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Meteorologe Terli zur Klimakrise: „Wir Menschen sind eine Macht, die den Planeten verändert“

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Von: Ruth Herberg

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„Es ist vielleicht nicht immer eine Katastrophe in Deutschland, aber in anderen Ländern ist es bereits eine“, sagt Özden Terli darüber, wie manche die Klimakrise verdrängen. Im globalen Süden, im Bild Kenias Nakurusee, sind die Folgen sichtbarer.
„Es ist vielleicht nicht immer eine Katastrophe in Deutschland, aber in anderen Ländern ist es bereits eine“, sagt Özden Terli darüber, wie manche die Klimakrise verdrängen. Im globalen Süden, im Bild Kenias Nakurusee, sind die Folgen sichtbarer. © Imago

ZDF-Meteorologe Özden Terli über das Leben in der Klimakrise, seine Auseinandersetzungen auf Twitter und die Möglichkeit, im eigenen Umfeld Einfluss zu nehmen.

Herr Terli, Sie haben kürzlich in einem Interview gesagt, dass Sie bei Ihren Vorhersagen nicht mehr von „schönem Wetter“ sprechen, wenn es wochenlang sonnig, trocken und heiß ist, weil das unter Klimagesichtspunkten kein schönes Wetter ist. Wie waren die Reaktionen darauf?

Bei Twitter hat es ziemlich Wellen geschlagen, was ich so nicht erwartet hatte. Es gab eine richtige Kampagne gegen mich. Wenn man sich mit dem Thema sachlich auseinandersetzt, ist das in Ordnung. Aber wenn jemand in dem Zusammenhang Wissenschaft mit Religion vergleicht, dann ist das ein absolutes No-Go. Dann ist es unsere Pflicht als Experten, dass wir dagegenhalten. Wir können uns nicht gefallen lassen, dass wissenschaftliche Fakten weichgekocht werden, denn das trifft auch die Demokratie ins Herz.

Twitter ist die eine Seite. Die andere Seite sind Zuschauer:innen, Menschen, die Sie auf der Straße ansprechen. Wie haben die darauf reagiert?

In der Realität sieht es anders aus. Das Feedback ist überwiegend positiv, und wir brauchen mehr Aufklärung – das ist es, was ich höre. Und fast immer ein wohlwollendes „Weiter so“. Die Auseinandersetzungen auf Twitter führe ich nicht für mich, sondern ich mache das für andere, damit die sehen, dass es Gegenwind gibt, wenn man Klimafakten leugnet und Zusammenhänge verzerrt. Wenn die Nasa-Daten zeigen, dass seit den 80er Jahren die Sommer extrem warm geworden sind, dann steht das für sich.

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Vor allem bei Twitter treten Sie schon seit einigen Jahren sehr energisch für mehr Klimaschutz ein. Wie kam es dazu?

Interesse an dem Thema hatte ich schon immer. Ich habe beispielsweise meine Diplomarbeit am Alfred-Wegener-Institut (Helmholtz-Zentrum für Polar- und Meeresforschung in Bremerhaven, d. Red.) gemacht, die Auseinandersetzung mit der Klimakrise ist dabei Programm. Ich habe mich immer weiter informiert, wissenschaftliche Paper gelesen, mich mit Wissenschaftlern getroffen und dann hat das eine das andere ergeben. Auch in meinen Sendungen habe ich dann mehr dazu gemacht. Als das ins Rollen kam, wurde auch die Aufmerksamkeit auf Twitter größer. Ich hätte nie gedacht, dass diese Aufmerksamkeit so negativ wird. Ich war ein bisschen naiv und dachte, ich zeige eine Klimagrafik genauso, wie ich Wetterkarten mit Tiefs und Hochs zeige. Aber das war eine andere Dimension. Plötzlich hieß es, das sei politisch. Und ich dachte: Was ist denn daran politisch? Das ist eine Klimakarte. Aber die ersten Shitstorms und Negativartikel kamen schnell.

Wie gehen Sie damit um?

