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Verwandte und Freunde der Vermissten erinnern im April 2018 in Mexiko City daran, dass die jungen Männer bereits 43 Monate verschwunden sind.

Interview

Mexiko - „Es gibt ein System der Straffreiheit“

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Der Psychologe Carlos Beristain über die Aufklärung des Schicksals der 43 vermissten Studenten von Ayotzinapa, Mexiko und seine Bemühungen, den Abgrund zwischen Angehörigen und Regierungsvertretern zu überwinden.

Herr Beristain, Mexikos neuer Präsident Andrés Manuel López Obrador hat bei seinem Amtsantritt im vergangenen Dezember versprochen, das Land aus der Gewalt herauszuführen und die katastrophale Menschenrechtslage zu verbessern. Im Fall der im September 2014 verschwundenen 43 Lehramtsstudenten von Ayotzinapa setzte er eine Wahrheitskommission ein. Macht Ihnen das Hoffnung?
Das ist zweifellos ein sehr wichtiges Signal. Die Familien der Opfer warten auf wirkliche Fortschritte. Der Präsident hat auch erklärt, dass er darüber nachdenkt, die internationale Expertengruppe GIEI wieder einzusetzen. Aber über einen ersten Kontakt ist es noch nicht hinausgekommen.

Was genau ist der Unterschied zwischen der Gruppe GIEI, der neben Ihnen vier weitere internationale Experten angehört haben, und einer Wahrheitskommission?
Die Expertengruppe arbeitet aktuelle Verbrechen auf, während die Wahrheitskommission auf einen längeren historischen Prozess zurückblickt. Im Fall Ayotzinapa wurde die GIEI vor allem zum Schutz der Opfer, die in der Tatnacht verletzt wurden, ad hoc eingesetzt. Drei Charakteristika waren neu: Erstens die Zusammenarbeit mit dem Staat bei der Aufarbeitung des Verbrechens, zweitens die Begleitung der Opfer und drittens die Untersuchung der Straftaten.

Noch immer weiß man nicht, was genau mit den 43 Studenten geschah. Zu welchem Ergebnis ist Ihre Expertengruppe, die 2015 und 2016 tagte, gekommen? Und vor allem – was ist daraus geworden?
Konkret haben wir zum Beispiel herausgefunden, dass es einen fünften Bus gab …

Darstellung des mexikanischen Staates zu dem Verbrechen widerlegt

… In den Akten der mexikanischen Generalbundesanwaltschaft wurden stets nur vier und nicht fünf Busse erwähnt, die die Studenten für eine Protestaktion in ihren Besitz gebracht haben sollen.
Richtig. Der fünfte Bus könnte als mögliches Schlüsselelement wichtige Hinweise auf die Motive für die Angriffe auf die Studenten liefern. Wir haben auch aufgedeckt, dass die Studenten nicht auf einer Müllhalde verbrannt wurden, wie zuvor behauptet. Damit konnten wir die Darstellung des mexikanischen Staates widerlegen, der diese als „historische Wahrheit“ proklamiert hatte. Nachdem wir Experten das Land wieder verlassen hatten, wurde ein Mechanismus installiert, um den weiteren Prozess und die Umsetzung unserer Empfehlungen zu beobachten.

Was genau hatten Sie empfohlen?
Vor allem, den Fokus der Ermittlungen auszuweiten, die involvierten Soldaten als Zeugen zu vernehmen und den fünften Bus mit in die Untersuchungen aufzunehmen. Außerdem haben wir verlangt, dass den Vorwürfen der Folter sowie der Behinderung der Justiz und der Manipulation von Beweisstücken nachgegangen wird.

Wurden diese Empfehlungen umgesetzt ?
Größtenteils nicht. Es gab zwar ein paar kleine Fortschritte: So wurden zum Beispiel weitere Polizisten vernommen und zusätzliche Orte untersucht. Das war aber nicht entscheidend. Es kommt jetzt darauf an, was daraus folgt – ob, zum Beispiel, die Expertengruppe erneut zum Einsatz kommt.

