Indien

Millionen menschliche Spielbälle

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Die Bevölkerungsgruppe der staatenlosen Guspethiye soll aus Indien deportiert werden.

Chandradhar Das wirkt so gebrechlich, wie man es von einem Mann seines biblischen Alters erwartet. „Ich bin 100 Jahre alt“, sagt er in der kleinen Stadt Silchar im indischen Bundesstaat Assam. Der Greis mag sich täuschen, denn er besitzt keine Geburtsurkunde. Ein Wunsch hält den alten Mann am Leben. „Ich werde nicht sterben,bevor ich bewiesen habe, dass ich indischer Staatsbürger bin“, sagt er. Indiens Behörden betrachten ihn als „Guspethiye“, als Infiltrator, der vor Jahrzehnten wie Millionen andere aus dem Nachbarland Bangladesch nach Assam kam und wieder deportiert werden sollte.

Etwa vier Millionen Bewohner des Bundesstaats fallen seit dem vergangenen Jahr laut einer Entscheidung der Regierung des hindunationalistischen Premierministers Narendra Modi in die gleiche Kategorie. Amit Shah, der Generalsekretär der Regierungspartei Bharatiya Janata Party“ (BJP) beschimpfte die „Guspethiye“ gar als „Termiten“. „Millionen von ihnen fressen unser Land auf“.

Chandradhar Das landete trotz seinen hohen Alters wie 1000 andere Leidensgenossen gar drei Monate lang in einem Internierungslager „Diese Leute haben weniger Rechte als Strafgefangene“, klagt der Menschenrechtsanwalt Ravi Nair vom „South Asia Human Rights Documentation Centre“ (SAHRDC).

An den Rand gedrängt

Dank der Hilfe von Verwandten wurde der alte Mann gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Aber er hat keine Ahnung, wie lange er die Freiheit genießen kann. Die Furcht, dass die Kaution widerrufen werden könnte, wurde zum ständigen Wegbegleiter von Chandradhar.

Die Bevölkerung im Nordosten Indiens protestiert seit Jahren gegen eine „Entfremdung“ ihrer Region. Die dort lebenden Minderheiten befürchten, noch stärker als in der Vergangenheit in eine Außenseiterposition gedrängt zu werden. Tatsächlich kamen im Jahr 1971 zahllose Flüchtlinge aus dem muslimisch dominierten Bangladesch in den Nordosten Indiens.

Sie flohen vor dem Unabhängigkeitskrieg des damaligen „Ostpakistan“ gegen die Herrscher aus Islamabad. Bevor die Textilindustrie zum Hoffnungsschimmer Bangladeschs heranwuchs, führte massiver sozialer Druck in dem damals noch bitterarmen Land zu weiteren Auswanderungswellen in Indiens Nordosten und in den sprachlich und kulturell verwandten Bundesstaat Westbengalen an der Grenze. „Nach unserem Wahlsieg im kommenden Jahr werden wir alle deportieren“, verkündete BJP-Generalsekretär Amit Shah.

Die Modi-Regierung drückte mit ihrer Mehrheit Anfang Januar ein Gesetz durchs Parlament, das ihre Prioritäten deutlich machte. „Bill 2016“ sieht vor, dass „Hindus, Sikhs, Buddhisten, Jains, Parsis und Christen“ nach sechsjährigem Aufenthalt in Indien die Staatsbürgerschaft erhalten, wenn sie aus den von Muslimen dominierten Staaten Afghanistan, Pakistan und Bangladesch stammen. „Bill 2016“ dürfte in der Rajya Sabha, der indischen Variante des deutschen Bundesrats, freilich scheitern, weil die Hindunationalisten dort bislang keine Mehrheit haben. Himanta Biswa Sarma, BJP-Stratege für den indischen Nordosten, formulierte die Zielrichtung so: „Wenn das Gesetz nicht angenommen werden sollte, werden Hindus in Assam eine Minderheit werden.“ In der Region nahe der Grenze zu Pakistan bekriegen indische Sicherheitskräfte seit Anfang der 90er Jahre islamische Separatisten und eine muslimisch geprägte Zivilbevölkerung. Der Versuch, mit der Hinduisierung des Vielvölkerstaats Indien Stimmen für die Parlamentswahlen zu mobilisieren, ging freilich in Assam nach hinten los. Es kam zu gewalttätigen Protesten. Der Grund: Assams Bevölkerung betrachtet die „Entfremdung“ nicht als religiöses Problem. Das Gesetz würde nichtmuslimischen Einwanderern aus Bangladesch die Tore für politische Dominanz öffnen, hieß es in Guwahati, der Hauptstadt von Assam. „Wir stehen auf der Seite der Bevölkerung“, erklärte Atul Bora, Chef der regionalen AGP-Partei und kündigte eine Koalition mit der BJP auf. Vier andere wichtige Bündnispartner im Nordosten Indiens kehrten Modis Leuten ebenfalls den Rücken.

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