und vieles mehr von Zulieferern bekommt. Doch die US-Regierung hat auch die Zulieferer aufgefordert, das Land mit den Truppen zu verlassen. Deshalb fehlt der afghanischen Armee nun vieles, um zu kämpfen.

Es gibt aber auch viele Nachrichten, wonach die Kampfmoral der Soldaten nicht besonders hoch ist. Wie es heißt, greifen viele nicht zu den Waffen oder desertieren.

Sie bekommen auch nur wenig Lohn oder gar keinen. Die Gehälter für August sind noch nicht überwiesen. Außerdem fehlt vielen die Nahrung, die genauso knapp ist wie andere notwendigen Materialien. Dazu kommt, dass die afghanische Regierung den Kampf kommunikativ nicht gut vorbereitet hat und viele sie zusätzlich für korrupt halten. Viele westliche Hilfen sind eben nicht bei den Menschen angekommen. Deshalb ist die Kampfmoral bei vielen so gering.

ZUR PERSON

Saad Mohseni ist ein afghanisch-australischer Unternehmer und Vorsitzender des Medienunternehmens Moby Group, zu dem auch der größte afghanische Fernsehsender Tolo TV gehört.

Nach der Niederlage der Taliban 2002 ging er mit seinem Bruder zurück nach Afghanistan und gründete dort mit finanzieller Hilfe der USA die Medienfirma Moby. Heute ist er auch an weiteren Firmen in Südostasien und Mittelost beteiligt. privat

Viele befürchten, der Kampf um Kabul werde ähnlich blutig wie zu Zeiten des Bürgerkriegs in den 90er Jahren. Was erwarten Sie?

Es ist noch nicht vorbei. Es wird jetzt darauf ankommen, den vollständigen Sieg der Taliban zu verhindern.

Wie soll das gehen?

Die USA und Europa müssen sich klar machen, dass sie von der Entwicklung in Afghanistan betroffen sind. Werden die Taliban nicht gestoppt, werden sich viele Afghaninnen und Afghanen radikalisieren und die ehemaligen Warlords werden aufrüsten. Die militärischen Konflikte werden also fortgesetzt und ein erneuter Bürgerkrieg droht. Das lässt die Gefahr des Terrorismus wachsen. Außerdem werden wieder Millionen fliehen. Zunächst in die Nachbarstaaten wie Pakistan und Iran, anschließend via Iran und Türkei sicher auch nach Europa, das eben nur wenige Grenzen entfernt ist. All diese Staaten sollten also helfen.

Aber welche Mittel haben die USA und die EU nach dem Rückzug noch?

Sie können und müssen mit den Taliban verhandeln.

Bislang hat das nicht so viel geholfen. Und warum sollten die Taliban verhandeln, wo sie doch ganz kurz vor dem lang angestrebten Ziel sind, das mächtige Militärbündnis Nato zu besiegen und das Land wieder alleine regieren zu können?

Noch ist nicht klar, ob sich nicht doch die moderaten Kräfte innerhalb der Taliban durchsetzen, die nicht erneut eine Herrschaft wie Ende der 90er Jahre errichten wollen. Viele von ihnen wollen diesmal größere Teile der Bevölkerung einbeziehen. Außerdem gibt es in Pakistan und Iran durchaus Kräfte, die kurz vor dem drohenden vollständigen Sieg der Taliban bereuen, die Taliban teilweise unterstützt zu haben, um regional besser mit ihnen klar zu kommen oder die Regierung in Kabul zu schwächen. Auch die Nachbarstaaten Afghanistans können nicht an einem erneuten Bürgerkrieg interessiert sein, der die ganze Region destabilisieren würde. Das gilt nicht nur für Pakistan und Iran, sondern auch für China und sogar Russland. Das ist auch der Grund, warum sich all diese Nationen jetzt einmischen.

Das Interview führte Andreas Schwarzkopf am Samstag

Saad Mohseni

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