Migration

„Ich versuche auch 150 Mal, über die Grenze zu kommen“

1 von 1
Die Stadt Bihac ist zu einem Sammelplatz für Migranten geworden – mittlerweile hat sich die Bevölkerung damit arrangiert.
  • schließen

Tausende Migranten warten in Bosnien-Herzegowina auf ihre Chance, über Kroatien in die EU zu gelangen – meistens vergeblich.

Manche haben sich Decken um die Schultern geschlagen. Es ist kalt in Bihac. Am Rand der bosnischen Grenzstadt, durch die der schönste aller bosnischen Flüsse, die Una, sprudelt, in einem alten Lagerhaus, sind etwa 3500 Migranten untergebracht. Insgesamt befinden sich etwa 4000 Ausländer im Kanton Una-Sana. Das Bira-Zentrum liegt in der Industriezone, dort, wo eigentlich sonst nur tagsüber etwas los ist. Doch seit die Migranten im Vorjahr kamen, herrscht hier immer reges Treiben.

Es ist ein Ort des Kommens, des Gehens und vor allem des Zurückkommens. Denn die meisten jungen Männer, die von hier aus ihren Marsch zur Grenze antreten, landen wieder in dem von der Internationalen Organisation für Migration (IOM) betreuten Camp. „Etwa 70 Prozent werden von der kroatischen Polizei abgefangen“, erzählen einige Pakistaner aus dem Punjab, die gerade von einem Spaziergang zurückgekehrt sind. Manche von ihnen sind bereits seit vier Jahren in Europa, viele seit zwei, drei Jahren. Ihre Reise führte sie zumeist zuerst nach Griechenland, nachdem sie dort verstanden haben, dass sie „keine Papiere“ bekommen werden, brachen sie Richtung Mazedonien und Serbien auf und landeten daraufhin in Bosnien-Herzegowina.

Vor einem Jahr noch waren die bosnischen Behörden ziemlich überfordert, doch heute sind die Unterkünfte und die Versorgung viel besser. Es gibt für alle zumindest ein Dach über dem Kopf, drei Mal am Tag Essen und – was am wichtigsten ist: Wärme.

Der 15-jährige Farhati Hemmati und seine Familie, die aus dem afghanischen Mazar-i-Sharif kommen, wollen hier die härteste Winterzeit abwarten, bis sie weiterziehen. Schließlich hat Farhati einen dreijährigen Bruder, den man nicht so einfach über die schneereichen Berge tragen kann. Farhati will zu seinen Brüdern nach Belgien. Sie haben dort nach zwei Jahren im Lager einen Aufenthaltsstatus bekommen.

Für viele ist die rote Halle hinter dem Robot-Kaufhaus in Bihac aber nur eine Zwischenstation, die sie so schnell wie möglich hinter sich bringen wollen. Von Zeit zu Zeit verlassen Gruppen von Männern mit Rucksäcken bepackt die Unterkunft und lassen sich wieder auf das ein, was man hier „das Spiel“ nennt: Sie gehen in Richtung der Hügelkette, wo die Grenze liegt, stapfen oft durch einen halben Meter Schnee und versuchen sich vor den kroatischen Polizisten zu verstecken. „Wenn die uns sehen, fragen sie: ,Woher kommt ihr?‘ und dann treiben sie uns sofort zurück Richtung Bosnien“, sagt der 26-jährige Iraner Reza R. aus Teheran. So wie alle hat auch er „das Spiel“ schon oft mitgemacht. Das letzte Mal hätten die kroatischen Polizisten so auf seine Finger eingeprügelt, dass der Nagel noch heute schwarz ist. Reza zeigt auch Fotos, die Striemen auf dem Rücken eines Freundes zeigen; angeblich stammen sie von den Prügeln der Polizisten.

Fast jeder hat eine Geschichte über die kroatische Polizei zu erzählen. Die Beamten würden ihre Handys zertreten, ihnen Geld abnehmen, sie mit Stöcken schlagen oder mit Schuhen treten. Die Geschichten sind seit vielen Monaten dieselben. Doch Kroatien will der Schengen-Zone beitreten, und in Zagreb ist man daher der Ansicht, dass man größere Chancen hat, die anderen EU-Innenminister zu überzeugen, wenn man an der Grenze Härte zeigt.

