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Tahir Mutällip Qahiri zeigt ein Foto seines Vaters.

Uiguren

"Wo ist mein Vater?"

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Ein uigurischer Doktorand in Deutschland verzweifelt an Chinas repressiver Politik.

Tahir Mutällip Qahiri kann nicht schlafen, er raucht wie ein Schlot, er hat in einem Monat sieben Kilo abgenommen. „Der chinesische Staat und sein mächtiger Führer Xi Jinping hat die Bundesrepublik für mich in ein Lager verwandelt.“ Qahiri, 38 Jahre, promoviert in Göttingen in Turkologie und Zentralasienkunde. Seit Ende November weiß er, dass sein Vater Mutällip Sidiq Qahiri von der Polizei im Uigurischen Autonomiegebiet Xinjiang verhaftet wurde. Er wurde gegen seinen Willen eingereiht in das Millionenheer der „Verschwundenen“ in Xinjiang.

Der Grund? Vater Qahiri ist Onomastiker, er forscht über Namen und Begriffsfamilien der uigurischen Sprache und hat grundlegende Werke dazu verfasst. Bis zu seiner Pensionierung 2010 war Qahiri an der Pädagogischen Hochschule Kaschgar tätig. Ihm wird vorgeworfen, mit seinem 2010 veröffentlichten uigurischen Onomastikon (eine Art Lexikon, das nach Begriffsfeldern geordnet ist, nicht nach dem Alphabet) Propaganda für den Islam betrieben zu haben.

„Mein Vater ist kein Gläubiger“, insistiert Sohn Tahir. Seit 34 Jahren sei sein Vater Mitglied der Kommunistischen Partei Chinas. Mit Islamisten, gar mit dem „Islamischen Staat“, der laut Peking im Autonomiegebiet aktiv sein soll, habe der Namensforscher nicht das geringste gemein. Überhaupt sei der in der zentralasiatischen Region praktizierte Islam deutlich weniger konservativ als der arabische.

Vom Verschwinden seines Vaters erfuhr Tahir Mutällip Qahiri durch den uigurischen Dienst von „Radio Free Asia“ (bis 1971 von der CIA betrieben, seitdem ein von US-amerikanischen Behörden finanziertes, nichtkommerzielles Informationsmedium). Polizisten und die Universität Kaschgar bestätigten das Verschwinden von Sidiq Qahiri, eine Untersuchungskommission wurde an seiner Alma Mater eingesetzt. Gleichwohl schweigen höhere staatliche Stellen bislang zu dem Fall. „Radio Free Asia“ hat inzwischen gemeldet, dass gegen den Onomastiker die zweithöchste Strafe in einem parteiinternen Verfahren verhängt worden sei: zwei Jahre auf Bewährung und Zahlung von Geld. Die höchste Strafe ist der Parteiausschluss samt Verhaftung. Bis heute bleibt Sidiq Qahiri verschwunden.

Sein Sohn vermutet ihn in einem der neuen „Umerziehungslager“ - für ihn ein zweifelsfreies Zeichen für „eine Systematik der Unterdrückung und Vernichtung“. „Seit 2017 verschwinden Intellektuelle und Geschäftsleute.“ Ein Volk verliere nach und nach seine kulturelle Eigenständigkeit. Dabei sei es noch gar nicht so lange her, dass China sich ob der Vielfalt seiner Kulturen gerne selbst lobte: „2010 wurde für das Onomastikon meines Vaters viel Werbung getrieben“, sagt Qahiri. In den 80er Jahren habe man sich im Autonomiegebiet auch noch religiöser Freiheit erfreuen können. „Aber seit 1999 gibt es immer mehr soziale Probleme.“

Chinas verordneter Aufstieg zur politischen, wirtschaftlichen und militärischen Weltmacht geht auf Kosten des sozialen Friedens in dem Vielvölkerstaat. Qahiri, der 2006 nach Deutschland zum Germanistik-Studium kam, macht als Folge in Xinjiang einen Konflikt „zwischen Konfuzianismus und Islam“ aus. „Vielleicht ist es auch ein Krieg.“ Und sein Vater ist plötzlich zu einem Kriegsopfer geworden. „In meinen Gedanken herrscht nur ein Bild: Mein alter kranker Vater, der (...) beim Verhör grausam gefoltert wird.“ Ob es so ist? Niemand weiß es. Die Ohnmacht und die Ungewissheit nagen an Qahiri.

Auf seiner verzweifelten Suche nach Informationen hat Tahir Mutällip Qahiri vor einiger Zeit auch mit einem japanischen Professor gesprochen, der in Xinjiang war. „Er erzählte, dass Ausländer dort keine Probleme mit der Ordnungsmacht hätten. Aber für die Uiguren ist es eine ganz andere Sache: Es ist dort wie in Südafrika zur Zeit der Rassentrennung.“

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