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Der Polizist Karl-Heinz Kurras (r.) vor seinem Prozess, in dem er sich für den Schuss auf Ohnesorg verantworten musste.

Ohnesorg-Todesschütze

"Mein Fall ist längst verjährt"

Der als Stasi-Informant enttarnte Ex-Polizist Karl-Heinz Kurras soll seine Auftraggeber über Jahre hinweg mit Interna der West-Berliner Polizei versorgt haben. Politiker fordern die Aufklärung. Kurras selbst gibt sich sorglos.

Berlin. Der als Stasi-Informant enttarnte frühere Berliner Polizist Karl-Heinz Kurras soll seine Auftraggeber über Jahre hinweg mit Interna der West-Berliner Polizei versorgt haben. Kurras, der am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschoss, bestreitet derweil, Geld vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit (MfS) bekommen zu haben.

Nach dem Tod Ohnesorgs und dem Freispruch für Kurras radikalisierte sich damals ein Teil der Studentenbewegung. Laut "Spiegel" lieferte Kurras als IM "Otto Bohl" vor dem tödlichen Schuss auf Ohnesorg Informationen über Mitarbeiter, Personalveränderungen und die Arbeitsweise verschiedener Polizeidienststellen.

Zusätzlich habe er Personendaten von DDR-Flüchtlingen gesammelt, geplante Durchsuchungen bei Spionage-Verdächtigen verraten und die Stasi über Fluchthelfer, mögliche Fluchttunnel und unterirdische Schießanlagen der Alliierten informiert.

Seine Führungsoffiziere statteten Kurras laut Stasi-Akten mit Abhör-Mikrofonen aus, die er im Dienstzimmer des Leiters der Berliner Kriminalinspektion Tiergarten installieren sollte. In den Akten finden sich laut "Spiegel" auch Protokolle von Kurztreffs, bei denen Kurras Büchsen mit Filmen oder Nachschlüssel für Panzerschränke und Diensträume der Polizei übergab.

Im Jahr 1965 habe Kurras seinem Führungsoffizier berichtet, dass er in eine Sonderermittlungsgruppe des West-Berliner Staatsschutzes aufgenommen worden sei, die sich mit dem Aufspüren von Verrätern in den eigenen Reihen beschäftige. Die Stasi versuchte offenbar auch, Kurras für sogenannte Romeo-Aufträge zu gewinnen, also auf Frauen anzusetzen, um Informationen zu gewinnen. Dies sei gescheitert.

"Den Fall kann man sich auf den Hintern klatschen"

Der 81-jährige Kurras selbst, der laut "B.Z." in Berlin-Spandau lebt, bestreitet, jemals Honorare von der Stasi bekommen zu haben. Kurras sagte der Zeitung: "Ich habe nie Geld von denen bekommen. Das haben die sich alles selbst eingesteckt." Er fügte hinzu: "Was vor 40 Jahren passiert ist, darüber will ich nicht nachdenken. Ich habe kein schlechtes Gewissen. Das ist für mich abgeschlossen, das war es schon gleich, nachdem es passiert ist."

Auf die Frage, ob er für die Stasi gearbeitet habe, antwortete er: "Die wollten danach nichts mehr mit mir zu tun haben." Seinen Fall hält er für "längst verjährt. Das kann man sich auf den Hintern klatschen."

Gleichwohl stellt der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Schütz (SPD), die Pensionsberechtigung des Beamten Kurras nachträglich infrage. Schütz sagte: "Ich halte es für einen Skandal, dass jemand wie Kurras offenbar seine Pensionsbezüge ohne eine Dienstaufsichtsbeschwerde weiter bezieht." Er gehe davon aus, dass der Berliner Polizeipräsident die Frage prüfen werde. Am Donnerstag war bekanntgeworden, dass Kurras seit 1955 für die Stasi spionierte.

Schütz war im Oktober 1967 zum Regierenden Bürgermeister von Berlin gewählt worden, nachdem sein Amtsvorgänger, Heinrich Albertz (SPD), wegen des Falls Ohnesorg zurückgetreten war.

Schily: "Die Akten müssen geprüft werden"

Der damalige Nebenkläger und frühere Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) forderte eine eingehende Prüfung der Stasi-Akten von Kurras. "Die Akten müssen sehr genau geprüft werden. Welchen Auftrag hatte der Polizeibeamte Kurras von der Stasi wirklich? Sollte der Mann womöglich gezielt provozieren? Sollte er die gesellschaftlichen Spannungen in Westdeutschland und in Westberlin verschärfen?"

Der SPD-Politiker betonte zugleich, bisher gebe es keine Anhaltspunkte für einen Auftragsmord. "Das sind Spekulationen." Allerdings müsse der Fall Ohnesorg politisch und juristisch neu bewertet werden. Schily hatte Ohnesorgs Vater als Nebenkläger im Prozess gegen Kurras vertreten.

Stefan Aust hält Auftrags-Mord für möglich

Der RAF-Experte Stefan Aust sagte, es gebe "erheblichen Aufklärungsbedarf". Der Verdacht sei "nicht ohne Weiteres von der Hand zu weisen", dass die Erschießung Ohnesorgs eine "geplante Aktion" gewesen sei. "Nicht in dem Sinn, dass speziell Ohnesorg erschossen werden sollte, sondern etwas zu machen, was richtig Öl ins Feuer gießt", sagte der Ex-Chefredakteur des "Spiegel" dem "Hamburger Abendblatt" vom Samstag.

Ohnesorgs Tod löste seinerzeit eine Radikalisierung der Studentenbewegung im Westen aus. Kurras hatte am 2. Juni 1967 am Rande einer Demonstration aus nächster Nähe auf den Studenten Ohnesorg geschossen. Dieser erlag später seinen schweren Verletzungen.

Das Landgericht Berlin sprach den Beamten 1967 aus Mangel an Beweisen vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung frei. Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde fanden nun Akten, wonach Kurras seinerzeit für die DDR-Staatssicherheit arbeitete.

FDP-Generalsekretär Dirk Niebel forderte "eine rückhaltlose Aufklärung von Stasi-Verstrickungen in der alten Bundesrepublik". "Die Zeit des Vertuschens muss endlich ein Ende haben", erklärte Niebel am Sonntag in Berlin. (ddp/afp)

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