Mittlerweile macht mir das nichts mehr aus, ich spiele damit. Manchmal macht es sogar Spaß, die Ahnungslosigkeit von wem auch immer vorzuführen und zu zeigen, dass das, was da erzählt wird, so nicht stimmt. Ich habe jedenfalls keine Lust mehr, auf Twitter zum hunderttausendsten Mal zu erklären, inwiefern sich die Temperaturen oder der CO2-Anteil in der Atmosphäre verändern. Das ist mittlerweile Allgemeinwissen.

Ihrer Beobachtung nach ist das Bewusstsein für die Klimakrise zumindest bei einigen Menschen gewachsen – und damit vermutlich auch der Wunsch, etwas dagegen zu tun. Warum tun wir das dann nicht?

Unsere Regierung tut ja etwas. Aber dieses „etwas tun“ reicht nicht. Die Klimakrise ist ein extremes globales Problem, und das soll der Einzelne lösen? Das funktioniert nicht. Es braucht stattdessen neue Regeln dafür, und diese Regeln bedeuten Gesetze. Wir brauchen großskaliges Wirken. Stattdessen gibt es so unglaublich viele Nebendebatten und Nebelkerzen, bei denen man sich fragt: Warum beschäftigt ihr euch damit?

An was denken Sie da?

Zum Beispiel an die jüngste Debatte über die Atomkraft. Atomkraft trägt ein paar Prozent zur Stromerzeugung bei, und wir haben Monate damit verbracht, darüber zu diskutieren. Wie viel Zeit haben wir damit verloren? Die restliche Zeit, die wir haben, ist Goldstaub. Dafür habe ich kein Verständnis, niemand in der Wissenschaft hat das. Ich war kürzlich auf einer Veranstaltung, auf der viele Wissenschaftler waren. Alle fragen sich: Wie soll das weitergehen? Wir brauchen einen globalen CO2-Preis, aber die Regierungen der Staaten ziehen nicht an einem Strang, zumindest nicht so, wie sie müssten, um aus den fossilen Energieträgern auszusteigen. Aber das passiert nicht. Und das ist schwer auszuhalten, denn wir wissen, wie die Erhitzung weiterhin unsere Lebensgrundlage schädigt und gefährdet.

Zur Person

Özden Terli, geboren 1971, ist seit 2013 Redakteur und Moderator in der ZDF-Wetterredaktion. In seinen Sendungen thematisiert er regelmäßig die Klimakrise; für dieses Engagement ehrte ihn die Deutsche Umwelthilfe 2021 mit dem Umweltmedienpreis in der Kategorie Fernsehen. Bei Twitter ist er unter @TerliWetter zu finden. thh

Özden Terli.
Özden Terli. © Torsten Silz/ZDF

Müssten wir Medien, aber auch Ihre Kolleg:innen aus der Wissenschaft noch stärker berichten, noch lauter Alarm schlagen? Oder glauben Sie, das würde bei den Menschen eher eine Abwehrreaktion auslösen?

Warum stellen wir diese Frage bei der Klimakrise, aber nicht bei anderen Themen? Bei Corona hat das niemand gefragt, dabei wurde zwei Jahre lang tagein, tagaus darüber gesprochen. Beim Ukraine-Krieg fragt auch keiner, ob die permanente Berichterstattung die Leute müde macht. Warum sollten die Menschen dann müde werden, wenn es um die Klimakrise geht, eine Sache, die unsere Lebensgrundlagen existenziell bedroht? Ich glaube nicht, dass das passiert. Stattdessen würde ich sagen: Macht doch einfach Alarm, berichtet doch mehr darüber. Wenn das alle Medien machen, dann entkommen die Leute nicht mehr.

Lassen Sie uns noch zu einem weiteren Aspekt kommen: dem Zusammenhang zwischen Wetter und Klima. Einerseits haben vor allem wegen der vielen Extremwetterereignisse allein in den vergangenen beiden Jahren vermutlich sehr viele Menschen gemerkt: Okay, da passiert etwas. Andererseits ist es zum Teil sehr schwierig, genau zu sagen, wie viel Klimakrise in einzelnen Phänomenen steckt. Wie viel Raum braucht diese Differenzierung?

