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Domenico Lucano im Kreise von Menschen, denen er geholfen hat.

Italien

Die Menschlichkeit des Domenico Lucano

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Italiens oberstes Gericht hebt einige der – wohl politisch motivierten – Vorwürfe gegen den Bürgermeister von Riace auf.

Doch, es sei eine gute Nachricht, sagte Domenico Lucano. „Aber sicher fühle ich mich nun nicht.“ Nach wie vor ist er besorgt – und verwirrt. Der international bekannte Bürgermeister des süditalienischen Integrations-Modelldorfs Riace, wo Flüchtlinge und Einheimische jahrzehntelang harmonisch zusammenlebten, hat allen Grund für eine konfuse Gefühlslage. Vor einem halben Jahr war er wegen Betrugsvorwürfen suspendiert worden. Seither darf er Riace nicht mehr betreten. Vor zwei Tagen nun rehabilitierte ihn das römische Kassationsgericht, Italiens oberster Gerichtshof, de facto. Aber auch de jure?

Für die Vorwürfe gegen Lucano gebe es keine Indizien, befanden die Richter. Seine Verbannung aus Riace hoben sie aber nicht auf, obwohl sie das hätten tun können. Darüber muss nun ein Gericht in Reggio Calabria entscheiden. Und trotz allem droht Lucano weiterhin ein Strafprozess in Kalabrien.

Der migrantenfreundliche Bürgermeister habe illegale Einwanderung begünstigt, Scheinehen von Italienern mit Migranten arrangiert, die Müllabfuhr von Riace ohne Ausschreibung vergeben, falsche Rechnungen ausgestellt und öffentliches Geld veruntreut, hieß es im Oktober, als Lucano überraschend festgenommen wurde. Die Staatsanwaltschaft in Locri hatte da bereits ein Jahr lang gegen ihn ermittelt. Anfangs stand der 60-Jährige unter Hausarrest. Der wurde aber schon zwei Wochen später aufgehoben, nachdem ein Untersuchungsrichter feststellte, der Bürgermeister habe nicht einen einzigen Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet. Verbannt wurde Kucano trotzdem.

Ein Dutzend Vorwürfe sind noch nicht geklärt

Lucano hatte vor 20 Jahren begonnen, leerstehende Häuser in Riace an Migranten zu vergeben. Mit den staatlichen Hilfen für Asylbewerber wurde die Kooperative „Cittá Futura“ (Standt der Zukunft) finanziert, die Sprach-, Integrations- und Ausbildungskurse anbot und zum größten Arbeitgeber von Riace avancierte. Zeitweilig lebten unter den 1300 Einheimischen mehr als 400 Flüchtlinge. Seit Oktober gibt es vom Staat kein Geld mehr. Die meisten Asylbewerber haben Riace inzwischen verlassen.

Lucano besteht darauf, dass er sich nie etwas zu Schulden habe kommen lassen. „Mein Ziel war Menschlichkeit. Ich habe niemanden betrogen, ich habe einzig im Namen der Solidarität gehandelt.“ Er und seine Unterstützer glauben, dass politische Motive hinter den Vorwürfen stecken. Italiens rechtspopulistischem Innenminister Matteo Salvini war das „Modell Riace“ schon lange ein Dorn im Auge. Er hatte Lucano als „Null“ verunglimpft und seine Unterstützer als „Gutmenschen“. Die juristischen Ermittlungen waren allerdings schon unter der sozialdemokratischen Vorgängerregierung eingeleitet worden.

Das Kassationsgericht stellte nun klar, dass Lucano den Auftrag für die Müllabfuhr von Riace rechtmäßig an zwei Flüchtlingskooperativen vergab. Sie ziehen mit Eseln von Haus zu Haus, um Abfälle einzusammeln. So leicht hätte sich keine andere Firma gefunden, die in den engen, steilen Gassen des Bergdorfs operieren könnte, merkten die Richter an. Auch habe Lucano nicht systematisch Scheinehen arrangiert, sondern nur in einem Fall – um seiner Lebenspartnerin, einer Äthiopierin, den Aufenthalt in Italien zu sichern. Die Staatsanwaltschaft Locri hält dennoch weiterhin an einem Dutzend Vorwürfen fest und spricht von schwerwiegendem Betrug, den der der Bürgermeister begangen habe.

Lucano wartet nun wenige Kilometer von Riace entfernt, in Caulonia Marina, auf zwei wichtige Entscheidungen: Ein Gericht wird in den nächsten Tagen klären, ob er Riace wieder betreten darf. Und dann, ob ihm der Prozess gemacht wird.

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