Sie haben mit den Angehörigen der Opfer gesprochen, mussten vermitteln zwischen Regierungsinstanzen und Betroffenen. Wie gelingt es, Brücken zu schlagen zwischen ganz unterschiedlichen Wahrnehmungen und Interessen?
Als wir ins Land kamen, war da ein Abgrund zwischen den Familien und dem Staat, dem die Angehörigen vorwarfen, Spuren der Verbrechen vertuscht zu haben. Unser Ziel war es, Raum für einen Dialog zu schaffen. Wir haben erreicht, dass die Opfer erstmals direkt mit der Staatsanwältin gesprochen haben, und auch direkte Gespräche mit dem damaligen Präsidenten Enrique Pena Nieto kamen zustande.

Carlos Beristain, Arzt und Psychologe, kommt aus dem spanischen Baskenland und arbeitet seit 30 Jahren als Ermittler zu Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika.


Wie ist es Ihnen gelungen, die Gräben zu überwinden?
Wir haben uns um das Vertrauen von beiden Seiten bemüht. Unser Mandat zur Betreuung und Begleitung der Opfer war ein entscheidender Türöffner. Weil das beide Seiten wollten, hat es zu einer Annäherung geführt, für die es gewisse Kriterien gab.

Ein Beispiel?
Die Bundespolizei wollte die Familienangehörigen befragen, was diese aber ablehnten, weil sie wegen vorangegangener Vorfälle kein Vertrauen hatten. Wir haben es dann so gemacht, dass wir bei den Aussagen dabei waren, vor allem bei jungen Zeugen.

„Der Schmerz gehört dazu“

Es muss hart sein, sich so intensiv mit den leidvollen Schilderungen der Angehörigen auseinanderzusetzen. Wie gehen Sie damit um?
Der Schmerz gehört dazu – und er ist auch der Grund dafür, warum man weiter macht. Im Moment der größten Krise, als der Staat versucht hat, die Untersuchungen zu blockieren und eine Schmutzkampagne loszutreten, haben uns der Kontakt zu den Angehörigen und deren Leid dazu gebracht, nicht aufzugeben.

Können Sie diese Krise näher beschreiben?
Wir haben in zwei Abschnitten von je sechs Monaten gearbeitet. Die erste Phase verlief relativ gut, in der zweiten dagegen wurden wir aktiv behindert. Praktisch unter unseren Augen wurden Beweise gefälscht und Gutachten manipuliert. Zeitgleich gab es eine Kampagne in den Medien gegen uns. Einmal untersuchten drei von uns sowie drei Experten der Generalbundesstaatsanwaltschaft parallel einen bestimmten Aspekt. Danach legten die von der Generalbundesstaatsanwaltschaft einen fünfseitigen Bericht vor, der gegen alle Abmachungen verstieß, die wir vorher getroffen hatten. Es wurden darin Rückschlüsse gezogen, die jegliche forensische Arbeit relativierten. Diese Folgerungen wurden dann über Medien verbreitet, um zu beweisen, dass 17 Studenten auf der Müllhalde verbrannt worden seien – eine glatte Lüge. Ein anderes Detail: Wir arbeiteten zusammen mit der Generalbundesstaatsanwaltschaft an einem Bericht und hatten verabredet, damit gemeinsam an die Öffentlichkeit zu gehen. Dann hörten wir plötzlich, dass ein Vertreter dieser Generalbundesstaatsanwaltschaft schon eine Pressekonferenz gegeben hatte. Es war unglaublich.

Das alles ist einige Jahre her, man weiß immer noch nicht, was wirklich passiert ist; das Verbrechen an den Studenten ist ungesühnt. Das muss doch für Sie eine riesige Enttäuschung sein?
Natürlich. Es heißt ja: In dem Maß, in dem die Zeit verrinnt, entfernt sich die Wahrheit. Es gibt so viel zu tun. Das zentrale Element, das untersucht werden muss, ist die Straffreiheit – nicht nur in diesem Fall.

