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60 JAHRE DANACH

Ein Mensch

Lotti Buchwald berichtet von der Rettung ihres Vaters durch einen russischen Soldaten. "Auch im Krieg kann es Momente geben, in denen auf Unterschiede zwischen Freund und Feind verzichtet wird", schreibt sie.

Mein Vater, Jahrgang 1903, war nicht zum Militär eingezogen worden, da er als Technischer Prüfer kriegswichtige Arbeiten ausführen musste. Er testete Instrumente für Kampfflugzeuge.

Die Nacht, in der unser Haus vollständig ausgebombt wurde, verbrachte er in einem Berliner Luftschutzkeller. Es war bereits Ende April 1945; russische Soldaten sah man an allen Ecken und die Häuserkämpfe waren im vollen Gange. Von den Dächern, aus den Fenstern, überall wurde geschossen. Trotz allem versuchte mein Vater, sich am nächsten Tag mit seinem Fahrrad im Schutze qualmender Ruinen, über Leichen, Trümmerberge und zerschossene Straßenbahnschienen aus dem Chaos zu retten. Weit kam er nicht! Ein Pfeifen, ein Ruck im Oberschenkel und ein Klicken in der Brusttasche seiner Jacke waren die Signale fürs Aus. Er stürzte vom Rad und blieb im stärksten Kugelhagel auf der Erde liegen... Mein Vater versuchte, mit seinem blutüberströmten Bein an den Straßenrand zu robben, aber bald verließen ihn die Kräfte.

Da erschien in einem Hauseingang ein russischer Offizier, der zu meinem Vater hinüber sah. Plötzlich spurtete er los, riss meinen Vater hoch und trug ihn auf den Armen in einen Keller, wo sich viele verwundete Soldaten aufhielten. Dort wurde ihm von russischen Sanitätern ein Notverband angelegt, denn Vater hatte einen Oberschenkel-Durchschuss erlitten. Das Klicken, das er in seiner Brusttasche vernommen hatte, stellte sich als Schuss heraus, der durch eine Ecke seines silbernen Zigarettenetuis gegangen war. Nie zuvor hatte er dieses in seinem Jackett aufbewahrt, denn eigentlich trug er das Futteral immer in der Gesäßtasche.

Einen Schutzengel hatte es sicher wirklich gegeben, denn mein Vater wurde mit den russischen Leidensgenossen in ein Lazarett transportiert und dort - soweit es damals eben möglich war - bestens versorgt und behandelt. Bis zum Spätsommer 1945 war er soweit wieder auf die Beine gebracht worden, dass er einen wochenlangen Fußmarsch in Richtung Westen antreten konnte. In Tangermünde überquerte er die Notbrücke über die Elbe. Dort konnten meine Mutter und ich ihn nach der langen, ungewissen Zeit wieder in die Arme schließen. Meine Eltern blieben in der DDR, ich bin 1955 nach Westdeutschland gegangen. Obwohl das Verhältnis zwischen den Deutschen und der russischen Besatzung nicht zum Besten stand, ließ mein Vater nie etwas auf die Soldaten der Roten Armee kommen und immer wieder hat er mir die Geschichte vom russischen Offizier erzählt, der nicht Freund oder Feind, der nur einen verwundeten Menschen sah.

Lotti Buchwald, Kehlbach

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