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Manfred Güllner, Gründer des Meinungsforschungsinstituts Forsa.

Forsa-Chef

"Merkels Kurs war für die CDU absolut richtig"

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Forsa-Chef Manfred Güllner spricht im Interview über die Bedeutung der politischen Mitte als Erfolgsgarant. Die These von der Denkzettelwahl hält er für einen Mythos.

Herr Güllner, gibt der Ausgang der Hessenwahl Merkels Abgang her?
Nicht unmittelbar. Die hessische CDU ist seit langem geschwächt. Der Vergleich mit der Landtagswahl 2013, der jetzt immer bemüht wird, hinkt insofern, als die Landes-CDU damals vom Merkel-Sog der parallel stattfindenden Bundestagswahl mit nach oben gezogen wurde.

Mit Merkel rauf, mit Merkel runter?
Ich halte die These von der Denkzettelwahl für einen Mythos. Die hessischen Bürger haben uns in unseren Befragungen gesagt, dass die Landesebene und der Zustand der Parteien vor Ort für ihre Wahlentscheidung ausschlaggebend ist. Man sollte die Wähler ja auch nicht für dumm halten. Sie wussten, dass sie am Sonntag nicht über die Bundeskanzlerin und die große Koalition in Berlin abzustimmen hatten. Das gilt für Hessen wie für Bayern – trotz gewisser Überlagerungen mit der politischen Großwetterlage.

Im Ergebnis haben die Hessen aber dann ja doch über Merkels Schicksal abgestimmt, oder?
Dass ihre Zeit zu Ende gehen würde, war im Grunde schon vor der Bundestagswahl 2017 klar. Ihre erneute Kandidatur wurde damals von einer Mehrheit der Bürger mit Erleichterung aufgenommen, weil sie sich nach der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten in weltpolitisch schwieriger Lage ein Stück Stabilität erhofften. Aber dass das dann auch Merkels letzte Amtszeit als Kanzlerin sein würde, war wohl auch der Mehrzahl ihrer Wähler klar. Insofern ist der angekündigte Rückzug richtig, weil ihr dieser Schritt die Möglichkeit eines geordneten Abgangs gibt.

Abgang ja – aber was dann? Verbirgt sich hinter dem wachsenden Unmut über Merkel als Person nicht eine viel gravierende politische Unzufriedenheit?
Das gemeinsame Problem beider bisher großer Parteien sind Radikalisierungstendenzen – in der CDU/CSU ganz offenkundig nach rechts, in der SPD nach links. Das eine wie das andere wird von den Wählern mehrheitlich für falsch befunden. Hessen ist dafür das schlagende Beispiel: Die Wähler, die von der CDU zu den Grünen gewandert sind, positionieren sich deutlich stärker in der Mitte als die CDU-Stammwähler. Das heißt, die CDU hat in Hessen auch verloren, weil sie als zu rechts eingestuft wurde. Dieses Erbe hat Volker Bouffier von Roland Koch und noch davor von Manfred Kanther und der „Stahlhelm-Fraktion“ in der CDU übernehmen müssen.

Was folgt daraus?
Die Diskussion in der CDU, sich verstärkt nach rechts zu öffnen, ist absolut schädlich für die CDU. Dagegen war Merkels Kurs der Mitte für die CDU absolut richtig. Das Vertrauensvakuum in der Mitte zeigt sich ja bereits an einer hohen Wahlenthaltung. Die Abwanderung zur AfD wird weit überschätzt. In Hessen wie in Bayern hat die AfD im Vergleich zur Bundestagswahl Wähler verloren. Sie hat ihr – latent schon lange vorhandenes – Potenzial weitgehend ausgeschöpft und ist an den Grenzen des Wachstums angekommen.

Sie empfehlen der CDU also Merkel ohne Merkel?
Wenn die CDU den Mitte-Kurs verlässt, wird sie weiter schrumpfen. Diesen von der CSU mit schweren Verlusten bezahlten Fehler zu vermeiden ist deshalb wichtiger als die Frage, wer sich als Nachfolger im Parteivorsitz durchsetzt.

Aber das sollte sich doch trotzdem mit jemandem verbinden, der das auch glaubwürdig repräsentiert.
Annegret Kamp-Karrenbauer, die Generalsekretärin, verkörpert als Politikerinnentypus schon diesen Erfolgskurs der Mitte, wie ich ihn einmal nennen möchte. Als Ministerpräsidentin des Saarlands gehörte sie zu den beliebtesten Regierungschefs im Land. Das muss sich nicht automatisch auf die bundesweite Wahrnehmung übertragen. Aber ein Indiz ist es schon.

Wenn Sie vom „Kurs der Mitte“ reden, was bedeutet das dann inhaltlich?
In erster Linie und vor allen politischen Einzelfragen, dass man sich wieder um die vergessene Mitte kümmert, nicht nur um Randgruppen oder Minderheiten. Das ist ja genau der Eindruck, der zurzeit auch der SPD so ins Kontor schlägt: Mindestlohn, Rente mit 63, Ehe für alle – „alles schön, alles gut, alles irgendwie richtig“, sagen die Leute mehrheitlich. „Aber ich persönlich habe davon nichts.“ Das gilt für die Handwerker, die Beschäftigten im Gesundheitswesen und im Dienstleistungssektor – eine große, heterogene Gruppe, der aber als Klammer gemeinsam ist, dass sie sich selbst in der Mitte verortet. Diesen Menschen muss man wieder das Gefühl geben, dass Politik für sie gemacht wird. Andernfalls wählen sie zwar nicht gleich rechtsradikal. Aber sie bleiben zu Hause.

Interview: Joachim Frank

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