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War selbst mal Geheimdienstler: Präsident Putin.

Russland

Merkwürdige Reisen eifriger Agenten

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Der TV-Auftritt der russischen Verdächtigen im Vergiftungsfall Skripal geriet zum Reinfall. Auch die Schweiz protestiert gegen „illegale“ Aktivitäten Moskaus.

Am 3. März sei der Schneefall zu heftig gewesen, um überhaupt irgendwohin zu kommen, beklagt sich Petrow. Die Eisenbahn habe nicht gearbeitet, auch die Straßen seien gesperrt worden, schimpft Boschirow. „Es gab keinen Verkehr mehr.“ Trotzdem fuhren die Zwei an diesem Tag mit der S-Bahn bis Salisbury, um sich die Kathedrale dort anzuschauen. „Aber die Stadt war ein einziger Brei“, ärgert sich Petrow. „Wir holten uns nasse Füße, kehrten zum Bahnhof zurück, verbrachten dort 40 Minuten im Café und fuhren wieder nach London.“

Die S-Bahnreise der so wenig schneefesten Russen durch den englischen Verkehrskollaps ist einer der vielen Widersprüche, in die sich die Männer mit den Namen Alexander Petrow und Ruslan Boschirow verwickelt haben. Die Hauptverdächtigen im Fall Skripal waren am Donnerstag im Staatssender Russia Today (RT) aufgetreten, um zu widerlegen, dass sie als Agenten des Militärgeheimdienstes GRU am Giftanschlag auf den ehemaligen russischen Doppelagenten Sergei Skripal und seine Tochter beteiligt waren. Aber jetzt lacht ganz Russland über das, was dabei heraus kam. Der Eifer seiner Agenten beschert Russlands Image einigen Schaden. Jetzt fordert auch die Schweiz Moskau offiziell auf, seine Spionagetätigkeit in der Alpenrepublik einzustellen.

Laut den britischen Ermittlern erkundeten Boschirow und Petrow am 3. März in Salisbury die Nachbarschaft ihres Opfers Skripal und kehrten am 4. März zurück, um das Nervengift Nowitschok auf die Türklinge seines Hauses zu sprühen.

Gegenüber RT versicherten beide, der Schneematsch habe sie daran gehindert, die gotische Kathedrale von Salisbury zu besuchen, die sei ja 123 Meter hoch und dort ticke die älteste Uhr der Welt. Deshalb seien sie am 4. März noch einmal hingefahren. „Sie sind also nach Salisbury gefahren, um sich eine Uhr anzusehen?“, selbst Margarita Simonjan, die Chefredakteurin des sehr oft propagandistischen RT konnte sich das Grinsen kaum verkneifen.

Boschirow und Petrow, die sich als „Mittelklasseunternehmer“ in Sache Sportnahrung und Fitnesskonsulting vorstellten, sagten, man sei eigentlich nur nach London gekommen, um „einen drauf zu machen“, für einen Tag. „Einen draufmachen heißt also auf russisch, sich einen 123-Meter-Kirchturm anzuschauen“, spottet der Blogger Andrei Schari. Und das Portal Fontanka verweist darauf, dass das Paar erst für den 4. März Rückflüge buchte, dafür aber gleich einen Abend- und einen Nachtflug. Die britische Recherche-Gruppe Bellingcat sowie die russischen Portale The Insider und Projekt veröffentlichten Kopien der russischen Akten für die 2009 und 2010 ausgestellten Reisepässe Boschirows und Petrows – abgestempelt mit dem Vermerk „keine Angaben gestattet“. Die Journalisten gehen davon aus, dass der Geheimdienst die Pässe bestellte.

Sogar die linientreue Zeitung Moskowski Komsomoljez verspottet die mutmaßlichen Agenten, die nach eigenen Angaben aus Sparsamkeit in Doppelzimmern abstiegen, als „Gefechtsschwule“. Und zitiert einen anonymen GRU-Veteranen, der ihre Behauptungen gegenüber RT als „Quatsch, dazu noch schlecht ausgedacht“ bezeichnet. Das russische Internet aber diskutiert die britische Presseversion, der Kreml habe die beiden Agenten auf Betreiben des Inlandsgeheimdiensts FSB zum TV-Auftritt gezwungen, als Strafe für ihr Versagen und die Dreistigkeit ihrer Vorgesetzten.

Russland gerät auch außenpolitisch vermehrt unter Druck. Selbst die Schweiz, gegenüber Moskau traditionell eher diskret, kündigte jetzt verschärfte Kontrollen bei der Akkredierungen russischer Diplomaten an. Das eidgenössische Außenministerium forderte Russland auf, „seine illegalen Tätigkeiten“ im Land einzustellen. Vergangene Woche nahmen die Niederlande zwei Russen fest, sie sollen einen Angriff gegen das Schweizer ABC-Abwehrlabor in Spiez geplant haben. Dieses hatte zuvor den gegen Skripal eingesetzten Giftstoff untersucht und dabei die britische Annahme bestätigt, es handele sich um das in der Sowjetunion entwickelte Nervengift Nowitschok.

Vor dem Mordanschlag in Salisbury besuchten Boschirow und Petrow auch sechsmal Genf. The Telegraph schreibt unter Berufung auf eine Regierungsquelle, sie seien dort gewesen, während im dortigen UN-Büro über Syrien verhandelt wurde. Boschirow aber gibt sich gegenüber Russia Today wieder touristisch: „Nach Genf fliegen ist normal. Das bedeutet nicht, … das ist der kürzeste Weg, um zum Mont Blanc zu kommen.“

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