Menschenjagd im Kaukasus

Im so genannten Kampf gegen den Terrorismus setzt das russische Militär in Tschetschenien offensichtlich gezielt Todesschwadronen ein

Von Florian Hassel (Tschiri-Jurt)

Wenn er es recht bedenkt, ist Magomed Umarow noch glimpflich davongekommen. Gewiss, tagelang schwebte er zwischen Leben und Tod. Als er vor wenigen Tagen aus dem Koma erwachte, erschrak er vor dem eingefallenen Gesicht, das ihm aus dem Spiegel entgegenblickte. Noch schmerzen Tag und Nacht die Wunden, die die Kugeln gerissen haben. Doch immerhin ist Magomed, ein schlanker Mann mit glatten schwarzen Haaren und braunen Augen, am Leben. Und das ist durchaus nicht die Regel, wenn ein junger Tschetschene einem russischen Todeskommando in die Hände fällt.

Dabei hat der 26-jährige Magomed an jenem 12. Februar alles getan, um seine Lizenz zum Überleben zu verlängern. Schon am frühen Morgen fährt er aus seinem Heimatdorf Tschiri-Jurt südlich von Grosny ins benachbarte Schali, um dort auf dem Passamt ein aktuelles Foto in den Personalausweis kleben und offiziell abstempeln zu lassen. In Tschetschenien ist ein Pass eine Frage von Leben und Tod. Nur Rebellen gegen Moskaus Herrschaft sind ohne gültigen Ausweis, so die Logik russischer Kontrolleure.

Doch bis Magomed den erneuerten Pass in Händen hält, ist es später Nachmittag, es nahen Dunkelheit und Sperrstunde. Sein Verwandter Issa Elbukajew bietet an, Magomed und eine Tante nach Hause ins Dorf Tschiri-Jurt (30 Kilometer südlich von Grosny) zu fahren. Als die Verwandten Tschiri-Jurt erreichen, hat eine erneute Satschistka ("Säuberung") begonnen. Plötzlich senkt sich ein russischer Kampfhubschrauber über die Wiese neben der Straße. Noch bevor der Hubschrauber gelandet ist, eröffnen die Soldaten das Feuer, sagen Augenzeugen. "Es waren rund zehn Soldaten. Sie haben sofort geschossen, auch auf uns", sagt die Lehrerin Aischat Gassarajewa. Die Lehrerin rettet sich hinter eine nahe Hoftür. Im Wagen der Umarows wirft sich Fahrer Issa schützend über seine Kusine auf dem Beifahrersitz und wird von einer Kugel getroffen. Magomed wird von einer Kugel in den linken Fuß getroffen, eine weitere durchschlägt seine rechte Leiste. Als die Soldaten den Schwerverletzten erreichen, schlagen sie ihn mit ihren Maschinenpistolen und treten ihn mit ihren Stiefeln. Dann werfen sie einen Patronengurt neben den Verletzten, schon ist Magomed ein Rebell, der Widerstand geleistet hat. Zehn Minuten später laufen die Soldaten zurück zum Hubschrauber.

Einwohner bringen die Verletzten ins nahe Krankenhaus des 7000-Seelen-Dorfes. "Elbukajew Issa, geboren 1958", verzeichnet das Dienstjournal. "Nach Schüssen durch föderale Streitkräfte in Brust und Bauch Verletzungen lebenswichtiger Organe. Um 17 Uhr 20 stirbt der Patient." Magomed wird nach Grosny ins 9. Städtische Krankenhaus gebracht. Während er um sein Leben ringt, stirbt seine aufgewühlte Mutter auf dem Krankenhausflur am Herzinfarkt. An seinem 50. Geburtstag beerdigt Magomeds Vater seine Frau.

Zur gleichen Zeit werden Tschiri-Jurt und zwei Nachbarorte abgesperrt und tagelang "gesäubert". Am Morgen des 16. Februar werden allein in Tschiri-Jurt mindestens zwölf Männer festgenommen, unter ihnen der 43 Jahre alte Hussein Sakrijew aus der Karl-Marx-Straße. Sakrijew ist herz- und nierenkrank. Die Soldaten nehmen ihn trotzdem mit. Ihre Gefangenen bringen die Russen in eine ehemalige Geflügelfarm beim Dorf Starije Atagi, eines von Dutzenden so genannter Filtrationslager: provisorische Gefängnisse für Folter und Verhör.