Für die Ahrtalfluten zum Beispiel hat die Gruppe um die Attributionsforscherin Friederike Otto gezeigt, dass dieses Ereignis in dieser Form nicht ohne den Einfluss des Klimawandels möglich gewesen wäre. Man kann also feststellen, wie groß der Einfluss des Klimawandels ist, aber das geht nicht bei jedem Extremwetterereignis, dafür braucht es bestimmte Gegebenheiten. Generell leben wir aber ja schon mitten in einer Klimakrise. Wir leben in einer Atmosphäre, deren physikalische Parameter verändert sind. In dieser Klimakrise ist das Wetter nicht mehr so, wie es früher mal war. Natürlich hat nicht jede Nebelbank mit der Klimakrise zu tun. Aber bei diesen großskaligen Veränderungen, etwa einer wochenlangen Dürre, permanent fallenden Temperaturrekorden oder der zunehmenden Anzahl von Hitzetagen ist es klar: Da stimmt etwas nicht. 40 Grad in Mitteleuropa sind einfach anormal. Da sind meteorologische Zutaten notwendig, die extrem sind. Die Atmosphäre da draußen ist eine andere als früher. Wir Menschen sind eine geologische Macht, die den Planeten verändert.

Das scheint trotz all der Warnzeichen noch nicht bei allen Menschen angekommen zu sein. Hat das auch damit zu tun, dass Medien immer wieder fragen, wie viel Klimakrise im Wetter steckt?

Ja, auf jeden Fall. Aber diese Frage ist einfach nicht mehr zeitgemäß. Wir sind mitten in der Klimakrise, und die Frage muss man nicht mehr stellen. Es ist ja auch nicht so, dass wir jetzt ein „neues“ Klima haben und wir damit einen Status quo erreicht haben, der sich nicht mehr ändert. Im Gegenteil. Das haben viele Menschen, aber schlimmer Politiker noch nicht begriffen: Die Erhitzung setzt sich weiter fort und der Treiber sind wir. Und auch Klimaanpassungen sind nur begrenzt möglich. Die Klimakrise wird immer so dargestellt, als käme sie noch. Und deswegen dürfe man nicht von Klimakatastrophe sprechen, weil das viel zu krass sei. Es ist vielleicht nicht immer eine Katastrophe in Deutschland, aber in anderen Ländern ist es bereits eine. Bestimmte Politiker haben eine sehr, sehr naive Vorstellung davon, was gerade passiert.

Was gibt Ihnen Hoffnung, dass wir es doch noch schaffen, den Planeten zu retten, damit wir Menschen, auch in anderen Regionen der Welt, noch einigermaßen darauf leben können?

Das ist gar nicht mehr möglich, es sterben ja schon Menschen wegen der Klimakrise. Wir haben die Schwelle, ab der der Wandel schädlich ist, schon überschritten. Hoffnung ist Luxus. Ich habe keine Hoffnung. Ich sehe das realistisch, und der realistische Pfad ist, dass wir die Ziele verfehlen. Die Projektionen und Berechnungen sehen die Erwärmung, auf die wir zusteuern, wenn alles läuft wie bisher, irgendwo zwischen 2,1 und knapp über 3 Grad. Die Frage ist, wie wir es schaffen, nicht komplett zu verzweifeln.

Und wie schaffen wir das?

Jeder Einzelne muss sich in seinem speziellen Bereich engagieren. Wir sind alle Multiplikatoren in einem bestimmten Bereich. Mich interessiert zum Beispiel nicht, wie der Manager eines Großkonzerns in sein Büro fährt. Ich möchte wissen, was er in seinem Wirkkreis, was er in seinem Unternehmen macht. Er kann meinetwegen einen SUV fahren, wenn er dafür sein Unternehmen so führt, dass sein Unternehmen massiv Treibhausgase einspart. Damit können wir vielleicht ein bisschen Zeit gewinnen, und vielleicht hilft es jedem Einzelnen auch psychologisch: Wenn man einen Weg findet sich damit auseinanderzusetzen, verdrängt man es nicht. Ob wir es am Ende schaffen, also die Erhitzung unter Kontrolle bekommen, liegt in unserer Hand.

Interview: Ruth Herberg

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