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Flüchtlinge warten am 28.10.2015 nahe Passau (Bayern) an der deutsch-österreichischen Grenze.
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Warum werden unterschiedliche Herkünfte nicht als Bereicherung für alle gesehen?, fragt Anna Severinenko.

Einwanderung

Migration in Deutschland: Wie geht es Familien, die vor Jahren schon eingewandert sind?

Migrationspolitik ist in Deutschland ständig Thema - aber wie leben eigentlich die Leuten, die schon vor Jahren hierher eingewandert sind? Journalistin Anna Severinenko ist als Kind aus Kasachstan nach Deutschland gezogen und erzählt wie es ihrer Familie seither ergangen ist

Deutschland ist ein Wunderland. Alles ist sauber, die Häuser sind wunderschön und die Straßen werden mit Shampoo gewaschen. Es gibt die unglaublichsten Spielsachen, das verrückteste Essen und die hübschesten Kleider. Das Leben dort ist ein Traum – perfekt, wie in einem Disneyfilm. So ungefähr stellte ich mir das Land vor, in das meine Eltern auswandern wollten. Mein Vater war Pilot bei der Aeroflot und immer, wenn er aus Deutschland zurückkam, brachte er die tollsten Geschichten und Geschenke mit, einmal sogar Bananen.

Ich bin Anna Severinenko. Meine Familie stammt aus Almaty in Kasachstan, wir sind Russlanddeutsche. Sechs Jahre war ich als wir 1995 in die Bundesrepublik kamen, meine Eltern, meine zehnjährige Schwester, meine Oma, meine Tante und ich. Meine Eltern freuten sich sehr, als wir ausreisen durften, voller Optimismus blickten sie in die Zukunft. Diese Vorfreude hat sich auf uns Kinder übertragen. Warum meine Tante weinte, als sie aus dem Flugzeug auf den Berg Trans-Ili Alatau herunterblickte, habe ich nicht verstanden. Für mich war es der Aufbruch ins Schlaraffenland.

Deutschland - ein Traum aus einem Disneyfilm? Einwandererkind Anna Severinenko erzählt von der Reise ihrer Familie

Die erste Enttäuschung erlebte ich, als ich im Flughafen Hannover ein Bonbonpapier auf dem Boden entdeckte. Die zweite, als ich feststellte, dass der deutsche Himmel und die Bäume nicht viel anders aussahen als in Kasachstan. Aber dann kamen wir in ein Flüchtlingsheim an der Ostsee und ich sah zum ersten Mal das Meer, das war schön.

Dann es wurde weniger schön, weil wir von einem Heim ins andere ziehen mussten. Ein Jahr lebten wir sogar in zwei Containern, wo man alles von den Nachbarn mitbekam. Das Geschrei, die Alkoholgeschichten. Dabei hatten wir eigentlich eine Einladung von einer kleinen Gemeinde in Nordrhein-Westfalen, wo Verwandte von uns lebten.

Anna Severinenko, wanderte im Alter von sechs Jahren mit ihrer Familie aus Kasachstan nach Deutschland ein. Heute lebt und arbeitet sie als Journalistin in Berlin.

Von meinen Eltern sah ich in dieser Zeit nicht viel. Sie waren sehr gestresst und es gab viel Streit. Entweder waren sie auf irgendwelchen Ämtern, im Deutsch- oder im Integrationskurs. Denn außer meiner Oma und meiner Tante sprach keiner von uns Deutsch. Wenn ich andere Kinder auf der Straße reden hörte, war ich richtig neidisch. Ich fühlte mich ausgeschlossen.

Als wir nach Nordrhein-Westfalen kamen und ich in Düsseldorf eingeschult wurde, fand ich das sehr beängstigend. Ich wollte doch Freundinnen finden, aber ich konnte vieles nicht erklären und musste Pantomime spielen. Für die Hausaufgaben brauchten meine Schwester und ich immer viele Stunden. Andere Kinder waren in einer halben fertig, aber für uns mussten meine Tante oder Oma ja alles übersetzen.

Migration einer russlanddeutschen Familie: Wie geht es ihnen heute?

In diesen Jahren hatte ich ständig das Gefühl, nicht dazuzugehören und in zwei Welten zu leben: Es gab die Welt drinnen, die war russisch, mit meinen Eltern und meiner Schwester. Und dann die Welt draußen, in der man sich anders verhalten musste und in der ich nicht einfach erzählen konnte, was zu Hause passiert. Einmal habe ich Pelmeni, russische Teigtaschen, in die Schule mitgebracht und die anderen Kinder haben mich gehänselt, weil es so komisch roch.

Auch konnte niemand verstehen, dass wir zu Weihnachten Kaviar essen, so wie es in Russland Tradition ist. Ihr seid doch arm, sagten die anderen Kinder, wieso könnt ihr euch Kaviar leisten? Selbst Erwachsene haben sich oft über mich lustig gemacht, wegen meines Namens und meiner Aussprache. Ich rolle das „r“. Dabei habe ich sehr schnell Deutsch gelernt, denn ich wollte mich ja anpassen und unbedingt dazugehören.

