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Das Bild ist Teil des Fotoprojekts "Deportiertensuche vor Ort", das der Fotograf Peter Liedtke aus Herne entwickelt hat. Dafür projizierte er Motive aus Auschwitz auf ehemalige jüdische Geschäftshäuser in Gelsenkirchen, Weimar, Halle und Potsdam. Am jeweiligen Ort wurden diese Motive im Wechsel mit den Dokumenten zur lokalen Diskriminierung und Deportation gezeigt.Information: www.fotodesignliedtke.de

Metapher der Katastrophe

Antifaschistische Selbstversicherung oder grenzenlos guter Wille: Wie DDR und BRD mit den NS-Verbrechen umgegangen sindOst-Berlin schweigt. Das kannte man ja gar nicht anders. Ost-Berlin schweigt an diesen Jahrestagen doch eigentlich immer. Schließlich hatte Ost-Berlin nie ein Problem damit, das ideelle Fundament des eigenen Seins zu markieren. Antifaschistisch eben, gegen das Monopolkapital.

Von MATTHIAS ARNING

Ost-Berlin schweigt. Das kannte man ja gar nicht anders. Ost-Berlin schweigt an diesen Jahrestagen doch eigentlich immer. Schließlich hatte Ost-Berlin nie ein Problem damit, das ideelle Fundament des eigenen Seins zu markieren. Antifaschistisch eben, gegen das Monopolkapital. Gehörte für Ost-Berlin zusammen, der Thyssen und der Hitler.

Doch an diesem Montag im Januar des Jahres 1979 schweigt nicht ganz Ost-Berlin. Die dort erscheinende Berliner Zeitung druckt auf Seite eins eine Meldung, die die staatliche Nachrichtenagentur ADN verbreitet hat. In dem Bericht ist die Rede davon, dass sich an diesem 27. Januar inzwischen zum 34. Mal die Befreiung der Überlebenden des nationalsozialistischen Vernichtungslagers Auschwitz jährt.

Die Zeitung und ADN hatten das als eine Art Hilfestellung gedacht. Weil viele Leser sicherlich die Serie gesehen hatten, die die Vernichtungspolitik der Nazis als eine Familiengeschichte erzählte. "Holocaust". Die Geschichte der Familie Weiss. Eine Produktion aus den USA. Vier Abende im öffentlich-rechtlichen Fernsehen der "BRD", jeweils zwei Stunden, Einschaltquoten, allein im Westen, um 41 Prozent. Sensationell. Seitdem heißt der Holocaust in Deutschland Holocaust.

Im Westen wird das Ringen um geschichtspolitische Impulse stets öffentlich ausgetragen: In Parlamenten, Feuilletons, Hörsälen und bei Preisverleihungen streiten alte Nazis und junge Studenten, Ewiggestrige und Radikalgegenwärtige, jene, die die Vergangenheit allein als Last begreifen, und jene, die Vergangenheit als Verantwortung verstehen. Das ändert sich erst Mitte der 90er Jahre mit den vielleicht letzten großen Streitigkeiten um die Verbrechen der Wehrmacht und den vom US-Historiker Daniel Goldhagen behaupteten "eliminatorischen Antisemitismus" der Deutschen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Inzwischen gedenkt das Kollektiv seine Erinnerungsbemühungen vor allem dem Holocaust-Mahnmal in Berlin zu überantworten, damit im individuellen Gedächtnis mehr Platz für das eigene Schicksal bleibt. Mit der Folge, dass man sich vor Trümmerfrauen und Kriegskindern kaum mehr retten kann.

Doch bis mit "Holocaust" ein gängiger Begriff für die nationalsozialistische Vernichtungspolitik gefunden war, hatte Ost-Berlin allenfalls Hohn und Spott übrig für die Diskussionen, die immer dann anhoben, wenn der Westen der Geschichte ins Gesicht blickte. Das war auch Ende 1963 nicht anders. Nach dem Prozess in Polen gegen Rudolf Höss, den früheren Kommandanten von Auschwitz, dem Ulmer Einsatzgruppenprozess und der Verurteilung Adolf Eichmanns in Jerusalem 1961 stand der Nationalsozialismus ein weiteres Mal vor Gericht. Das Strafverfahren gegen "Mulka und andere". Ost-Berlin schickte Karl Kaul, einen Juristen, Vertreter der Nebenklage. Kaul nutzte seinen Auftritt in Frankfurt am Main im Namen des Antifaschismus und knöpfte sich weniger das Personal des Konzentrationslagers als vielmehr die Manager der IG Farben vor. Die Vertreter des Monopolkapitals, sozusagen, ohne die die Nazis doch nichts gewesen wären.

Der Auschwitz-Prozess markierte im Westen eine tiefgreifende Zäsur. Konkrete Taten, konkrete Täter, und mitunter von den Tätern verhöhnte Opfer, die endlich öffentlich Zeugnis ablegen konnten. Hermann Langbein etwa. Ein Chronist des Auschwitz-Prozesses, selbst Überlebender, der wohl deshalb überlebte, weil er sich in Auschwitz vorgenommen hatte zu überleben, um Zeugnis abzulegen: "Ich hatte den festen Eindruck gefasst, nicht freiwillig in den Tod zu gehen, was auch immer geschehen möge. Ich wollte alles sehen, alles durchmachen, alles erfahren, alles in mir aufnehmen. Zu welchem Zweck, wenn ich doch niemals Gelegenheit finden sollte, der Welt das Ergebnis meiner Entdeckungen entgegenzuschreien? Einfach deshalb, weil ich mich nicht ausschalten wollte, nicht den Zeugen ausschalten, der ich sein konnte."