"Wir waren 25 bis 30 Gefangene. Die Soldaten stellten uns an die Wand und schlugen uns mit Maschinenpistolen, Gummikabeln und Eisenstäben", beschreibt ein Mitgefangener. "Wir sagten den Russen: Lasst Hussein in Ruhe. Er ist schwer krank. Sie schlugen ihn trotzdem, bis er bewusstlos wurde." Am Abend bringen die Russen die Gefangenen in einen ehemaligen Bunker nördlich von Grosny. "Als wir ankamen, war Hussein kaum noch am Leben", beschreibt der Mitgefangene. "Ein Arzt gab ihm ein paar Spritzen." Wenige Stunden später stirbt Hussein Sakrijew, Vater von vier Kindern.

Seine Familie bekommt seine Leiche zwei Tage später und ist darüber noch froh. Denn oft müssen Tschetschenen den Russen die Leichen abkaufen, mit bis zu einigen hundert Dollar. Der Handel mit den Toten ist ein ebenso gutes Geschäft wie die "Säuberungen", bei denen viele Soldaten die Durchsuchten nach allen Regeln der Kunst ausplündern und Geld, Teppiche oder Fernseher im Schützenpanzer oder Lastwagen mitnehmen.

Elf Tage bleiben die Dorfbewohner im Gefängnis. Dann erfahren ihre Frauen, wo sie sind und bezahlen 20 000 Rubel (740 Euro) für ihre Freilassung. So viel Glück im Unglück haben nur wenige. Wenn die Russen auf Menschenfang gehen, sind die Kennzeichen ihrer Schützenpanzer mit Schlamm verschmiert. Sie sagen weder, welcher Einheit sie angehören, noch wohin sie Festgenommene bringen, berichten Angehörige.

Gewiss nehmen die Russen auch echte Rebellen gefangen. Vielen Festgenommenen aber werden ihre "Geständnisse" abgepresst. Schon im Rest Russlands nutzen Polizisten und Staatsanwälte routinemäßig Folter, um ihre Aufklärungsrate zu erhöhen. "Die Fragen sind immer die gleichen: Wo sind die Rebellen, wo sind die Waffen?", schildert Sakrijews Mitgefangener die Haft. "Der Offizier vom Geheimdienst FSB, der mich verhörte, sagte: Wenn Du mir einen Bojewik nennst, kannst Du morgen nach Hause. Wenn nicht, bleibst Du mindestens ein halbes Jahr. Wenn man lange genug gefoltert wird, gibt man auch seinen Nachbarn oder Bruder als Rebell an und bekennt die schwersten Terrorakte."

Manche Männer kommen in ein reguläres Gefängnis meist ohne Wissen der Familie. In einem Telefonamt von Grosny hängt eine Liste tschetschenischer Häftlinge eines Gefängnisses von Rostow am Don mit 35 Namen. Daneben eine hastig gekritzelte Mitteilung an "Lisa Garakajewa! Euer Bruder, der ins Gefängnis von Nowosibirsk überführt wurde, ist tot und dort begraben". Die meisten Festgenommenen freilich schaffen es nie bis in ein reguläres Gefängnis. Der Los Angeles Times bestätigten zwei Dutzend russischer Soldaten und Polizisten bereits im September 2000, dass sie Rebellen fast immer sofort ermorden: um Rache zu nehmen und den verhassten Feind im für sie fremden Tschetschenien ein für alle Mal zu beseitigen.

Gewalt erzeugt Gegengewalt. Als die FR in Grosny einen 21 Jahre alten Rebellen fragt, warum er gegen die Russen kämpft, sagt er: "Mindestens 20 meiner Verwandten und Freunde sind von den Russen ermordet worden oder verschwunden. Viele (von uns) verkaufen ihre letzten Besitztümer für eine Waffe." Gewiss haben auch die Rebellen viele Menschenleben auf dem Gewissen und im vergangenen Jahr außer russischen Soldaten Dutzende von Tschetschenen der prorussischen Verwaltung ermordet. Gleichwohl verblassen diese Zahlen gegenüber der Größenordnung der russischen Menschenrechtsverletzungen.

