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Abkehr von aller Welt: Michael Jackson, wie er heute aussieht.
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Abkehr von aller Welt: Michael Jackson, wie er heute aussieht.

Interview mit Marcel Avram

Michael Jackson - der Unfassbare

Der Pop-Zombie wird 50 Jahre alt. Marcel Avram hat fünf Welttourneen mit ihm organisiert. Dann verklagte er den Star auf 17 Millionen Euro - und nennt sich seinen Freund. Ein Gespräch über Genie und Wahnsinn.

Herr Avram, wissen Sie, wie es Michael Jackson zurzeit geht?

Wenn eine Katze sieben Leben hat, hat dieser Mann mindestens hundert. Glaubte man den Prophezeiungen der Presse, müsste er schon längst tot und in Vergessenheit geraten sein. Michael Jackson lebt aber immer noch und wird weltweit gewürdigt.

Man liest zumindest ständig, er habe gigantische Schulden.

Dass er pleite sei, wird immer wieder behauptet. Am Ende ist er dann doch nie pleite. Wissen Sie, über Michael ist schon immer unendlich viel geschrieben und fabuliert worden.

Sein tragischer Fall in die Bedeutungslosigkeit ist aber wohl unumstritten.

So tief ist er als Künstler ja gar nicht gefallen. Eine seiner letzten Schallplatten verkaufte sich im Vergleich zu früheren zwar nicht so überragend - wie hieß die noch gleich, "Blood on the …

"Blood on the dancefloor". Das ist elf Jahre her.

Aber es ist ein toller Song, wenn Sie das mit all dem vergleichen, was heute aus der Rap oder HipHop-Szene so zu hören ist. Da liegen Welten dazwischen. Michael Jackson hat großartige Musik gemacht. Ganz gleich, wie verrückt er sein mag - er ist ein Genie. Das muss ich anerkennen, ganz egal, wie viele Auseinandersetzungen wir beide manchmal miteinander hatten.

Es hat zwischenzeitlich offenbar gewaltig gekracht: Sie haben ihn mal auf 17,91 Millionen Euro verklagt, weil er an Silvester 1999 zwei spektakulär geplante Konzerte in Sydney und auf Hawaii platzen ließ.

Das war damals schon ein Schlag ins Kontor. Die Idee war, erst ein Millenniumskonzert in Sydney zu geben, dann rein in den Flieger nach Hawaii und dort noch mal zu feiern. Das wäre wegen des Zeitunterschieds möglich gewesen. Michael wollte damit ins Guinness-Buch. Ich hatte bereits Jets, Stadien und alles andere gebucht. Und dann machte er einen Rückzieher, obwohl er den Vertrag unterschrieben hatte. Aber das ist inzwischen bereinigt.

Wie?

Wir haben uns geeinigt.

Haben Sie ihm das einfach verziehen?

Wir sind nicht im Bösen auseinander gegangen. Wir sprechen auch heute noch miteinander. Erst vor ein paar Monaten habe ich ihn wieder getroffen, in Washington. Er hat mir auch seine neue Telefonnummer gegeben.

Werden Sie ihn an seinem Geburtstag anrufen?

Ich habe ihm eine Karte geschickt und alles Gute gewünscht.

Waren Sie sein Freund?

Das war schon eine Freundschaft, eine Zuneigung. Nicht von der Art, dass ich ihm gesagt hätte: "Los komm, heute Abend, hauen wir auf den Putz." So was haben wir nicht gemacht. Nach den Shows saßen wir oft in seiner Suite, aßen zu Abend, diskutierten. Er ist ein ganz intelligenter Mensch.

Worüber haben Sie denn mit ihm diskutiert?

Über Gott und die Welt. Er war neugierig, zum Beispiel auf die Länder, die er bereist hat. Die Tourneen haben ihn ja auch überall hingeführt: von Brunei bis Berlin, von Neuseeland bis nach Chile. Nur nicht nach Nordamerika, dort wollte er nach der "Thriller"-Tournee nicht mehr spielen.

Hat er Ihnen den Grund dafür anvertraut?

Er hatte seit Mitte der 80er Jahre das Gefühl, dass viele in den USA etwas gegen ihn hätten.

Er ist nach "Thriller", dem erfolgreichsten Pop-Album aller Zeiten, ohnehin komisch geworden, oder?

Es lässt sich nicht bestreiten, dass Michael seit jungen Jahren extravagant ist. Kein Wunder: Er stand schon als Kind ständig auf der Bühne, schlief fast nur in Bussen, Flugzeugen und Hotels.

Er hatte nie Kontakt zu anderen Kindern.

Statt in die Schule zu gehen, hatte er immer nur einen Privatlehrer bei sich. So habe ich ihn auch 1972 vor einem Auftritt mit den Jackson Five in München kennen gelernt. Als ich ihn 1982 während seiner "Thriller"-Tournee wieder traf, lief er oft mit einem Schimpansen an der Hand herum.