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden.Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das Erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um die plurale Gesellschaft. Sie erscheint am Dienstag, 21. September.

Zuletzt erschienen: eine Folge zum Thema Sicherheit am Dienstag, 15. September.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/bundestagswahl

Das Schlimmste aber waren die Erfahrungen meiner Eltern. Wie gesagt war mein Vater Pilot mit mehreren Jahren Berufserfahrung. Und meine Mutter war mit Leib und Seele Pädagogin und hatte schon viele Jahre als Lehrerin gearbeitet. Doch in Deutschland wurde nichts davon anerkannt, weder die Hochschulabschlüsse noch die beruflichen Qualifikationen. Meine Eltern wurden behandelt wie Menschen ohne Bildung – dabei war Bildung gerade für sie immer extrem wichtig. Mit ihren Ansprüchen haben sie meine Schwester und mich richtig gequält.

Migration in Deutschland: Bildungsabschlüsse werden einfach nicht anerkannt

Die erste Zeit haben sich die beiden mit irgendwelchen Jobs durchgeschlagen, meine Mutter ging putzen, mein Vater arbeitete als Automechaniker. Dann hat er wieder studiert, nochmal einen Abschluss als Ingenieur gemacht und viele Jahre am Frankfurter Flughafen gearbeitet. Aber meine Mutter konnte nie wieder in ihren Beruf einsteigen. Das hat sie unendlich traurig gemacht, richtig gebrochen. Schon bei der Ankunft in Deutschland sagte man ihr, mit ihren 33 Jahren sei sie zu alt für den Arbeitsmarkt. Sie hat noch eine Ausbildung als Buchhalterin absolviert, aber nie einen Job gefunden. Angeblich wegen ihrer Deutschkenntnisse – dabei spricht sie ein grammatikalisch perfektes Deutsch, nur eben mit Akzent.

Migration in Deutschland

26 Prozent der Menschen in Deutschland haben einen Migrationshintergrund. Das schließt Personen ein, die selbst eingewandert sind oder mindestens ein Elternteil haben, das nicht durch Geburt die deutsche Staatsangehörigekeit besitzt.

Lange dachten meine Eltern noch, dass sie nur viel und hart arbeiten müssen, um ihr Ziel zu erreichen. Mit ihrer stoischen russischen Mentalität wollten sie sich durchbeißen. Aber sie sind an Grenzen gestoßen, wo sie machtlos waren. Das war desillusionierend und niederschmetternd für sie und irgendwann ist bei ihnen die große Resignation eingetreten. Tatsächlich haben sie vor einigen Jahren überlegt, nach Kasachstan zurückzukehren. Aber bei einem Besuch haben sie festgestellt, dass sie auch dort nicht mehr heimisch sind.

Deshalb erwarte ich von der Politik, dass sich die Situation für Migrant:innen ändert, auch für die aus den slawischen Ländern. Über uns gibt es nur üble Vorurteile, wegen Putins Politik, der Besetzung der Krim und dem Umgang mit Homosexuellen. Ansonsten wird über uns kaum gesprochen oder berichtet. Es braucht dringend andere Narrative über uns, denn als slawische Einwanderer sind wir ja viele. Ja, man kann uns vorwerfen, dass wir teilweise in unseren Blasen leben. Aber in unseren Communitys spüren wir wenigstens nicht, dass wir nicht dazugehören.

Die Politik muss mehr für Migranten und Migrantinnen aus slawischen Ländern tun, sagt Anna Severinenko

Das fängt bereits in der Schule an. Es gibt so viele Kinder aus migrantischen Milieus, aber noch immer ist das Schulsystem nicht darauf vorbereitet und entsprechend ausgestattet. Und warum werden Einwandererkinder behandelt, als wären sie defizitär? Warum wird nicht schon in der Grundschule vermittelt, dass unterschiedliche Herkünfte und Kulturen eine Bereicherung für alle sind? Auf jeden Fall muss in die Schul- und Bildungspolitik viel mehr Geld gesteckt werden.

Und dann die Sache mit den Berufsabschlüssen. Die Mehrheitsgesellschaft erwartet, dass die Einwanderer quasi bei null beginnen. Dabei haben doch viele einen Schul- oder sogar Uniabschluss und Erfahrung im Beruf. Doch selbst im technischen Bereich gilt das nichts. Es wäre so wichtig, dass die Anerkennung von Berufsausbildungen viel unbürokratischer läuft.

Insgesamt muss neben dem Klimawandel die Migrationspolitik eine viel größere Rolle spielen. Schließlich propagieren wir hierzulande Menschenwürde und Rechtsstaatlichkeit. Deshalb hatte ich meinen Merkel-Moment, als die Kanzlerin 2015 entschieden hat: Die Grenzen bleiben für Geflüchtete offen.

Bei der Klima- und Flüchtlingspolitik sollten wir mutig voranschreiten. Wir haben die Kapazität und die Möglichkeit. Deshalb müssen die Grünen unbedingt in die Regierung kommen, das ist wichtig für unsere Zukunft.

Aufgezeichnet von Bascha Mika

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