Der Kreml-Menschenrechtsbeauftragte Kalamanow, die tschetschenische Regierung und die Menschenrechtsorganisation Memorial führen Listen mit den Namen Verschwundener. "Alle Listen unterscheiden sich", sagt Alexander Tscherkassow von Memorial. "Insgesamt reden wir über ungefähr 2000 Verschwundene." Dazu kommen Tausende bereits aufgefundener Toter. "Vom Sommer 1999 bis Januar 2002 haben wir 992 ermordete Zivilisten registriert", so Tscherkassow. "Wahrscheinlich ist dies noch nicht einmal die Hälfte der insgesamt Ermordeten. Aus vielen Regionen bekommen wir überhaupt keine Informationen."

Viele Tschetschenen halten die Registrierung ihrer Toten ohnehin für sinnlos. Von den Angehörigen zwei Dutzend Ermordeter, mit denen die FR in Tschiri-Jurt und Schali, Nowije Atagi, Grosny und Argun spricht, hat nicht einer Anzeige erstattet. "Welchen Sinn hat es, sich an die zu wenden, die unser Volk umbringen?", sagt etwa ein Verwandter von Issa Elbukajew.

Für die Ermordung echter und eingebildeter Gegner sorgen in erster Linie Polizeikommandos und Russlands Geheimdienste vor allem, seit Präsident Wladimir Putin die Leitung des Krieges Anfang 2001 dem Geheimdienst FSB übergab. Zum letzten Mal trug FSB-Chef Nikolaj Patruschew dem Präsidenten am 27. Februar auf einer Sitzung des Sicherheitsrates zum Thema Tschetschenien vor. Hinterher gab sich Putin befriedigt, dass sich die Lage in der Kaukasusrepublik "ernsthaft stabilisiert" habe und die Grundlagen zur Lösung der "Aufgaben der Friedenszeit geschaffen" worden seien.

Diese Lösung sieht zum Beispiel in der Region Urus-Martan so aus: "Dort sind in den vergangenen zwei Jahren mehr als 100 Menschen verschwunden", sagt Memorial-Mann Tscherkassow. "Viele Spuren führen in die Kommandantur, wo im zweiten Stock der FSB residiert." "Verschwindenlassen" und Morde sind keine vereinzelten Übergriffe, so Tscherkassow. "Hinter der Fassade des offiziellen Gefängnissystems arbeitet ein inoffizielles System, dessen Zentrum in Chankala, dem Hauptquartier der föderalen Streitkräfte, liegt", so der Menschenrechtler. "In diesem parallelen ,Justizsystem‘ foltern Geheimdienstler und Spezialeinheiten ihre Opfer zu Tode oder richten sie außergerichtlich hin und zerstören so die Justiz als staatliches Machtinstrument." Im Januar wurde ein zehnköpfiges Kommando des Militärgeheimdienstes GRU festgenommen, nachdem es von einem Hubschrauber in der Bergregion Schatoi abgesetzt worden war und dort am 11. Januar sechs Zivilisten ermordet hatte. Nun ermittelt Russlands Militärstaatsanwaltschaft in Verfahren 76 002.

Doch selbst wenn Mörder in Uniform einmal verhaftet werden, bedeutet dies noch lange nicht, dass sie dafür auch büßen müssen. Von trauriger Berühmtheit ist der Fall von Oberst Jurij Budanow: Der Oberst entführte, vergewaltigte und ermordete im März 2000 eine junge Tschetschenin. Doch im sich dahinschleppenden Gerichtsverfahren wurde der bis dahin kerngesunde Oberst als unzurechnungsfähig dargestellt. Selbst im Fall einer Verurteilung kommt er im Rahmen einer Amnestie voraussichtlich schnell wieder frei.

Die Festnahme des GRU-Kommandos - eine Premiere für den gesamten Tschetschenienkrieg - kam nur zu Stande, weil in Schatoi der Chef der Militäraufklärung Zeuge des Verbrechens wurde und sich ebenso wie zwei russische Staatsanwälte weigerte, das Verbrechen seiner Kollegen wie sonst üblich zu vertuschen. Der Zeitung Nowaja Gaseta schilderte Militärstaatsanwalt Andrej Werschinin die Denkweise der Kommandeure in Chankala: "In den Bergen sind alle Banditen. Bringt alle um, die Euch in die Hände fallen. Wir vertuschen alles."

