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Andry Rajoelina in Siegerpose.

Madagaskar

Militär übergibt Rajoelina die Macht

Das Militär setzt Andry Rajoelina als Präsidenten einer Übergangsregierung ein. Mit dem Lächeln eines Siegers zeigt er sich auf den Straßen von Antananarivo. Neuwahlen soll es erst in zwei Jahren geben.

Johannesburg/Antananarivo. Triumphierend wie ein Pop-Star, mit dem Lächeln des Siegers im jungenhaften Gesicht - so zeigte sich der neue Machthaber der vor Afrika gelegenen bitterarmen Tropeninsel Madagaskar seinen Anhängern.

Andry Rajoelina heißt der neue starke Mann, der den blutigen Machtkampf mit dem bisherigen Amtsinhaber Marc Ravalomanana für sich entschieden hat.

Nach lokalen Medienberichten übertrug das Militär Rajoelina das Amt des Präsidenten einer Übergangsregierung. Zuvor hatte der in Bedrängnis geratene bisherige Präsident Marc Ravalomanana die Macht an ranghohe Militärs übergeben.

"Wir erteilen Herrn Andry Rajoelina die unbeschränkte Vollmacht, um Präsident der Übergangsregierung zu werden", erklärte Vizeadmiral Hyppolite Ramaroson nach einem Bericht der Zeitung "L\'Express de Madagascar".

Rajoeliona sagte dem französischen Nachrichtensender LCI, er sei "Übergangspräsident" bis zu Wahlen, die in 24 Monaten stattfinden sollten. Ramaroson sagte im Beisein von General Ranto Rabariosa und General Rivohanitra Razafindralambo, sie seien gegen eine Militärführung für die Insel gewesen und hätten sich nach reiflicher Überlegung dazu entschlossen, die Macht an Rajoeliona abzutreten.

Entscheidung zum Wohle des Volkes

Diese Entscheidung sei im Interesse der Nation und zur Bewahrung der Einheit der Streitkräfte getroffen worden, zitiert die Zeitung "Midi Madagasikara" in ihrer Internetausgabe aus der Erklärung der Militärs.

Der schlanke junge Mann weiß, wie man die Massen mobilisiert. Mit seinen 34 Jahren darf der knabenhaft wirkende Ex-Discjockey laut Verfassung noch gar nicht Präsident sein - die schreibt ein Mindestalter von 40 Jahren vor.

Doch im Jubel seiner Anhänger ging das unter. Rajoelina steht für Ehrgeiz, für schnelle Entscheidungen und eine Hiphop-Kultur, die vor allem der jungen Generation auf Madagaskar suggeriert, dass alles möglich sei. "Tanora malaGasy Vonona" - Entschlossene junge Madagassen - heißt seine politische Formation.

Abgekürzt TGV - wie das Kürzel für den französischen Hochgeschwindigkeitszug, das seine Anhänger auch für ihn benutzen. Sein Geld machte er mit Werbung, bevor er Ende 2007 Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo wurde.

Rajoelina weiß Volkszorn zu instrumentalisieren

Seitdem hat er mehrfach unter Beweis gestellt, dass er die Emotionen seiner Anhänger und den ungezügelten Volkszorn für seine Zwecke zu instrumentalisieren weiß. Im Grunde schlug er Ravalomanana im Schnelldurchgang mit seinen eigenen Waffen - auch der hatte sich im Wahlkampf als locker, jungenhaft und unkompliziert präsentiert.

Seine taktischen Fehler bei der Einschätzung der Lage schufen eine gefährliche Dynamik zugunsten von Rajoelina - doch das Zünglein an der Waage war das Militär. Vor allem beim Unteroffiziers-Korps hat der mitunter leicht aufbrausend auftretende Chef einer Übergangsregierung Rückhalt.

