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Kapitol-Erstürmung: Whistleblowerin warnte Twitter Wochen vor Putschversuch

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Von: Sandra Kathe

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Am 6. Januar dringen Trump-Anhänger:innen gewaltsam ins Kapitol in Washington D.C. ein, um Bidens Amtsübernahme zu verhindern.
Am 6. Januar dringen Trump-Anhänger:innen gewaltsam ins Kapitol in Washington D.C. ein, um Bidens Amtsübernahme zu verhindern. (Archivfoto) © Alex Edelmann/AFP

Wenige Tage nach der Kapitol-Erstürmung sperrt Twitter das Konto von Donald Trump. Doch innerhalb des Unternehmens hat es lange vorher Warnungen gegeben.

Washington D.C. – Nach über 56.000 Tweets in zwölf Jahren und damit einhergehend unzähligen Beleidigungen, Unwahrheiten und kontroversen Einflussnahmen auf politische und gesellschaftliche Entwicklungen in den USA sperrte Twitter am 8. Januar 2021 das Twitter-Konto des abgewählten US-Präsidenten Donald Trump. Zwei Tage zuvor hatten dessen radikale Anhänger:innen versucht, das Kapitol zu stürmen und die Amtsübernahme von Trumps gewähltem Nachfolger Joe Biden gewaltsam zu verhindern.

Dass es innerhalb des Unternehmens schon vorher Bedenken gab, bestätigte eine bislang anonyme Whistleblowerin und ehemalige Twitter-Mitarbeiterin bereits im Juli vor einem Untersuchungsausschuss zu den Geschehnissen vom 6. Januar 2021. In einem Exklusiv-Interview mit der US-Zeitung Washington Post wirft die inzwischen namentlich bekannte Anika Collier Navaroli dem Unternehmen vor, all die Jahre von Trump profitiert und eine Eskalation womöglich billigend in Kauf genommen zu haben.

Rolle von Twitter bei Kapitol-Sturm: Warnungen vor Trumps Einfluss wurden abgetan

Navaroli hatte bis 2021 bei Twitter im Team für die Festlegung von Moderations-Regeln gearbeitet und forscht inzwischen an der Stanford University zu den Folgen von Hate Speech im Internet. Sie betonte gegenüber der Zeitung, dass jede:r normale Nutzer:in, der vergleichbare Inhalte zu denen Trumps gepostet hätte, schon weit früher von Twitter gesperrt worden wäre. Warnungen von Navaroli und anderen Kolleg:innen wären aber von den Verantwortlichen immer wieder abgetan worden, mit der Begründung, dass Trumps Inhalte in seiner Funktion als Präsident der USA zu viel „Nachrichtenwert“ hätten.

Doch vor allem die zunehmend direkte Kommunikation Trumps zu radikalen Gruppierungen wie den rechtsextremen „Proud Boys“, die er in einem Fernsehauftritt anwies „sich bereitzuhalten“, bereiteten einigen Twitter-Beschäftigten wie Navaroli schon Wochen vor dem gewaltsamen Angriff auf das Kapitol Sorgen. Auch dass andere Accounts auf Trumps Nachrichten reagierten und mehr und mehr von Begriffen wie „Bürgerkrieg“ die Rede war, sahen viele als beunruhigendes Zeichen.

Soziale Medien und US-Politik: Twitter spricht von „nie dagewesenen“ Schritten

Damit sei klar geworden, dass nicht nur einzelne Twitter-Nutzer:innen eindeutige Gewaltpläne hegten, „sondern auch, dass der Anführer ihrer gemeinsamen Sache dazu aufrief, ihm beim Kampf für seine Ziele in D.C. am 6. Januar zu unterstützen“, sagte Navaroli der Washington Post. Daraufhin habe sie eine eindringliche Warnung an die Zuständigen abgesetzt, „dass ein Eingriff in das Geschehen notwendig werde, oder Menschen sterben würden.“ Am späten Abend hätte sie noch eine Nachricht in einem Firmenchat abgegeben mit dem Inhalt: „Wenn die Leute sich morgen gegenseitig erschießen, will ich versuchen mir einzureden, dass wir es wenigstens versucht haben.”

Auf Anfrage der Washington Post bei Twitter kritisiert eine Sprecherin, dass Navarolis Aussage vor dem Untersuchungsausschuss außer Acht ließe, dass Twitter bereits in der Zeit vor der US-Wahl „nie dagewesene Schritte“ unternommen hätte. Außerdem hätte das Unternehmen die Reichweite extremistischer Gruppen eingeschränkt und etliche Accounts von Organisatoren der Ausschreitungen gesperrt.

Sperrung des Twitter-Kontos von Donald Trump: Whistleblowerin sieht „dystopische Zukunft“

Als Begründung, warum Trumps Twitter-Konto am 8. Januar doch noch gesperrt wurde, hieß es vonseiten Twitter, dass ein Risiko zu „weiterer Anstiftung zu Gewalt“ bestünde. Auch mit seinen beiden letzten Tweets – der Ankündigung, dass er nicht an Bidens Amtseinführung teilnehmen werde sowie einer Tirade, in der er dazu aufruft, seine 75 Millionen Wähler:innen nicht respektlos zu behandeln – hätte Trump bewiesen, dass er nach den Geschehnissen vom 6. Januar weiterhin spalten und zu weiteren Gewalttaten „inspirieren“ würde.

Der Washington Post sagte Navaroli, dass sie immer noch Hoffnungen habe in die Fähigkeiten des Internets, Menschen zu vernetzen. Doch solange Unternehmen wie Twitter nach wie vor Probleme hätten, zu den Risiken der Sozialen Medien Lösungen zu finden, führten die aktuellen Entwicklungen, die sie beobachte eher in eine „dystopische Zukunft“. Ihre Forderung: eine Balance zu suchen „zwischen freier Meinungsäußerung und Sicherheit“. (ska)

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