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„Nicht meine Kanzlerin“: Protest in Annaberg-Buchholz.

In Sachsen und Thüringen

Merkel bei Wahlkampfauftritten beschimpft

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Bei Wahlkampfauftritten in Sachsen und Thüringen wird Kanzlerin Angela Merkel massiv beleidigt.

Am Ende gibt es einen Nussknacker, einen Martin Luther, original erzgebirgisch, mit der Bibel in der Hand. Alexander Krauß, der örtliche CDU-Landtagsabgeordnete, überreicht der Kanzlerin den hölzernen Reformator mit gequältem Lächeln. Angela Merkel hat sich den schwarzen Kerl an diesem Donnerstagabend im sächsischen Annaberg-Buchholz hart verdient.

Es ist ihr erster Wahlkampfauftritt in Sachsen. Er geht, was von der Landes-CDU befürchtet wurde, beinahe unter im Geschrei und Gepfeife von gut hundert Wutmenschen. Als Merkel kurz vor halb sechs am Abend über eine Nebenstraße und von Polizei bewacht auf den Markt der hübschen und alten Erzgebirgsstadt tritt, wobei sie vorher kräftig Hände schütteln musste, gibt es in den Reihen vor der Bühne freundlichen Applaus, im hinteren Teil aber bricht ohrenbetäubender Lärm los. Trillerpfeifen und die längst üblichen Rufe aus der AfD- und Pegidaszene: „Hau ab“, „Widerstand“, „Volksverräter“. Es ist wie mittlerweile immer, wenn ein Bundespolitiker irgendwo in Sachsen öffentlich auftritt: Eine Minderheit, die sich für das wahre Volk hält, stört massiv und versucht alles niederzubrüllen.

„Manche schreien nur“

Merkel, an ihrer Seite Thomas de Maizière, der in Dresden lebende Bundesinnenminister, und Sachsens CDU-Ministerpräsident Stanislaw Tillich, geht nur kurz auf das Geschrei der Wütenden ein. Sie lässt sich aber zu nichts hinreißen. „Manche können nur schreien, manche wollen etwas bewegen, andere rufen nur“, sagt die Kanzlerin. Sie weiß offensichtlich, dass von den Krachmachern sowieso niemand überzeugt werden kann.

Sie spricht über den Herbst 2015, die Flüchtlinge, die nach Deutschland kamen – ein Thema bei dem der Lärm ohrenbetäubend anschwillt. Sie verteidigt, was vor zwei Jahren geschah. „Wir haben gezeigt, dass wir bereit sind, Menschen zu helfen, die in Not sind. Das war ein gutes Stück Deutschland in einer humanitären Notlage.“ Nur, sagt sie auch, dürfe und solle sich ein Jahr wie 2015 nicht wiederholen. Ein Satz, bei dem einige unter den Protestierern in hämisches Gekreische und Gelächter ausbrechen.

Es ist nicht der erste Wahlkampfauftritt Merkels. Auch im hessischen Gelnhausen wurde gepfiffen, auch in Baden-Württemberg, in Heilbronn. Aber was im Erzgebirge an diesem Abend geschieht, ist deutlich massiver und aggressiver. Einige Zufahrtsstraßen nach Annaberg-Buchholz waren am Donnerstag mit „Hau ab“-Pinseleien beschmiert, etliche Wahlplakate zerstört worden. Sicherheit wurde ganz groß geschrieben: Der Zugang zum Marktplatz wurde mit Betonquadern blockiert. Am Abend sitzen auf den Dächern umliegender Häuser Polizisten und behalten von oben die Kundgebung vor dem Rathaus im Auge. Schon am Spätnachmittag patrouillierten schwer bewaffnete Polizisten durch das 20 000-Einwohner-Städtchen

„Die Frau gehört nicht ins Kanzleramt“, brüllt ein Rentner. „Die gehört auf die Anklagebank.“ Zustimmendes Gejohle der Männer um ihn herum. Was für ein Kontrast: Tags zuvor ließ sich Merkel noch von zarten und höflichen You-Tubern interviewen und nach ihrem Lieblings-Emoji befragen oder danach, was sie sich wohl auf ein T-Shirt drucken lassen würde. Und nun dies.

Vor Merkel hat der Sachse Tillich gesprochen. Ein bisschen daran erinnert, was auch schon einmal war im Erzgebirge: Mehr als 20 Prozent Arbeitslose, heute nur noch knapp über fünf. Er verteidigt die Asylpolitik der Kanzlerin. „Miteinander macht uns stark“, ruft Tillich. Gepfeife, Geschrei. „Nicht das Gegeneinander.“ Die Werte des Grundgesetzes seien nicht verhandelbar.

Auf dem Platz beim Rathaus sitzt ein Gruppe Flüchtlinge, hört der Kanzlerin zu und dem Gebrüll, das in Wellen herüberschwappt. Irgendwann hat Merkel die Flüchtlinge erspäht und nutzt die Entdeckung für einen lebenspraktischen Hinweis: „Lernen Sie die deutsche Sprache“, rät die Kanzlerin. „Nur so bekommen Sie Zugang zu Deutschland.“

Dann erklingt die Nationalhymne, Merkel bekommt ihren lutherischen Nussknacker und weiter geht es, nach Apolda in Thüringen. Anfang September ist sie aber noch einmal in Sachsen, dann in Torgau. Der Empfang dürfte dem in Annaberg-Buchholz ähneln.

„Die Kultur des menschlichen Miteinanders lässt leider zu wünschen übrig“, meinte Dresdens Polizeipräsident Hort Kretschmar kürzlich, als Pegida-Anhänger Justizminister Heiko Maas bei einem Auftritt in Dresden angingen. Mit „Pöbel“, so der sächsische Polizeiführer damals, müsse man bedauerlicherweise immer rechnen.

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