Langbeins Generation verschwindet. Sie legte Zeugnis ab und sorgte dafür, dass Auschwitz heute, wie der Historiker Peter Reichel anmerkt, "exemplarisch für das menschenverachtende nationalsozialistische System von Zwangsarbeit und Völkermord, medizinischen Versuchen und Verwertung des Vermögens sowie der körperlichen Überreste der Ermordeten steht".

Die Welt erfuhr erstmals 1942 von der Existenz des Lagers. Im Unterhaus kam der britische Außenminister Anthony Eden auf "die bestialische Politik" der Nationalsozialisten zu sprechen. Im Oktober 1943 lag der Moskauer Außenministerkonferenz Material vor, das beweist, dass es beim Feldzug der Deutschen im Osten Massenexekutionen gegeben hat.

Das wirkliche Ausmaß der Vernichtungspolitik jedoch verdeutlichte erst der Nürnberger Kriegsverbrecherprozess. Chefankläger Robert H. Jackson eröffnete am 14. November 1945 das Verfahren gegen 24 Angeklagte mit dem Hinweis auf die Singularität des Verbrechens: "Die Geschichte berichtet von keinem Verbrechen, das sich jemals gegen so viele Opfer gerichtet hat oder mit solch einer berechnenden Grausamkeit begangen worden ist."

Nach dem Frankfurter Strafverfahren gehört "Auschwitz" zum Wortschatz der Deutschen. Allmählich wird der Name zu einer Metapher für die Menschheitskatastrophe im 20. Jahrhundert. Zumindest im Westen, weniger im Osten, der sich mittels des Antifaschismus seiner selbst versichert. Die andere Republik hingegen tut sich schwer. Es ging darum, alles zu vermeiden, was Unrecht sein könnte. Nie wieder. Nie wieder sollte geschehen, was in diesen "zwölf ewigen Jahren" (Dan Diner) geschehen war.

Deswegen ist Mitte der 60er Jahre, wie Joachim Kaiser zur "Ermittlung" von Peter Weiss anmerkt, "der gute Wille grenzenlos". 13 Häuser wollen noch im Oktober 1965 das Dokumentationsstück, für Kaiser "Auschwitz-Theater", auf die Bühne bringen. Dabei gibt er zu bedenken, Auschwitz sei real gewesen, keine Fiktion, der Zuschauer aber diesen Eindruck haben könnte: "Wird da nicht der unselige, aber typisch deutsche Versuch gemacht, auf dem Theater Ersatzentscheidungen herbeizuführen, während man sich um reale Sinnesänderungen herumdrückt? Ist die Uraufführungsorgie nicht ihrerseits ein Zeichen von Beflissenheit, Trägheit und falschem Eifer?"

Eine Debatte hebt an, wie später die Auseinandersetzungen um Martin Walsers Paulskirchenrede bei der Entgegennahme des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels, gezeichnet von Unsicherheiten und Rückversicherungen, man wolle den Holocaust nicht in Frage stellen, müsse aber doch mal die Frage aufwerfen … Wie so oft in diesem Nachkriegsdeutschland, von dem man heute sagt, es habe Auschwitz als Verantwortung für die Zukunft angenommen, dem man bescheinigt, demokratisch geläutert zu sein, dem der Historiker Goldhagen Mitte der 90er Jahre attestiert, in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Lernprozess durchlaufen zu haben.

Zu diesem Ansehen trug die materielle Entschädigung bei, die nie so heißen durfte. Wenn sie auch 1952 im Bundestag nur unter Protest in Gang gesetzt wurde und ohne die Zustimmung der oppositionellen SPD-Fraktion nicht zustande gekommen wäre. Doch selbst wenn viele Opfer von diesen Regelungen nach dem Bundesentschädigungsgesetz ausgenommen wurden und frühere NS-Zwangsarbeiter, die etwa für die IG Farben in Auschwitz hatten schuften müssen, bis vor wenigen Jahren gänzlich ausgegrenzt blieben - in der Systemkonkurrenz mit der DDR konnte sich die BRD sehen lassen. Der Staat Erich Honeckers zog erst in seiner Schlussphase überhaupt so etwas in Erwägung, weil man sich bei den US-Amerikanern anbiedern wollte, um den drohenden Konkurs noch abzuwenden.

Wenn es um Auschwitz geht, erlebt der Bundestag glänzende Stunden engagierter Rhetorik und einnehmender Gefühle. Etwa in den Debatten um eine Verlängerung der Verjährungsfrist, die 1965 unter dem Eindruck des Auschwitz-Prozesses und des Jerusalemer Verfahrens gegen Eichmann einsetzt. "Ich weiß mich mit in der Schuld, denn sehen Sie, ich bin nicht auf die Straße gegangen und habe geschrien, als ich sah, dass die Juden aus unserer Mitte lastkraftwagenweise abtransportiert wurden. Ich habe mir nicht den gelben Stern umgemacht und gesagt: Ich auch!", bekennt dabei etwa der SPD-Abgeordnete Adolf Arndt. Und setzt hinzu: "Es geht darum, dass wir dem Gebirge an Schuld und Unheil, das hinter uns liegt, nicht den Rücken kehren."

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