Der Mord an Issa Elbukajew und die Verletzung von Magomed Umarow in Tschiri-Jurt war offensichtlich ebenfalls ein Kommandounternehmen. Den Augenzeugenberichten zufolge waren die schießenden Soldaten keine Wehrpflichtigen, sondern kräftige Männer um die Vierzig. Auch die Tatsache, dass sie wie die Mörder von Schatoi von einem Kampfhubschrauber abgesetzt wurden, spricht dafür, dass sie ebenfalls zur GRU oder einer anderen Spezialeinheit gehörten. Wie gründlich die Todesschwadronen arbeiten, zeigt auch die Gegend östlich von Grosny. Mehr als 700 Einwohner des Dorfes Zozin-Jurt unterschrieben einen Hilferuf an UN-Menschenrechtskommission und Europarat. In ihrem Dorf seien von 81 Toten seit Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges 49 von den Russen im Verlauf von 33 "Säuberungen", an Kontrollpunkten oder durch Folter ermordet worden. Weitere 29 Einwohner seien verschwunden. "Den Großteil der Fälle haben auch wir überprüft", sagt Menschenrechtler Tscherkassow. "Die Liste ist authentisch."

Noch schlimmer ist die Lage im zehn Kilometer entfernten Argun, wo die 34. Brigade der Truppen des Innenministeriums stationiert ist. Ihr sollen ein ehemaliger Steinbruch und ein ehemaliges Kohledepot als Todeslager dienen. Am frühen Morgen des 4. März laden Soldaten in der Militärkommandantur vier Leichen ab. "Die Männer sind Rebellen und in der Nacht bei Kämpfen mit Soldaten der 34. Brigade getötet worden", sagte der Militärkommandant, Oberst Wiktor Smirnof.

Doch Zeugenaussagen und Fotografien der Leichen widersprechen dem. Demnach sind Alichan Mussajew (22), Bislan Bichajew (29), Schamil Idrissow (17) und Apti Bartschajew (18) bereits zwei Tage vor dem angeblichen Gefecht von den Besatzungen vier russischer Schützenpanzer aus ihren Häusern geholt worden. Der Agentur Interfax zufolge führte der FSB von Argun an diesem Wochenende mit einem Kommando des Innenministeriums eine "Spezialoperation" durch. Später wurden die jungen Männer erschossen, doch zuvor geschlagen und mit Strom gefoltert, bis ihre Fingerspitzen schwarz anliefen. Das belegen am 4. März aufgenommene Fotografien der FR. Auch die Kleidung der Ermordeten T-Shirts und Sporthosen spricht gegen zum Kampf ausgerückte Rebellen. Einer der Ermordeten trug noch seine schwarzen Hausschlappen. Als die Leichen in der Kommandantur liegen, versammeln sich vor dem Eingang mehr als 150 verzweifelte Väter, Mütter, Frauen und Verwandte. Sie informieren die FR über zwanzig Männer, die seit Anfang 2001 in Argun verhaftet wurden und spurlos verschwunden sind.

Memorial-Mann Tscherkassow erhält von tschetschenischen Beamten gar eine Liste mit den Namen von über 60 Verschwundenen Chamsat Dschabrailowas Sohn Jakub zum Beispiel wird am 14. Dezember verhaftet. Als sie vier Tage später wieder in der Kommandantur ist, hört sie aus dem Keller Schreie eines Gefolterten und erkennt die Stimme ihres Sohnes. Doch sowohl der Kommandant wie ein Offizier des Geheimdienstes FSB sagen der Mutter, sie wüssten nichts über dessen Aufenthaltsort. Zumindest die Angehörigen von Abdulchamid Saschurkajew haben nun Gewissheit. Der 63 Jahre alte Rentner war Mitte März 2001 mit zehn anderen Einwohnern Arguns verhaftet worden. Die ersten vier Leichen wurden bereits am 13. März 2001 in der Nähe des russischen Hauptquartiers bei Chankala gefunden. Jetzt tauchte auch Saschurkajews Leiche auf, nachdem Hunde neben einem See bei Argun hartnäckig im Boden scharrten. Gefunden werden vier kopflose Leichen. Nur die von Saschurkajew ist bisher identifiziert.

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