Und das hat Sie nicht irritiert?

Nein.

Wissen Sie, warum er später ausgerechnet Sie, einen Deutschen, als Promoter für seine Welt-Tourneen ausgesucht hat?

Ich war wohl gut genug für ihn und offenbar besser als viele Konkurrenten. Das ist eine Ehre, keine Frage. Ich habe jedenfalls, glaube ich, vier oder fünf seiner Manager überlebt.

Wird man als Angestellter eines solch außergewöhnlichen Stars nicht schnell zum Ja-Sager und Abnicker, oder sind Sie ihm auf Augenhöhe begegnet?

Auf Augenhöhe, natürlich. In das Künstlerische habe ich mich allerdings nie eingemischt. Ich habe mich nur ums Geschäftliche gekümmert.

Und wie sah es mit seinem Privatleben aus? Im Zusammenhang mit den Prozessen 1993 und 2004 gegen Jackson wegen angeblichen Kindesmissbrauchs haben Sie in einem Interview gesagt, auch während der Tourneen hätten Kinder in seinen Suites übernachtet.

Er hatte immer Kinder um sich herum.

Sie sagten, Sie hätten ihn deswegen kritisiert, er sei sich aber keiner Schuld bewusst gewesen. Später empfahlen Sie ihm in einem Interview eine Therapie.

Mein Ansatz als Tournee-Veranstalter war damals ganz einfach der: Er sollte sich auf seine Tournee konzentrieren. Wenn zum Beispiel ein Rod Stewart auf Tournee geht und an jedem Tag zu einem Fußballspiel geflogen werden will - was er gerne mal macht - kann man sagen: "Gut, ein-, zweimal ist das ja sehr spaßig." Wenn er so was dann an jedem freien Tag machen möchte, würde ich ihm irgendwann mal sagen: "Hör zu, jetzt konzentriere dich mal auf die Tournee."

Der Vergleich mit Stewarts Fußball-Leidenschaft ist kühn. Wie haben Sie es sich damals erklärt, dass Jackson ständig die Nähe zu Kindern gesucht hat?

Michael Jackson ist doch selbst ein Kind geblieben. Und dass wir uns nicht missverstehen: Ich kann Ihnen nichts darüber sagen, ob er während der Tourneen irgendetwas mit Kindern hatte. Aus dem einfachen Grund, weil auch ich nicht hinter verschlossene Türen blicken kann.

Er ist ja auch nicht verurteilt worden.

Ja, und wenn man auch nichts darüber weiß, sollte man auch nicht irgendetwas behaupten, was man nicht beweisen kann. Ich habe ihm damals nur gesagt: "Konzentriere dich auf die Tournee."

Herr Avram, als Sie 1998 wegen Steuerhinterziehung in einem Münchener Gefängnis saßen, hat Michael Jackson Sie besucht. Empfanden Sie das als Geste der Zuneigung?

Ja, das hat mich sehr bewegt. Eine Ehre, eine Freude, wenn ein Freund in einem schwierigen Moment sagt: "Da gehe ich jetzt hin und stehe ihm zur Seite." Na ja, vor dem Gefängnis stand dann trotzdem wieder eine Menschentraube, Leute, die selbst in dieser Situation nichts anderes von ihm wollten als Autogramme. Er hat ja während der 98er Tournee jedes Konzert mir gewidmet. Überall. "Marcel das ist dein Konzert." Manchmal hat er die Musik gestoppt und gesagt: "Jetzt beten wir gemeinsam." So was vergisst man nicht.

Und wenn er Sie morgen anruft und um Unterstützung bittet: Marcel, ich will wieder auf Tournee gehen...

Selbstverständlich würde ich ihn mit offenen Armen empfangen. Eine Michael-Jackson-Tournee zu organisieren, ist eine Ehre. Aber das wird nicht passieren. Da müssten wir uns wochenlang zusammensetzen, miteinander leben, diskutieren, viel spazieren gehen.

Warum will er das nicht mehr?

Weil er darauf keine Lust mehr hat. Er hat genug von Tourneen, das hat er mir immer wieder gesagt.

Wenn man sich in 50 Jahren an Michael Jackson erinnert, worüber wird man schreiben?

Wir werden uns an beide Gesichter erinnern. Er war ein Pionier, der eine zeitlang die besten und innovativsten Musik-Clips inszenierte. Und er war Angeklagter in Kindesmissbrauchs-Prozessen und bei anderen dummen Sachen. Dennoch wird man sich mal an ihn erinnern wie an Mozart oder Beethoven. Wobei manchen bei Mozart auch zunächst die Mozartkugeln einfallen. Ist das nicht furchtbar?

Interview: Martin Scholz

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