1. Startseite
  2. Politik

Merkel sieht in Ukraine-Krieg „große Tragik“ – doch erkennt keinen Anlass für Entschuldigung

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Martin Benninghoff

Kommentare

„Ich muss mir nicht vorwerfen, nicht genug getan zu haben“: Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt im Berliner Ensemble, um auf Fragen des Journalisten und Autors Alexander Osang zu antworten. Foto: Fabian Sommer/dpa.
„Ich muss mir nicht vorwerfen, nicht genug getan zu haben“: Die ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sitzt im Berliner Ensemble, um auf Fragen des Journalisten und Autors Alexander Osang zu antworten. Foto: Fabian Sommer/dpa. © dpa

Ein halbes Jahr nach ihrem Ausscheiden aus dem Amt steht die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel Rede und Antwort – vor allem zu ihrer Russland-Politik. Vorwerfen lassen will sie sich nichts.

Angela Merkel ist am Dienstagabend in Berlin aufgetreten. Bis in den Dezember des vergangenen Jahres hinein wäre das eine klassische Nicht-Nachricht gewesen, kaum der Rede wert. Doch seit ihrem Ausscheiden als geschäftsführende Bundeskanzlerin am 8. Dezember 2021 – auf den Tag genau vor einem halben Jahr - hatte sich die 67 Jahre alte frühere Regierungschefin zurückgenommen und Auftritte gemieden, um sich nach 16 Jahren im kräftezehrenden Amt an der Ostsee, Italien und ihrem Ferienhaus in der Uckermark zu erholen - und nicht als „Nebenkanzlerin“ Ratschläge von der Seite zu geben. „Das ist nicht meine Aufgabe“, sagte sie am Abend.

Vor allem will sie nicht den Fehler begehen, den ihrer Ansicht nach ihr Vorvorgänger Helmut Kohl einst beging, als er auch nach seiner Abwahl 1998 im Bundestag die Strippen aus dem Hintergrund der Unionsfraktion zu ziehen versuchte. Aufsichtsmandate wie ihr Vorgänger Gerhard Schröder strebe sie ohnehin nicht an, heißt es aus ihrem Umfeld. Der Auftritt im Berliner Ensemble am Dienstagabend ist als leichte Aufwärmübung nach ihrem halbjährigen Aufenthalt im politischen Abklingbecken zu verstehen, Merkel nennt das „Auslüften“. Allerdings unter Bedingungen, die sich seit ihrem Abgang mit dem Einmarsch Russlands in die Ukraine fundamental geändert haben, und die sie „bedrücken“, wie sie am Dienstagabend sagte. „Ich hatte mir die Zeit danach anders vorgestellt.“

Merkel-Gespräch nicht nur belanglos inhaltsleer

Nicht nur sie. Dass das freundliche Gespräch mit dem „Spiegel“-Journalisten Alexander Osang dann nicht nur belanglos inhaltsleer geriet, hat vor allem mit der „Zeitenwende“ zu tun, die Merkels Nachfolger Olaf Scholz im Februar, wenige Tage nach dem russischen Einmarsch in die Ukraine, ausgerufen hat. „Es ist nicht gelungen, den Kalten Krieg zu beenden“, sagte sie, „klar ist: Dieser Überfall auf die Ukraine findet keinerlei Rechtfertigung.“ Sie habe „volles Vertrauen in die jetzige Regierung“ von Kanzler Scholz. Würde das nicht der Fall sein, könnte sie „viele anrufen“, sagte sie leicht kokettierend in Anspielung auf ihre Rolle an der Seitenlinie, die sie eigentlich nicht einnehmen will. „Das musste ich aber noch nicht.“

Also ich sehe nicht, dass ich da jetzt sagen müsste: Das war falsch, und werde deshalb auch mich nicht entschuldigen.

Angela Merkel

Mit dem Wissen um die wahrgewordene russische Aggression steht Merkels eigene Russlandpolitik stärker denn je in der Kritik. Sie hielt den russischen Präsidenten Wladimir Putin zwar für einen kalt berechnenden Taktiker. Trotzdem ließ sie auch nach der völkerrechtswidrigen Annexion der ukrainischen Krim 2014 den Gesprächsfaden nie abreißen, obwohl sie nach Ansicht ihres Biografen Ralph Bollmann ein „sehr kritisches“ Verhältnis“ zu dem Mann hatte, mit dem sie sich auf Deutsch und Russisch verständigen konnte. „Ich habe gewusst, wie er dachte“, sagte sie. „Putins Hass, Putins - ja, man muss sagen - Feindschaft geht gegen das westliche demokratische Modell“, sagte Merkel am Dienstagabend 

Merkel: „Was hat man vielleicht versäumt?“

Wenn sie es wusste: Angesichts der deutschen Energieabhängigkeit von Russland musste sie sich am Dienstagabend die Frage gefallen lassen, wieso sie Deutschland nicht auf einen von Russland distanzierteren Kurs geführt hat. „Es wirkt immer so, als würde man eine Entschuldigung von Ihnen erwarten“, versuchte Osang sie aus der Reserve zu locken. „Was ich mich natürlich gefragt habe“, sagte sie: „Was hat man vielleicht versäumt?“ Und: „Hätte man noch mehr tun können, um eine solche Tragik“ zu verhindern? Ihre Antwort: „Ich muss mir nicht vorwerfen, nicht genug getan zu haben.“

Merkel stelle weiter klar: „Diplomatie ist ja nicht, wenn sie nicht gelingt, deshalb falsch gewesen. Also ich sehe nicht, dass ich da jetzt sagen müsste: Das war falsch, und werde deshalb auch mich nicht entschuldigen.“

Auch interessant

Kommentare