Die Zurückweisungen, die oft im Landesinneren und gar nicht unmittelbar an der Grenze durchgeführt werden, sind jedoch rechtlich umstritten. Vor allem, weil oft ganze Gruppen „zurückgeleitet“ werden und keine Überprüfung im Einzelfall erfolgt, wenn jemand kundtut, in Kroatien um Asyl ansuchen zu wollen. Die Europäische Menschenrechtskonvention verbietet „kollektive Zurückweisungen“.

Zudem erfolgen diese oft nicht über die offiziellen Grenzübergänge – wohl weil diese meist weit entfernt liegen. Kroatien beruft sich hingegen auf das Schengener Abkommen, wonach jenen Drittstaatsangehörigen, die kein gültiges Visum haben, die Einreise verweigert werden muss. Tatsächlich waren fast alle Migranten, die hierher gelangt sind, bereits in einem EU-Land, nämlich entweder in Bulgarien oder in Griechenland. Sie befinden sich jedenfalls in einem sicheren Drittland, nämlich Bosnien-Herzegowina. Doch hier will keiner von ihnen bleiben.

Einer der bosnischen Security-Leute wundert sich, weshalb die EU auf die Polizeigewalt der Kroaten nicht reagiere. „Das ist ja unmenschlich! Und die sollen Europäer sein?“, meint er. „Wir sind sicherlich die humaneren Europäer“, fügt er hinzu. Manche Bosnier engagieren sich als Ehrenamtliche in der Füchtlingshilfe, auch private Hilfsorganisationen wie das Asylnetzwerk in Aargau bieten Unterstützung.

Reza friert, ein paar Schneeflocken haben sich in seinen schwarzen Haaren verfangen. Er ist vor acht Monaten von Shiraz im Iran nach Belgrad geflogen, damals gab es in Serbien noch Visa-Freiheit für Iraner, die jedoch mittlerweile – weil so viele nicht mehr in den Iran zurückkehrten – wieder aufgehoben wurde. Der IT-Fachmann mit der dunklen Haartolle ist überzeugter Atheist und hält deshalb das „Leben im Gottestaat Iran“ nicht aus. Er will nach Italien.

Mittlerweile ist „Italy“ – und nicht mehr „Germany“ – zum Favoriten-Zielland für die meisten Migranten geworden. Denn der größte Teil der Reisenden kommt aus Pakistan, und die Punjabis, die hier in Bihac gelandet sind, wissen, dass sie ohnehin in keinem Land in Europa Asyl bekommen werden. In Italien ist es aber leichter möglich, unterzutauchen. Die Reise nach Europa – die meisten kommen über die eher schlecht gesicherte Grenze von Serbien nach Bosnien-Herzegowina – kostete bisher etwa 7000 Euro. Viele sind mit dem Talgo aus Sarajevo angereist – eigentlich einem Schnellzug, der sich durch schnaufartige Geräusche darüber zu ärgern scheint, dass das Schienennetz in Bosnien-Herzegowina so schlecht ist.

Im Herbst schlug die Stimmung in Bihac um, weil es zu einigen Ladendiebstählen gekommen war. Damals protestierten Bürger dagegen, dass die Stadt zu einem Sammelpunkt für Migranten geworden ist. Andererseits lassen die Reisenden auch Geld hier, und mittlerweile haben sich wieder alle mit der Situation arrangiert. Enge Beziehungen entstehen aber nur selten, die Migranten besuchen auch kaum die Moscheen von Bihac.

„Zurück? Nein, zurück nach Pakistan können wir nicht“, sagt der 28-jährige Amar M. „Wir sind hierhergekommen, weil unsere Eltern ihr ganzes Geld gegeben haben, damit wir eine bessere Zukunft haben. Ich werde wieder und wieder versuchen, über die Grenze zu kommen. Wenn es sein muss 150 Mal!“ Und was ist, wenn die Polizei sie zurück nach Pakistan bringt? Er lächelt. „Dann werden unsere Mütter uns willkommen heißen. Mütter sind Mütter.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion