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Jobs im Kohleabbau gehören nicht zu einer nachhaltigen Zukunftsvision – es gäbe genügend Alternativen.
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Jobs im Kohleabbau gehören nicht zu einer nachhaltigen Zukunftsvision – es gäbe genügend Alternativen.

Bundestagswahl 2021

Arbeitspolitik: 20 Stunden Lohnarbeit pro Woche reichen

  • Stephan Hebel
    VonStephan Hebel
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Zu tun gibt es auch sonst genug, sagt Charlotte Hitzfelder vom Konzeptwerk Neue Ökonomie. Sie wünscht sich eine nachhaltige Reform der Arbeitspolitik von der neuen Regierung. Im Interview spricht sie über Entfremdung im Job, die gerechte Verteilung der Sorgearbeit.

Frau Hitzfelder, was verbinden Sie mit Angela Merkel?

Ich habe mein halbes Leben in ihrer Amtszeit verbracht. Politik ohne Merkel kann ich mir gar nicht konkret vorstellen, auch wenn ich sie mir sehr gern vorstellen möchte. Ich bin gespannt, wie es ohne sie ist.

Erinnern Sie sich an einen besonderen „Merkel-Moment“?

Ja, das war vor relativ kurzer Zeit, als sie versucht hat, den CDU-Vorsitz an Annegret Kramp-Karrenbauer abzugeben. Da hat eine Frau über viele Jahre eine sehr machtvolle Position, aber sie scheitert an irgendwelchen Männer-Crews mit dem Versuch, sie an eine andere Frau weiterzugeben. Dass so lange eine Frau im Amt war, hat sicher etwas verändert. Aber das Scheitern von AKK zeigt für mich schon, wie schwer es ist, diesen Weg nachhaltig abzusichern.

Was sind Ihre Erwartungen an die nächste Bundesregierung?

Eine Reduzierung der Erwerbsarbeit auf 20 Stunden pro Woche bei vollem Lohnausgleich für mittlere und untere Einkommen.

Warum das?

Ich glaube, wenn die Lohnarbeit nicht mehr so sehr im Zentrum stehen würde, könnten andere Dinge an Bedeutung gewinnen: gesellschaftliches Engagement, Sorgearbeit, aber auch einfach mal nichts zu tun und Muße zu haben. Es wäre also eine Umverteilung nicht nur von Reichtum, sondern auch von Zeit und Arbeit.

Charlotte Hitzfelder (32) arbeitet beim Konzeptwerk Neue Ökonomie in Leipzig. Sie befasst sich mit Sorgearbeit und feministischer Wirtschaftstheorie . Nach einer kaufmännischen Ausbildung in einem Krankenhaus machte sie auf dem Zweiten Bildungsweg Abitur und studierte Politikwissenschaft. Das Konzeptwerk wirbt um einen sozial-ökologischen Umbau und eine Wirtschaft ohne Wachstum. Es finanziert sich aus Aufträgen etwa von Ministerien und Stiftungen, aus Honoraren für Vorträge und Seminare sowie aus Spenden.

Das müssen Sie näher erläutern.

Die Pflege in Altenheimen wird zu 80 Prozent von Frauen geleistet, auch wenn es auf der Leitungsebene eher anders aussieht. Umgekehrt arbeiten in der Kohleproduktion sicher mehr Männer als Frauen. Ich würde mir erhoffen, dass Männer sich stärker an der Sorgearbeit beteiligen. Natürlich geht das nicht allein mit Arbeitszeitverkürzung. Wir reden von Strukturen, die über lange Zeit gewachsen sind. Die überwinden wir nicht einfach so. Aber wir brauchen Stellschrauben, um sie zu verändern.

Das gleiche Geld für etwas mehr als die halbe Arbeitszeit: Wer soll das bezahlen?

Das geht nur mit erheblicher Umverteilung, also mit einer viel stärkeren Besteuerung von reichen Menschen und gewinnorientierten Unternehmen, vor allem auch unter ökologischen Aspekten. Im Übrigen glaube ich nicht, dass wir den vollen Lohnausgleich für untere und mittlere Einkommen unbedingt dauerhaft brauchen. In einer gerechten Zukunft, so wie ich sie mir vorstelle, werden wir anders konsumieren und produzieren. Nämlich innerhalb der planetaren Grenzen und nach den Bedürfnissen der Menschen. Es geht eher um eine Übergangsphase, in der mehr Lohngerechtigkeit hergestellt würde.

Wäre denn die Arbeit, die es zu tun gibt, dann überhaupt noch zu bewältigen?

Wir müssen uns fragen: Was brauchen wir zum Leben? Was brauchen wir, damit die kommenden Generationen noch auf unserem Planeten leben können?

Zur Info

Mehr unter konzeptwerk-neue-oekonomie.org

Wären die Menschen zufriedener, wenn Einkommen durch Zeit ersetzt wird?

Das wäre jedenfalls meine Hoffnung. Wie oft klagen Leute über Stress und zu wenig Zeit! Vielen macht auch die Entfremdung zu schaffen: Der Job erscheint praktisch sinnlos, weil er in einem Zusammenhang stattfindet, der gar nicht mehr nachzuvollziehen ist. Zugleich sind Menschen auf ihren Job angewiesen. Unter Wohlstand verstehe ich, dass wir uns als Gesellschaft fragen, wie ein gutes Leben für alle aussehen kann, und nicht, was am meisten Profit für Einzelne abwirft.

Aber die Menschen wollen konsumieren.

Ja, das ist ja Teil unseres Systems: Sich etwas leisten zu können, in Urlaub zu fahren und so weiter. Was ja nicht grundsätzlich schlecht ist. Aber ich glaube, die Erkenntnis würde sich durchsetzen, dass es auch einen „Wert“ hat, gute Freundschaften zu pflegen oder sich um Kinder zu kümmern oder von mir aus auf dem Balkon Radieschen anzupflanzen – oder eben auch politisch aktiv zu sein. Zu meiner Vorstellung von Gesellschaft gehört es, dass wir künftig viel mehr entscheiden können, gerade dort, wo wir leben. Dazu braucht es viele Gespräche und Kontakte, und auch das kann ja wert-voll sein. Wertvoller als der ganze Schnickschnack, den wir konsumieren.

Welchen Schnickschnack meinen Sie?

Gehen Sie mal in den Supermarkt und schauen Sie sich das Senfregal an. Da können Sie aus 30 Senfsorten wählen. Die sind bestimmt alle lecker, aber warum reichen nicht zehn oder fünf?

„Ich würde versuchen, den Leuten Lust zu machen auf sinnvolle, nachhaltige Arbeit. Mit der sich dann im Zweifel auch ein Haus abbezahlen lässt.“

Charlotte Hitzfelder

Scharfes Beispiel. Dennoch würde Ihnen ein Kohlekumpel heute wahrscheinlich antworten, dass er sein Haus abbezahlen muss und keine Lust hat, sich für weniger Geld an ein Krankenbett zu stellen.

Ich behaupte nicht, dass dieser Konflikt leicht zu lösen ist. Aber ich setze ja auf einen sozial-ökologischen Umbau: raus aus fossilen Energieträgern, rein in eine bessere soziale Infrastruktur. Wenn wir das ernsthaft erreichen wollen, gibt es richtig viel zu tun. Und wir können sehr viel gewinnen, nämlich all diejenigen hören, die aktuell unsichtbar sind: zum Beispiel Frauen und alle weiteren marginalisierten Personen.

Also nicht nur ab in die Pflege?