System der Straffreiheit in Mexiko aufgedeckt

Sie sprechen von dem Zustand, dass eine Tat, die eigentlich bestraft werden müsste, ungestraft bleibt.
Ja. Wir haben aufdecken können, dass es in Mexiko ein System der Straffreiheit gibt. Von außen betrachtet, wird es zunächst nicht wahrgenommen, aber es ist das Ergebnis eines historischen Prozesses. Wie genau dieses System funktioniert, müssen wir noch verdeutlichen. Wir haben aber in unserem zweiten Bericht einen Plan ausgearbeitet, wie man gegen diese Straffreiheit vorgehen müsste.

Und zwar wie?
Zum Beispiel haben wir aufzeigen können, dass die Fragmentierung im Fall Ayotzinapa ein Element ist, das zu Straffreiheit führt.

Mit Fragmentierung meinen Sie die Zuweisung einzelner juristischer Untersuchungen an überall im Land verstreute unterschiedliche Staatsanwaltschaften.
Richtig. Es gibt insgesamt in diesem Fall 43 Verschwundene, sechs Tote, einen Gefolterten und 80 Verletzte. Die Fälle der Verschwundenen werden im Bundesstaat Tamaulipas an der Grenze zu den USA untersucht, von dem das Washingtoner Innenministerium sagt, dort herrschten die Zetas …

… die kriminelle Vereinigung Los Zetas.
Genau. Dazu kommt, dass das sehr weit weg ist; die Angehörigen der Opfer kommen da nicht hin. Die sechs Todesfälle werden dagegen in Guerrero untersucht. Und der Fall von Folter wurde zunächst komplett bezweifelt, obwohl der Körper des Opfers 30 Verletzungen aufwies. Der Rest wurde überhaupt nicht untersucht. Der Staatsanwalt, mit dem wir zusammengearbeitet haben, muss die Beweise also an zahlreiche andere Staatsanwälte weitergeben, was zu dieser Fragmentierung führt: Für die einen ist das Material zugänglich, für andere nicht. Formal wird alles richtig gemacht; das verschleiert aber, was wirklich passiert. Als wir 2015 nach Mexiko kamen, wurden uns 80 Bände mit Dokumentationsmaterial von Untersuchungen übergeben. Darin kam der fünfte Bus nicht mit einer Silbe vor. Es ist wie im Film.

Fall Ayotzinapa repräsentativ für Mexiko

Woher nehmen Sie die Motivation, immer weiter zu machen?
Es ist vor allem der Austausch mit den Familienangehörigen. Außerdem ist der Fall Ayotzinapa mit all seinen Schwierigkeiten ungemein repräsentativ für Mexiko. Bei unseren ersten Treffen mit den Angehörigen damals, bei denen auch Wissenschaftler und Journalisten dabei waren, wurde uns immer wieder gesagt: Ihr werdet das nicht schaffen. Es gibt in der Gesellschaft eine angelernte Ohnmacht, die einen glauben lässt, dass man nichts machen kann. Aber unsere Expertengruppe hat genau das Gegenteil bewiesen – dass es trotz der großen Hindernisse möglich ist, etwas zu erreichen. Das hat vielen Menschen im Land Hoffnung gegeben.

Interview: Sabine Hamacher

Zur Person

Carlos Beristain, Arzt und Psychologe, kommt aus dem spanischen Baskenland und arbeitet seit 30 Jahren als Ermittler zu Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika. Nach dem Verschwinden von 43 Lehramtsstudenten 2014 in Mexiko wurde er in die unabhängige Expertengruppe GIEI berufen, die den Fall auf Initiative der Interamerikanischen Kommission für Menschenrechte aufklären sollte.

Die Fachleute veröffentlichten 2015 und 2016 zwei Berichte mit bahnbrechenden Erkenntnissen, die den Fall in neuem Licht zeigten. Aktuell gehört Beristain, der Mitglied zahlreicher internationaler Untersuchungsgremien war und viele Bücher veröffentlicht hat, der Wahrheitskommission zu Kolumbien an. Mitte Juni sprach er auf dem Kongress „Geographien der Gewalt. Macht und Gegenmacht in Lateinamerika“ in Frankfurt.

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