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Dem Grauen entkommen: Migranten sitzen in einem überfüllten Schlauchboot 24 Meilen nördlich der libyschen Küste.

Flüchtlinge

Migranten erwartet in Libyen der Terror

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Die EU verhandelt über einen Migrationspakt mit der labilen libyschen Einheitsregierung, obwohl deutsche Diplomaten von „KZ-ähnlichen Verhältnissen“ in den dortigen Gefängnissen sprechen.

Wer immer aus dem diplomatischen Dienst es war, der den internen Lagebericht aus Libyen heimlich der Presse zuspielte: Man muss den Schritt als Hilfeschrei verstehen. Dessen Echo erreichte am Montag auch die Bundesregierung. Am Freitag werden auch die Staats- und Regierungschef der EU bei ihrem Treffen in Malta über die Flüchtlingskrise in Nordafrika sprechen.

Obwohl im Grunde schon länger bekannt ist, dass in den Flüchtlingslagern des nordafrikanischen Krisenlandes menschenunwürdige Zustände herrschen, gelingt es Europa und den Nachbarn in der Region nicht, Abhilfe zu schaffen. Stattdessen verhandelt die EU ungerührt über einen Migrationspakt nach europäisch-türkischem Vorbild mit der labilen libyschen Einheitsregierung, wie Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn vorletzte Woche erneut bestätigte. Auch Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) wirbt für zentrale Flüchtlingslager in Nordafrika.

Nicht nur Oppositionspolitiker warnen jedoch, ein solcher Deal mit dem Ziel einfacherer Abschiebungen von Migranten zurück nach Libyen sende Hunderte in Folter und Tod.

Auch Deutsche im diplomatischen Dienst fürchten das offenbar – und spielten aus Verärgerung den Report über die Zustände nach außen, in drastischen Worten, unter dem Briefkopf des Auswärtigen Amtes.

Es komme zu „allerschwersten, systematischen Menschenrechtsverletzungen“, meldeten da Mitarbeiter der deutschen Botschaft in Nigers Hauptstadt Niamey an das Bundeskanzleramt und mehrere Ministerien, etwa systematische „Exekutionen, Folter und Vergewaltigungen“.

„Authentische Handy-Fotos und -videos belegen die KZ-ähnlichen Verhältnisse in den sogenannten Privatgefängnissen“, zitierte die „Welt am Sonntag“ aus dem Schreiben. In den folgenden Agenturmeldungen hieß es bereits, das Auswärtige Amt habe die Lage scharf kritisiert. Ein amtliches deutsches Schreiben mit einem KZ-Vergleich, das ließ die Medienöffentlichkeit dann doch noch einmal aufhören.

Grünen verlangen Verhandlungsstop

Tatsächlich wollte der Sprecher des Außenministeriums, Martin Schäfer, den konkreten Drahtbericht und dessen Existenz am Montag weder bestätigen noch dementieren. In der Sache seien die Beschreibungen freilich richtig. Die Berichte über die schlimmen Zustände und unwürdige Behandlungen von Flüchtlingen in Libyen sei ja leider bekannt, so Schäfer. „Die Ehrlichkeit gebietet da aber schon ein wenig Bescheidenheit.“

Die Bundesregierung bemühe sich ernsthaft um eine Stabilisierung des Landes und eine Bekämpfung der Fluchtursachen in Afrika – nicht zuletzt durch europäische Zusammenarbeit und die Einbindung wichtiger Akteure der Region wie Ägypten. Schäfer bestätigte, dass vor allem die Privatgefängnisse ein großes Problem seien, dass Schlepper ausreisewillige Migranten gefangen halten.

In der amtlichen Depesche heißt es dazu laut der „Welt“: „Exekutionen nicht zahlungsfähiger Migranten, Folter, Vergewaltigungen, Erpressungen sowie Aussetzungen in der Wüste sind dort an der Tagesordnung.“ Es werden Augenzeugen zitiert, die von exakt fünf Erschießungen wöchentlich in einem Gefängnis sprachen – mit Ankündigung und jeweils freitags: damit Neuankömmlinge Platz hätten und die Lagerbetreiber ihre Einnahmen erhöhen.

Die Grünen im EU-Parlament verlangten angesichts der Berichte einen Verhandlungsstop des Flüchtlingsdeals. „Wenn die Bundesregierung davon Kenntnis hat, dann muss sie mit aller Macht dafür eintreten, dass ein neues Abkommen mit Libyen nicht zustande kommt“, sagte Fraktionschefin Ska Keller. Man dürfe Menschen aus Deutschland nicht in eine so katastrophale Lage zurückschicken.

Seit dem Sturz des libyschen Machthabers versinkt das Land im Chaos. Die Einheitsregierung, die auch von der Bundesregierung unterstützt wird, hat kaum Einfluss und wird von Warlords, Militärs und Religionsführern bekämpft. Das macht das Land auch zu einem Transitland für Migranten aus Nordafrika: Allein in den vergangenen drei Jahren flohen mehr als eine halbe Million Menschen mit Booten nach Italien, die meisten über Libyen.

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