Sicher, es gibt diesen großen, massiv unterbesetzten Sorge-Sektor mit Gesundheit, Pflege oder Kinderbetreuung, und es wäre schon sehr cool, wenn dort mehr Männer arbeiten würden. Aber wir müssen die erneuerbaren Energien ausbauen, wir brauchen ein komplett anderes Stromnetz, eine ganz andere Mobilität, bezahlbare Wohnungen, eine Umstellung der Landwirtschaft und vieles andere. Ich würde versuchen, den Leuten Lust zu machen auf sinnvolle, nachhaltige Arbeit. Mit der sich dann im Zweifel auch ein Haus abbezahlen lässt.

Soll die 20-Stunden-Woche vom Staat vorgeschrieben werden?

Politik müsste eine gute Wegbegleiterin sein und auch Impulse setzen. Aber echte Transformation wird es nur im Zusammenspiel mit Gewerkschaften und sozialen Bewegungen geben.

Was macht Ihnen Hoffnung?

Zum Beispiel das Bundesverfassungsgericht, das ja in jüngster Zeit zwei wichtige Urteile gefällt hat. Zuerst ging es um den Berliner Mietendeckel, der zwar leider gekippt wurde, allerdings nur, weil dem Land Berlin die Zuständigkeit fehlte. Ich sehe das als Impuls, dass ein Mietendeckel auf Bundesebene eingeführt werden kann und, wie ich finde, muss. Und dann die Entscheidung zum Klimaschutzgesetz. Es macht mir schon Hoffnung, dass Regierungen gezwungen werden, nachzujustieren. Sogar die CDU setzt ja inzwischen auf ambitioniertere Klimaschutzziele, für ihre Verhältnisse jedenfalls. Ich glaube allerdings nicht, dass das reicht, und es sieht schon sehr nach einem grünen Anstrich aus für eine Politik, die in der alten Wachstumslogik bleibt.

Wenn eine andere Politik nur durch gesellschaftliche Bewegungen durchzusetzen ist: Sind die nicht viel zu schwach sind und auch zu wenig vernetzt?

Corona hat die sozialen Bewegungen sicher geschwächt, und es ist schon traurig anzusehen, wie rechte und verschwörungstheoretische Ideologien die Straße erobern. Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung. Zum Beispiel das Volksbegehren „Deutsche Wohnen und Co. enteignen“ in Berlin. Dort existieren auch bereits Kooperationen zwischen Initiativen gegen die Wohnungsspekulation und Beschäftigten in Krankenhäusern. Das heißt: Veränderung ist möglich, und sie muss sichtbarer werden.

Interview: Stephan Hebel

Die Serie

Zur Bundestagswahl am 26. September will die FR denjenigen Gehör verschaffen, die sich auch jenseits der Parteien engagieren: für neue Formen des Wirtschaftens, die den Planeten nicht zerstören. Für wohnliche Städte, gesunde Ernährung, umweltfreundliche Mobilität. Für mehr politische Teilhabe und Gleichberechtigung.

Diese Menschen haben den Mut , auch das zu wählen, was nicht zur Wahl steht. Oft sind es nachdenklich-leise Töne, die von den Mächtigen in Politik und Wirtschaft arrogant ignoriert und von rechtspopulistischen Lautsprechern übertönt werden. Die FR-Serie „Wir können auch anders“ soll ein Verstärker für diese inspirierenden Stimmen sein.

Auch Sie, die Leserinnen und Leser, können sich an unserer Serie beteiligen. Was wäre das Erste, das die nächste Bundesregierung tun sollte? Schreiben Sie Ihre Antwort in einem bis drei Sätzen auf und schicken Sie sie an bundestagswahl21@fr.de . Eine Auswahl veröffentlichen wir im Rahmen der Serie.

In der nächsten Folge geht es um Rassismus.
Sie erscheint am Freitag, 11. Juni.

Zuletzt erschienen: eine Folge zum Schwerpunkt Kunst und Kultur am Freitag, 4. Juni.

Alle Teile zum Nachlesen unter fr.de/Bundestagswahl

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