An seiner Seite zeigen sich jugendlich wirkende Soldaten, die sich mit Designer-Sonnenbrille und geschulterter Panzerfaust im Tanzschritt wiegen. Die ihm ergebenen Soldaten hatten ihre eigenen Generäle so unter Druck gesetzt, dass sie die ihnen von Ravalomanana übertragene Macht dann später ihrerseits auf Rajoelina übertrugen.Für den war diese Übertragung wichtig, weil er sich mit Blick auf die internationale Gemeinschaft einen Hauch von Legalität geben muss.

Die überraschende Wende kam am Ende eines turbulenten Tages. Als Ausweg aus seiner zunehmenden politischen Isolation löste der in Bedrängnis geratene Präsident Marc Ravalomanana seine Regierung auf und übertrug die Macht einer Gruppe ranghoher Offiziere. Ein Rücktritt sei das aber nicht, betonte er.

Im Fernsehen dankte er der Bevölkerung am Abend für ihre Unterstützung, ließ seinen Aufenthaltsort und weitere Pläne aber offen. Die EU und die Afrikanische Union (AU) warnten die Opposition dagegen mehrfach vor einer verfassungswidrigen Machtübernahme.

Rajoelina wirft Ravalomanana Machtmissbrauch vor

Der Konflikt hatte sich am Wochenende zugespitzt, als Rajoelina die Machtübernahme durch seine Übergangsregierung erklärte. Er war im Februar als Bürgermeister der Hauptstadt Antananarivo entlassen worden, hatte sich danach aber zum Übergangs-Präsidenten erklärt und Neuwahlen innerhalb von zwei Jahren in Aussicht gestellt.

Er wirft Ravalomanana Willkür, Machtmissbrauch und Bereicherung im Amt vor und betreibt seine Absetzung. In dem blutigen Machtkampf wurden bisher mehr als 140 Menschen getötet.

Rajoelina hatte sich einen Tag nach der Einnahme des leerstehenden Verwaltungspalastes Ravalomananas durch sympathisierende Soldaten in der Hauptstadt Antananarivo triumphierend gezeigt. Er erklärte, der Kampf seiner Anhänger stehe kurz vor dem erfolgreichen Abschluss.

Der 2006 für weitere fünf Jahre gewählte Präsident Ravalomanana, dessen Aufenthaltsort am Dienstagabend unklar war, hat erklärt, er werde nicht zurücktreten und notfalls bis zum letzten Atemzug kämpfen. Sein Vorschlag einer Volksabstimmung war von Rajoelina zurückgewiesen worden.

Kritik aus Europa und der Region

Sowohl die Afrikanische wie die Europäische Union haben klar gemacht, dass sie nicht verfassungsgemäße Machtänderungen nicht akzeptieren würden. Und ohne ausländische Hilfe - das weiß auch Rajoelina - könnte bald ihm der Volkszorn und der Insel ein erneutes Machtvakuum drohen. Denn bei den zahlreichen Armen der Inselrepublik wurden Hoffnungen genährt, die nur schwer zu halten sein werden.

Der zart aufgeblühte Tourismus ist bereits schwer angeschlagen - die weltweite Krise lässt kaum auf eine schnelle Besserung der Lage hoffen. Und auch die weltweit gesunkenen Rohstoffpreise lassen Hoffnungen auf eine Boom-Phase auf der für Pfeffer, Vanille und Halbedelsteine berühmten Insel illusorisch erscheinen.

Wie der neue Mann an der Macht die von ihm bisher kritisierten Missstände auf der Insel beheben will, hat er bisher noch nicht erkennen lassen.

"Tetezamita" hieß sein Slogan bisher nur: Übergangsregierung.In Südafrika warnte die Wirtschaftszeitung "Business Day" bereits vor einer Periode der Instabilität. Das Verdrängen einer demokratischen gewählten Regierung von der Macht habe einen gefährlichen Präzedenzfall geschaffen, der die krisengeschüttelte Insel im Indischen Ozean noch auf Jahrzehnte plagen könnte. (dpa)

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