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Bekanntes Ritual: Jedes Jahr im Sommer tritt die Kanzlerin vor die Hauptstadtpresse.

Sommerpressekonferenz

Bei drei Themen setzt Merkel Akzente

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Angela Merkel nutzt ihre Sommerpressekonferenz für einen Affront gegen Donald Trump.

Den einen, großen Moment wählt Angela Merkel immer selbst. Fast 90 Minuten bohrten die Hauptstadtjournalisten, es ging um Klimapolitik und Steuern, um die SPD und den Verfassungsschutz, um Brüssel, Polen und den Westbalkan, doch die Kanzlerin parierte routiniert. Aber als es „Eine letzte Frage noch!“ hieß, da bahnte er sich an, der Moment der diesjährigen Sommerpressekonferenz.

„Fühlen Sie Solidarität mit den Kongressabgeordneten, die US-Präsident Donald Trump angegriffen hat?“, fragte ein Reporter. „Ja“, sagte Merkel, kurz und klar. Und dann holte sie noch einmal aus. „Ich distanziere mich davon entschieden und fühle mich solidarisch mit den attackierten Frauen.“ Es war ein bemerkenswerter Schlusspunkt, eine Distanzierung, die härter ausfiel als sie musste. Und wer in dem Moment genau auf Merkels Sprecher Steffen Seibert achtete, der sah einen etwas ernster, weniger entspannt blickenden Regierungssprecher, einen, der womöglich dachte: Eigentlich ist alles so gut gelaufen bisher – jetzt werden meine Telefone nicht stillstehen.

Kein Wohlverhalten gegenüber Trump mehr

Gut eineinhalb Stunden zuvor halten Merkels schwarze Limousinen vor dem Haus der Bundespressekonferenz. Die Glastüren öffnen sich, die Kameras klackern. Berlin, dieser Freitag, Sommer, Zeit für Rituale. Seit 14 Jahren besucht Merkel (fast) jedes Jahr vor ihrem Urlaub die Bundespressekonferenz und stellt sich den Fragen der Hauptstadtpresse.

Es hat also etwas Gewöhnliches – und doch ist immer wieder alles anders. In diesem Jahr ist plötzlich eine Kanzlerin zu beobachten, die in drei Themen Akzente setzt, die sie lange nicht übermäßig betonte: Frauen, Osten – und das transatlantische Verhältnis.

Dabei kommt nicht von ungefähr, dass Merkel sich Donald Trump und dessen rassistische Angriffe auf vier dunkelhäutige US-Kongressabgeordnete besonders vornahm. Merkel kann mit Trumps Art nicht viel anfangen, sie sind die zwei Pole der politischen Arbeit: Auf der einen Seite der hyper-impulsive US-Präsident, auf der anderen die analytische Merkel. Doch während Merkel ihre Kritik bei den gemeinsamen Auftritten mit dem US-Präsidenten lediglich durch leichtes Augenrollen zu erkennen gibt, scheint in der Endphase ihrer Kanzlerschaft eine regelrechte Befreiung eingetreten zu sein.

Merkel hat sich damit abgefunden, in der Zusammenarbeit mit Trump nur noch größere Schäden verhindern, aber nichts wirklich Substanzielles erreichen zu können. Warum also nicht ostentativ mit denen solidarisieren, die der US-Präsident gerade angegriffen hat. Merkel jedenfalls schien an diesem Freitagmittag nach ihren Worten selbstzufrieden. Sie wollte es genau so sagen.

Gelungene Woche für die Kanzlerin

Merkel wirkte befreit nach einer Woche, in der ihr einiges gelungen war: Nach langen Kämpfen hat das Europaparlament Ursula von der Leyen zur Kommissionspräsidentin gewählt, ihre Nachfolgerin im Verteidigungsministerium ist Annegret Kramp-Karrenbauer. Zwei ihrer engsten Wegbegleiterinnen hat sie damit befördert, einen Schritt gemacht, ihre Nachfolge mitzubestimmen. Und nebenbei hat sie eines der mächtigsten Bilder dieses Jahres geschaffen: Merkel, von der Leyen, Kramp-Karrenbauer – nebeneinandersitzend im Schloss Bellevue. Die Würde der weiblichen Macht hätte kaum deutlicher werden können als in dieser Konstellation. „Annegret Kramp-Karrenbauer ist Parteivorsitzende und ist damit natürlich in einer wichtigen und auch entscheidenden Position. Das ist ja gar keine Frage“, lobt sie die neue Verteidigungsministerin an diesem Freitag.

Immer wieder betonte die Kanzlerin auch, wie bedeutend sie den Schritt fand, mit Ursula von der Leyen eine Frau – eine Deutsche zudem – nun an der Spitze der EU-Kommission zu sehen. „Wir müssen jetzt nicht übermäßig stolz sein darauf“, sagte sie, „aber dass wir die einzigen sind, die in Europa griesgrämig rumrennen, ist vielleicht auch nicht notwendig.“

Kurz äußert sich Merkel zu ihrer Gesundheit

Und dann wäre da noch Ostdeutschland, noch so ein Thema der Spätphase der Kanzlerschaft. Merkel erzählt von einer Reise nach Hoyerswerda vor wenigen Tagen, das einen drei Jahre höheren Altersschnitt hat als der Rest des Landes. Von den Kindern der Stadt, die in den Westen gezogen sind und den Alten, die ihre Enkel in Stuttgart so selten sehen. Von den ehemaligen Industriearbeitern, deren Fähigkeiten heute genauso wenig gefragt sind wie ihre Überlebensstrategien aus der Zeit des „real existierenden Sozialismus“, als man „Tomatenmark hamstern“ und „Tauschbörsen anlegen“ musste. Merkel schweift für einen Moment ab, wird biografisch. Doch auch ihre Identität als Ostdeutsche arbeitet sie viel mehr heraus, als man es bisher von ihr gewohnt war.

Auf ihre Gesundheit wird Merkel lediglich einmal angesprochen. „Sie kennen mich ja nun auch schon eine ganze Weile“, sagt Merkel. Für sie sei wichtig, „dass ich mich zu der Verantwortung bekenne, als Regierungschefin handlungsfähig zu sein“. Es ist eigentlich eine dieser Nicht-Antworten, mit denen sie gelegentlich die Fragenden ärgert. Und wenn schon, mag sich Merkel in diesem Moment denken. Dann verschwindet sie in den schwarzen Limousinen. Bis zum nächsten Sommer – wenn die Regierung denn hält.

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